Ferda Ataman
Von Wurzel- und Bindestrich-Deutschen

Als Kind blieb Ferda Ataman noch verschont von der Integrationsmanie der Deutschen. Seither muss sie sich immer wieder die Frage gefallen lassen, wo sie, die in Nürnberg aufwuchs, wirklich herkomme. Das nervt sie – und darüber hat sie ein Buch geschrieben.

Von Holger Moos

Ataman: Ich bin von hier © S. Fischer
Ich bin von hier. Hört auf zu fragen! lautet der sehr deutliche Titel von Atamans Werk. Darin attestiert sie den „Ausschließlichdeutschen ohne Migrationshintergrund“ – von ihr auch „Wurzeldeutsche“ genannt –  eine Wahrnehmungsstörung. Denn sie tun so, als könnten „wir ernsthaft entscheiden, ob wir Migranten im Land haben wollen oder nicht“. Dabei sind diese schon längst hier und Teil des „Wir“. Wieder sehr virulent wurde dieses Phänomen 2015, als eine große Zahl an Flüchtlingen nach Deutschland kam.
 
Die „Schonlangehier-Migranten und Bindestrich-Deutschen“ hätten seitdem das Gefühl, dass die gebetsmühlenartig beschworene, nicht genau bezifferbare Obergrenze für Migrant*innen, die für die deutsche Gesellschaft angeblich verkraftbar sei, nicht nur für die „Neuen“ gelte, sondern plötzlich auch wieder für sie. Sie werden damit migrantisiert.

Deutschland hat ein Demokratieproblem

Ferda Ataman räumt in ihrem Buch mit fünf Missverständnissen auf und macht fünf Vorschläge, wie es weitergehen kann. Deutschland solle den Einwanderergenerationen und ihren Nachkommen zunächst dankbar sein: „Sie haben Jobs gemacht, die Einheimische nicht mehr machen wollten.“ Den Gastarbeiter-Begriff zerpflückt sie folgendermaßen: „Sie sollen ranklotzen wie Arbeiter, aber sich zurückhalten wie Gäste.“ Statt Migration nahezu ausschließlich als Problem zu sehen, solle vielmehr anerkannt werden, dass die Eingewanderten und ihre Kinder ein wichtiger Teil dieses Landes sind und Nachkriegsdeutschland mit aufgebaut haben.
 
Zudem müsse man sich von der völkischen Idee des Deutschseins verabschieden, sowie von der Idee, dass Integration eine ewige Bringschuld sei. Migrant*innen fühlen sich momentan wie „Bewährungsdeutsche“, so Ataman. In einem Exkurs kritisiert sie die Verlogenheit, die sich etwa im Bundesvertriebenengesetz manifestiere, in dem „deutsche Volkszugehörige“ dafür „belohnt“ werden, an ihrem Deutschsein im Ausland festgehalten und die Integration über Generationen verweigert zu haben, während sich die Eingewanderten in Deutschland bedingungslos integrieren sollen. Deshalb fordert sie, es müsse Schluss gemacht werden mit dem „sinnfreien Integrations-Gelaber“.
 
Es werde auch so getan, als sei Migration die Ausnahme – historisch sei das Gegenteil richtig: Migration ist „stinknormal“. Es gebe keine „genetische Clique“ der Deutschen. Schließlich habe Deutschland kein Migrations-, sondern ein Demokratieproblem. In den Medien werde der Eindruck vermittelt, als seien die Minderheiten schuld am Rechtsruck in Politik und Gesellschaft. Nicht wenige Politiker machen Symbolpolitik für die „besorgten“ Bürger*innen, die z.B. AfD wählen oder bei Pegida mitmarschieren, aber: „Rechtsradikale werden nicht weltoffener durch Abschiebungen.“

Weniger Apokalypse, mehr gute Laune

Was kann man angesichts dieser Befunde nun tun, was sind die Gegenvorschläge? Zunächst müsse das Thema Integration neu definiert werden. Nicht in eine schwer zu definierende deutsche Kultur müssten die „Neuen Deutschen“ integriert werden, sondern viel stärker mittels praktischer Angebote und Anstrengungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.
 
Beim Thema Rassismus empfiehlt Ataman den Begriff Migrantisierte (statt z.B. Deutsche mit türkischen Wurzeln) zu verwenden, weil man so den Fremdzuschreibungen durch Ethnie, Kultur oder Wurzel entkomme. Sie plädiert auch für politische Korrektheit, also das Akzeptieren von „Grenzen für Sagbares“, sowie für die Förderung der Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt: „Wer Integration verlangt, muss Platz machen im Clan der Deutschen.“ Schließlich fordert sie eine neue Idee des Heimatbegriffs, die nicht auf genetischer Abstammung und damit einhergehenden Ängsten wie Überfremdung basiere und exklusiv sei, sondern absolut inklusiv sein müsse – Erinnerungskultur, Weltoffenheit und Religionsfreiheit sind die Stichworte dieser neuen Heimat-Idee: „Weniger Apokalypse, mehr gute Laune, das wäre schön“ lautet die abschließende Empfehlung.
 
Ataman argumentiert stringent, pointiert und sehr anschaulich. Im Gegensatz zu vielen akademisch angehauchten Publikationen zu diesem Thema, schreibt sie persönlich, locker und nicht alarmistisch, sondern mit einem ironischen Augenzwinkern, sodass man das Buch wirklich gerne und mit Gewinn liest.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Ataman, Ferda: Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!
Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2019. 208 S.
ISBN: 978-3-10-397460-7

Top