Carolin Scharpff-Striebich
Immer schön abstrakt bleiben

Abstrakte Kunst ist nicht einfach zugänglich. Sie ist die Lyrik unter den Bildenden Künsten. Viele Menschen stehen ihr ratlos gegenüber. Ein Interviewband bietet nun einen anekdotischen Zugang zu abstrakten Bildern.

Von Holger Moos

Scharpff-Striebich: Let's talk abstract © Distanz
Wer kann schon von sich behaupten, sein Lieblingsbild aus Kindertagen ist ein nicht gegenständliches Gemälde? Carolin Scharpff-Striebich ist mit Kunst aufgewachsen. Sie starrte als Kind immer wieder intensiv auf ein zwei Mal zwei Meter großes abstraktes Gemälde von Rupprecht Geiger, schloss dann die Augen und beschrieb ihren Freundinnen die Nachbilder. Ihre Eltern, Rudolf und Ute Scharpff, bauten ab den 1960er-Jahren die Sammlung Scharpff auf. Die Sammlung kooperiert mit diversen Museen, z.B. mit der Hamburger Kunsthalle, der Staatsgalerie Stuttgart oder dem Kunstmuseum Bonn.
 
2004 übernahm Carolin Scharpff-Striebich die Leitung der Sammlung Scharpff. Sieist in der Kunstszene gut vernetzt und ist Mitglied verschiedener Kommissionen, etwa in der Tate Modern in London oder im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris. Nun hat sie in Let’s talk abstract 16 renommierte Kunstexpertinnen und -experten zu jeweils einem ungegenständlichen Gemälde befragt. Ausgewählt wurden die Werke von den Gesprächspartnern/-innen.

Aus dem Kanon wurde der Mainstream

Jedes Gespräch nimmt einen anderen Verlauf. Das Gespräch mit Marion Ackermann, der Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, über Bridget Rileys Bild In excelsis (2010) , das aus vielen farbkräftigen Streifen besteht, führt zur altmeisterlichen Malerei und wie man durch den Einsatz von Komplementärfarben (z.B. Rot und Grün) die Illusion von Dreidimensionalität erzeugt.
Der Kunstkritiker Walter Grasskamp hat Roy Lichtensteins Brushstroke (1965) ausgewählt, weil er das Gemälde für eine der wenigen guten Arbeiten des amerikanischen Pop Art-Künstlers hält, es führe über die ansonsten auf Dauer ermüdende „werktypische Witzigkeit“ Lichtensteins hinaus. Im weiteren Verlauf dieses Gesprächs geht es folgerichtig auch um allgemeinere Themen, wie etwa den Kanon, dem gemäß Grasskamp heutzutage das Bildungsbürgertum fehlt, „das ihn formuliert, verteidigt und tradiert“. Gegenwärtig werde jede Form des Kanons nicht mehr als Bildungsaufgabe, sondern als undemokratische Bevormundung betrachtet. Nun regele der Markt das Geschäft mit der Kunst – und aus dem Kanon sei der Mainstream geworden. Die Künstler und Künstlerinnen seien der „Verwertungsbrutalität des heutigen Kunstmarkts“ gnadenlos ausgeliefert. Es ist unverkennbar: Grasskamp ist Kunstsoziologe.

Keine Angst vor abstrakter Kunst

Die Einwände Eva Heppers von Deutschlandfunk Kultur gegenüber dem Gesprächsband sind zwar nachvollziehbar: Der Anschaulichkeit hätte es durchaus gut getan, wenn die Abbildungen größer wären. Und die Gespräche wären sicher noch lehrreicher gewesen, wenn es mehr Meinungsverschiedenheiten gegeben hätte. Nichtsdestotrotz ist das Buch eine gelungene Hinführung zur Abstrakten Kunst – auch und gerade für Menschen, die sich eventuell etwas schwer damit tun.
 
Man sollte sich von abstrakter Kunst nicht abschrecken lassen, sondern es mit dem Kunstkritiker Hans-Jürgen Hafner halten: „Unser Alltagsleben ist im Wesentlichen viel komplizierter als jede Kunstbegegnung.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Scharpff-Striebich, Carolin (Hg.): Let’s talk abstract.
Berlin: Distanz, 2018. 224 S.
ISBN:  978-3-95476-241-5

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