Claudius Seidl
Die Kunst, das Nichts und die Wirklichkeit

Das Feuilleton kann man als literarische Gattung oder einfach als Ressort einer Zeitung verstehen. Oder man betrachtet es als eine Methode, sich die Welt denkend zu erschließen, wie das Claudius Seidl in seinem aktuellen Buch tut.

Von Holger Moos

Seidl: Die Kunst und das Nichts © Edition Tiamat
Seidl ist Leiter der Feuilletonredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und er beginnt seinen Band Die Kunst und das Nichts, in dem 35 seiner Feuilletonbeiträge der vergangenen knapp 20 Jahre versammelt sind, mit einem Bekenntnis: Für ihn sei das Feuilleton zunächst „ein Ort in Berlin-Mitte, der vierte Stock des Redaktionsgebäudes der F.A.Z.“
 
Doch schnell macht er klar, dass das Feuilleton für ihn eigentlich eine Methode ist, den Zeitgeist – auch jenseits der Kultur – zu erfassen. Feuilletonisten wie er übertragen ihr ästhetisches Urteilsvermögen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Sie sind dabei nicht an die strengeren Vorgaben etwa der politischen Reportage gebunden. Der Geist kann frei flottieren, es kann assoziiert werden – und man darf sogar unterhaltsam und humorvoll schreiben. Den Feuilletonisten muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen: „Vom Glück, nicht dauernd aus der Wirklichkeit berichten zu müssen, handelt dieses Buch“, so Seidl im Vorwort.

Filmmuseum als geistige Heimat

Dass Seidls große Leidenschaft dem Kino gilt, machen viele seiner Beiträge deutlich. In einem seiner persönlichsten Texte, „Die fröhlichste aller Wissenschaften“, schreibt er über seine jungen Jahren, als ihm das Kino des Münchner Filmmuseums zur geistigen Heimat wurde. Ein Tag mit Kinobesuch könne nie ein verlorener Tag sein. Das Kino sei eine Kritik der Wirklichkeit, aber zugleich eine „Schule des besseren Lebens“. Und zu seinem 30.Geburtstag sei unter den vielen Vorsätzen dieser der wichtigste gewesen: sich niemals an die Wirklichkeit zu gewöhnen.
 
Einige Beiträge sind einzelnen Filmen gewidmet, manchmal sind das Mainstreamfilme wie Batman begins, Spider-Man 2 oder der James Bond-Streifen Skyfall, dann wieder die Filme eines seiner Lieblingsregisseure, des Autorenfilmers Quentin Tarantino (Inglourious Basterds, Kill Bill Vol. 1 & 2).
 
Auch wenn er über das Tagesgeschehen schreibt, werden Verbindungen zu Filmen hergestellt. In einem Text, der kurz nach dem 11. September 2001 erschienen ist, spricht er davon, dass die Terroristen „die furchtbarsten Horrorbilder der Filmgeschichte“ inszenierten. Sicherlich hätten die Attentäter Filme wie Independence Day oder Armageddon gesehen – gleichwohl sei es unzulässig, hier einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang herzustellen. „Der Schock ist, dass das passiert, wovon man geträumt hat“, schrieb damals der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek. Seidls Prophezeiung, dass Hollywoods Action-Abteilungen in den Jahren nach dieser Katastrophe dicht machen können, hat sich indes nicht bewahrheitet.

Deutsch ist keine Eigenschaft

Auch politisch bezieht Seidl Stellung. Für Deutschtümler, „Bewältigungsgegner und Stolzseinwoller“ hat er kein Verständnis. Was deutsch sei, lasse sich nicht, schon gar nicht durch Blut und Boden-Geschwafel festlegen. „Deutsch ist keine Eigenschaft“ heißt der dazugehörige Text. Darin geht es um Dieter Borchmeyers über tausendseitiges Buch Was ist deutsch? (2017), dessen Hauptverdienst in dem Nachweis bestehe, „wie undeutsch die geläufigen Antworten sind, mit dem heute das vermeintlich Eigene sich vom Fremden abzusetzen versucht“.
 
In einem anderen Text weist Seidl darauf hin, dass die dümmliche Rede von der jüdisch-christlichen Prägung Deutschlands nicht nur – wie zumeist in solchen Fällen erwünscht – den Islam ausschließe, sondern auch Säkularisierung, Aufklärung und Atheismus. Mehrfach thematisiert Seidl außerdem Geschlechterbilder und -verhältnisse, es geht aber auch um Rainald Goetz, das heuchlerische Strafbedürfnis im Fall Kevin Spacey oder die Mondlandung. Seidls Textsammlung ist ein literarischer Spaziergang durch die letzten beiden Jahrzehnte und zeigt, was die ästhetische Wahrnehmung über Politik und Gesellschaft offenzulegen vermag.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Seidl, Claudius: Die Kunst und das Nichts. Nahezu klassisches Feuilleton
Berlin: Edition Tiamat, 2019. 240 S.
ISBN: 978-3-89320-244-7

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