Christoph Hein
Was zählt im Leben?

Christoph Hein, renommierter ostdeutschen Schriftsteller, hat ein Kinderbuch geschrieben. Es ist eine Mischung aus Rat- und Impulsgeber und handelt von den 20 wichtigsten Dingen im Leben – aus der Sicht von Christoph Hein.

Von Holger Moos

Hein: Alles was du brauchst © Hanser
Alles, was du brauchst verspricht 20 Lebenswichtigkeiten, die glücklich machen. Das sind Dinge wie ein Fahrrad oder ein schönes Kleid, Menschen – Freund, Mama, Familie usw. – oder auch Gefühle wie verliebt zu sein.

Die Grande Dame der Kinderbuchillustration, Rotraut Susanne Berner, hat zu jedem Kapitelchen jeweils eine ganzseitige, sehr gelungene Illustration beigesteuert. Eine schöne Idee für das Kapitel „Ein Zimmer“ ist etwa der Blick durchs Schlüsselloch in ein Kinderzimmer hinein. Dieses Bild vermittelt, wie wichtig es ist, einen Rückzugsort zu haben. Es zeigt auf einfache, aber raffinierte Weise zugleich, dass man dort einerseits nicht ganz unbeobachtet und andererseits auch nicht ganz allein ist. Kein Mensch ist eine Insel.

Das Cover präsentiert einen Jungen, der in einen überdimensionalen Koffer blickt – eine Anspielung auf seine Kindheitserinnerungen, die Christoph Hein im Vorwort aufscheinen lässt. Er beschreibt, wie er als Kind einmal anlässlich eines anstehenden Krankenhausaufenthalts einen Koffer mit den für ihn wichtigsten Dingen packen sollte. Es wurden vier Koffer, deren Inhalt er am Ende zum Großteil gar nicht brauchte.

Mama und Familie sind sakrosankt

Heins Texte sind ein bis drei Seiten lang. Für Kim Kindermann ist jeder Text „eine kleine Kostbarkeit und klingt fast wie ein Liebesbrief zum jeweiligen Thema“ (Deutschlandfunk Kultur). Auch Fritz Göller ist in der Süddeutschen Zeitung angetan von Heins Ratgeber, der „Konzentrat bürgerlicher Aufgeklärtheit, einer allwissenden Heimeligkeit [ist], wie sie in den Fünfzigern und Sechzigern sich herausbildete, in der Kästner-Tradition“.
 
Doch genau das ist manchmal auch das Problem der Texte von Christoph Hein. Unkonventionell sind diese und die beschriebenen wichtigsten Dinge eher nicht. Manches ist etwas zu onkelhaft bis großväterlich formuliert. So singt er das Hohe Lied der „Mama“ und auch die Familie scheint bei ihm sakrosankt. Man verliert Familienmitglieder nur durch den Tod. Was sich Trennungs- oder Scheidungskinder bei der Lektüre wohl denken mögen? Auch wenn es eine Binse ist, hier passt sie: Das, was nicht erzählt wird, sagt genau so viel aus über einen Text und einen Autor wie das, was erzählt wird.

Anlass zur Selbstbefragung

Überhaupt habe ich mich bei der Lektüre der Texte gefragt, wie sich Kinder fühlen, die einige oder mehrere der genannten Dinge und Gefühle weder haben noch kennen. Wie viele Erwachsene denkt und schreibt Hein oft normativ. Da könnten Jungen und Mädchen, die etwa aus sogenannten bildungsfernen Schichten stammen, traurig darüber sein, dass es in ihrem familiären Umfeld nicht zum guten Ton gehört, den Kindern das „Musik machen“ zu ermöglichen, wie ein Kapitel heißt.
 
Andererseits kann das Buch natürlich auch dazu ermuntern, Christoph Heins Setzungen kritisch zu betrachten. Dann sind die Vorschläge des Autors ein willkommener Anlass, sich zu fragen, was einem wirklich wichtig ist im Leben. Und das Ergebnis kann eine ganz andere Liste sein.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Hein, Christoph: Alles, was man braucht. Die 20 wichtigsten Dinge im Leben. Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner
München: Hanser, 2019. 88 S.
ISBN:  978-3-446-26273-7

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