Alexander Pechmann
Eine Geistergeschichte

Alexander Pechmanns Buch ist eine Reise in das London der 1920er-Jahre: eine Welt voller Geisterseher, Opium rauchender Prinzessinnen und chinesischer Drogenbarone.

Von Holger Moos

Pechmann: Die Nebelkrähe © Steidl
Wenn man keine Lust hat, den nächsten deutschen Gegenwartsroman zu lesen, der in Berlin spielt und/oder den psychosozialen Problemen unserer Zeitgenoss*innen nachspürt, bietet es sich bestens an, dieser bisweilen etwas bornierten Lebenswelt mittels Alexander Pechmanns Roman Die Nebelkrähe zu entkommen.
 
Das Buch entführt in eine andere Zeit, ein anderes Land. Es ist allerdings nicht eskapistisch, sondern stellt große Fragen. Und es basiert auf einer wahren Geschichte, geht aber wie jeder gute Roman weit über die sicht- und erzählbare Wirklichkeit hinaus und gibt keine falschen, weil eindeutigen Antworten.
 

Nachricht aus dem Jenseits

Eingangs wird man unvermittelt in die Lebenswelt des jungen Weltkriegsveteranen Peter Vane geworfen, der mittlerweile Mathematik studiert. Sein Name ist nicht zufällig ein Homophon zum englischen vain (vergeblich, nutzlos). Er wird von seinen Erlebnissen an den Fronten des Ersten Weltkriegs verfolgt. In Träumen und Halluzinationen erscheint ihm sein Kriegskamerad Finley, dessen Spur er verloren hat, nachdem dieser mit zerfetzter Hand vom Schlachtfeld abtransportiert worden war. Nachforschungen nach Kriegsende bleiben ergebnislos. Auf den folgenden Seiten macht Pechmann nun nicht diese posttraumatische Belastungsstörung zum Thema, schließlich gab es damals diesen Begriff noch nicht. Folgerichtig schlägt der Autor einen anderen Weg ein.

Finley hatte Vane die mysteriöse Daguerreotypie eines Mädchens überlassen. Nun muss er erleben, wie ihm eine Mädchenstimme einen Namen zuraunt: Lily. Aufgewühlt davon, wird Vane bald von einem Kommilitonen in die Welt der Parapsychologie eingeführt, sie besuchen die London Spiritualist Alliance, einen Verein zur Erforschung parapsychologischer Phänomene. Vane landet bei der Irin Hester Dowden, die ein bekanntes Medium ist und ihm in Séancen zur Kommunikation mit einem Geist verhilft: kein Geringerer als Oscar Wilde.

Vane steht dem vermeintlichen Hokuspokus skeptisch gegenüber. Er sträubt sich, doch eine schillernde junge Frau namens Dolly, die ihn zu diesen Séancen fährt und dabei Abstecher zu dem Drogenbaron Brilliant (Billy) Chang macht, um sich mit Stoff zu versorgen, übt eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Sie entpuppt sich als Dorothy Wilde, eine Nichte des Schriftstellers.

Das Geschenk der Illusion

Das weitere Geschehen führt die beiden zu Mary Mabel Cosgrove alias Prinzessin Chan Toon alias Prinzessin Arakan. Die ist nicht nur opiumsüchtig, sondern tischt ihnen auch eine Geschichte um ein angeblich unveröffentlichtes Werk von Oscar Wilde auf. Außerdem stellt sie eine ungeahnte Verbindung zum verschwundenen Kriegskameraden Finley her.
 
Alexander Pechmann ist ein Experte für angelsächsische Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach Aufzeichnungen der historischen Figur Hester Dowden, die in ihren Publikationen sowohl Botschaften von Oscar Wilde als auch die Anwesenheit eines „Mr. V“ erwähnt, entwirft er eine abenteuerliche Geschichte, die er atmosphärisch überzeugend und spannend wie eine Geistergeschichte zu erzählen vermag. Angereichert ist sie mit Gedanken über Wissenschaft und deren Grenzen sowie über Wahrheit, Illusion und Lüge – ein Spannungsverhältnis, zu dem Dolly Folgendes zum Besten gibt: „Wenn die Illusion uns etwas gibt, was die Wirklichkeit uns nicht geben kann, ist sie ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten“. Dieser Satz hätte wohl auch dem Geist von Oscar Wilde gefallen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Pechmann, Alexander: Die Nebelkrähe
Göttingen: Steidl, 2019. 176 S.
ISBN: 978-3-95829-583-4

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