Albrecht Selge
Immer gegen die Fahrtrichtung

Normalerweise steigt man in den Zug, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Was aber, wenn jemand das Verkehrsmittel nicht für den Weg von A nach B nutzt, sondern sich darin einrichtet? Albrecht Selge porträtiert eine ICE-Nomadin mit Bahncard 100, die unterwegs das Fliegen lernt.

Von Marit Borcherding

Selge: Fliegen © Rowohlt
„Rentnerin ohne Bleibe lebt im Zug“: Würde sich angesichts von grassierendem Mietwahnsinn und weiblicher Altersarmut hierzulande jemand über eine solche Schlagzeile wirklich wundern? Wohl kaum. Der Autor Albrecht Selge hat dieses nicht so fern liegende Thema in seinem Werk Fliegen aufgegriffen, nicht jedoch in Form einer Sozialreportage, sondern als Roman.

Was nicht heißt, dass die Unbilden der Wirklichkeit ausgegrenzt werden – im Gegenteil. So wird im Laufe der Geschichte nach und nach enthüllt, dass die namenlose Heldin des Buches zuvor angestellt in einem Reisebüro gearbeitet hatte, das Konkurs anmelden musste. Einen Ehemann hatte es auch mal gegeben, sogar einen Geliebten. Nun waren beide schon länger weg. Wie auch die Wohnung, gekündigt wegen Eigenbedarf. Die mickrige Rente reicht nicht wirklich für ein schönes neues Heim, jedoch immerhin für die Bahncard 100. Und deshalb ist die schmächtige Frau auf dem Schienennetz der Deutschen Bahn unterwegs, immer im Kreis, immer gegen die Fahrtrichtung sitzend. Sie verdient sich durch Flaschensammeln etwas dazu, nutzt die geräumige Behindertentoilette als ihr Bad, hat mittlerweile wohlwollende Freunde beim Zugpersonal, kommt anderen Pendelnden näher.

Blicke von innen nach außen

Die Tage vertreibt sie sich vor allem auf zweierlei Weise: „Blickte viel aus dem Fenster. Ist doch, wenn nicht der, dann ein Sinn des Zugfahrens.“ Und wenn sie nicht blickte, dann las sie: „Sie las viel. Ein, wenn nicht der Sinn des Zugfahrens.“ Neben allem, was so liegenbleibt unterwegs, ist vor allem „das kleine dicke gelbe Buch“ ihre Lieblingslektüre – obwohl der Titel nie genannt wird, ist durch allerlei Anspielungen und kurze Zitate bald klar, dass es sich hierbei um eine Reclam-Ausgabe mit Gedichten der Romantik handeln muss. Auf durchaus amüsant-ironische und bisweilen karikierende Weise lässt Selge dann auch in der Gedankenflut seiner Reisenden der Romantik entlehnte Zitate und Motive – Fernweh, Sehnsucht, Ich- und Naturbezogenheit – aufscheinen: „Blickte sie aus dem Fenster auf einen dieser funkelnagelneuen Kreisverkehre. ...Wie aus dem Ei gepellter Kreisverkehr und war aus irgendeinem Grund stolz auf ihn, denn er war doch fabelhaft gelungen. Wer hat dich, du schöner Kreisverkehr.“ Eichendorff meets bundesdeutsche Raum- und Verkehrsplanung. Punktgenaue, wunderbare Verfremdung, in die eine wie in die andere Richtung, von der es noch viele Beispiele mehr gibt.

Zeit ohne Ende

Das Buch hat zwar nur 170 Seiten, aber es reicht aus, um im Laufe der Lektüre nicht mehr nur mitleidig auf die Heldin zu blicken. Natürlich bekommt sie die Nachteile ihren prekären Existenz, resultierend aus einer typischen weiblichen Sozialisation, buchstäblich am eigenen Leib zu spüren: kein Bett für die Nacht, verächtliche Blicke, gewalttätige Annäherungen. Aber sie weiß sich auch gegen Zumutungen und Vereinnahmungsversuche zu wehren – vornehmlich mit den Sätzen „Hau ab“ und „Ich möchte lieber nicht“, wie einst Hermann Melvilles Schreiber Bartleby. Sie hat Witz, Fantasie und eine scharfe Beobachtungsgabe. Fester Boden bedeutet ihr nichts mehr, sie liebt das Abgehobene, Transzendente: „DIESER ZUG VERKEHRT HEUTE IN UMGEKEHRTER WAGENREIHUNG. Wann tut er das nicht. Dennoch Hektik der Einsteigenden, immer das Gleiche! Ärger! Unmut! Nicht so bei ihr, immer das Gleiche ist schön, ihre Unruhe schwand, die Füße wurden wieder leicht. ...Der Zug flog. Zwei Meter über der Erde.“

Und als ziellos Reisende hat sie Zeit im Übermaß – so sehr, dass sie sich ärgert, wenn ein Zug mal gegen alle Norm zu früh irgendwo einfährt: „Sie war ja nicht am Ziel, was soll sie mit der Zeit. ... Verschenken vielleicht, das wär was, wenn man etwas von der Zeit einem Bedürftigen schenken. Einem der Nervösen, Hechelnden, Flattrigen.“ Spätestens jetzt würde man ihr gerne begegnen, der Zugnomadin, um die Chance zu haben, sich für ein solch unbezahlbares Geschenk bedanken zu können, und für ihre beim Fliegen gewonnenen und gleichzeitig glasklaren Beobachtungen noch dazu.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Selge, Albrecht: Fliegen
Hamburg: Rowohlt, 2019. 176 S.
ISBN:  978-3-7371-0067-0

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