Heinz Helle
Ist das Leben zumutbar?

Reden und trinken, trinken und reden. Zwei Brüder auf Kneipen-Odyssee in München. Die Nacht ist kalt, die Themen sind schwer. Wenig später stirbt der Ältere. Der Nachruf des Jüngeren ist ein trauriger Gedankenfluss – getragen von zarter Bruderliebe.

Von Marit Borcherding

Helle: Die Überwindung der Schwerkraft © Suhrkamp
„Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb.“ Sieben Jahre ist der ältere Bruder nun schon tot, und der jüngere – ein namenloser Erzähler in Heinz Helles Roman Die Überwindung der Schwerkraft – kann ihn nicht vergessen. Er spürt ihn allenthalben, weigert sich im Grunde seines Herzens, dessen Tod zu akzeptieren. Deshalb ruft er die Erinnerung an ihn wach, kaum dass sie zu verblassen droht. Dieser mäandernde Strom seiner Gedanken formt sich zu einem berührenden Denkmal für einen schonungslos hellsichtigen Melancholiker – und ist gleichzeitig eine Art Essay über die Anstrengungen des Einzelnen, auf die Zumutungen der Welt zu reagieren.

„But I lost it somehow“

Ganz prosaisch beginnt alles in abgeranzten Münchner Kneipen. Holy Home, Flaschenöffner, Sunshine Pub: Hier sorgen die Brüder dafür, dass ihr Alkoholpegel steigt und steigt, dass alles verschwimmt, Gegenwart und Erinnerungen sich in Gedächtnis und Rede durchdringen. Dazwischen bleibt Zeit, ekstatisch Kneipenhits mitzugrölen: „It must have been love.“ Eigentlich sind sie Stiefbrüder: Der Vater verließ die Mutter des Älteren, um die Mutter des Jüngeren zu ehelichen, die Mutter des Älteren stirbt vor Unglück – so wurde ein Grundstein für die Trauer des Älteren gelegt, während der Jüngere niemals loskam von seinen Schuldgefühlen.

Das Ich und die Welt

Und so scheinen die Themen Familie, Vatersein, die Verantwortung von Erwachsenen gegenüber Kindern immer wieder auf in dem brüderlichen Austausch – ein durchaus irritierendes Nebeneinander von Reflexionen über die Lieblosigkeit des eigenen Vaters gegenüber dem Älteren, der sich seinerseits geradezu obsessiv mit dem belgischen Kindermörder Marc Dutroux beschäftigt. Was ihn, den Einsamen, wiederum nicht davon abhält, sich auf eigenes Vaterglück mit dem Kind seiner Freundin, einer Prostituierten, zu freuen. Wie das ausgeht, lässt sich ahnen.

Die von den Protagonisten gedachten und geäußerten Schleifen von weltgeschichtlichen Ereignissen und den Versuchen, diese zu verstehen und ins eigene Wertesystem einzuordnen, ziehen sich durch das gesamte Buch. So sinniert der Jüngere beim Anblick des Heizkraftwerk-Schornsteins am Isarufer: „Es war schon damals nicht mehr möglich, einen Satz zu bilden, der die Worte Turm und Flugzeug enthielt, ohne an jene Allgemeingut gewordene Stadt zu denken, an das Land, für das sie steht, die Wunde, die beiden zugefügt worden war, und wie man sie, beim Versuch die Verletzung auszumerzen, weiter und weiter aufriss ...“

Markierungen

Die Eindringlichkeit des Helle-Romans ist auch ein Ergebnis der vom Autor gewählten Form. Keine Aufteilung in Kapitel, keine Absätze, nicht enden wollende Satzschlangen: All dies kündet von der Gleichzeitigkeit der Suche nach einem guten Leben und der Bedrohung dessen durch die Gewalt in der Welt. Es symbolisiert aber auch die hypnotische Kraft einer von Empathie getragenen Kommunikation. Und nicht zuletzt initiiert der schmale Roman ein aufmerksames Leseverhalten: Wie bei manchen Rätseln, bei denen man aus einer Buchstabenfläche Wörter herausfinden soll, verlockt auch diese Textfläche dazu, einzelne Sätze und Passagen zu markieren – woraufhin diese plötzlich zu schweben beginnen.

Helles Buch ist ein Geschenk, weil es die Lesenden nicht unterfordert, weil es ein ungewöhnlich konstruiertes Wort- und Gedankengebäude mit ineinandergreifenden leichten und schweren Erzählelementen ist, das die mehrmalige Lektüre lohnt. Und das auf Lichtblicke verweist – zum Beispiel auf die Straßenverkehrsordnung. Denn deren Regeln, ausgedrückt in Symbolen und Zeichen, dienen dazu, Leben in einer ansonsten eher feindseligen Umwelt zu bewahren: „... hier soll niemand sterben, auf diesem Stück Teer ... und  auch nirgendwo sonst, seid bitte vorsichtig, passt auf euch auf, hört ihr, so und so sind die Regeln, sie sind gut, hört sie euch an, bitte, und wenn alle mitmachen, werden weniger von uns zerschmettert oder zerquetscht werden ...“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Helle, Heinz: Die Überwindung der Schwerkraft
Berlin: Suhrkamp, 2018. 208 S.
ISBN: 978-3-518-42823-8

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