Lukas Kummer
Graphic Novel mit Sogwirkung

Wer hätte gedacht, dass sich Thomas Bernhards Werk so gut für die Umsetzung als Comic oder Graphic Novel eignet? Nach Nicolas Mahler hat sich der österreichische Comiczeichner Lukas Kummer zum zweiten Mal eines Werks des berühmten Landsmannes angenommen.

Von Holger Moos

Kummer: Der Keller © Residenz Verlag
Während Mahler Comicadaptionen von den Bernhard-Werken Alte Meister (2012) und Der Weltverbesserer (2014) schuf, hat sich Lukas Kummer das autobiografische Werk von Thomas Bernhard vorgeknöpft. Die fünf Bände waren ursprünglich vom Residenz Verlag in den Jahren von 1975 bis 1982 veröffentlicht worden.
 
Im selben Verlag ist nun nach Die Ursache. Eine Andeutung (2018) die zweite Graphic Novel von Kummer erschienen. Mit Der Keller. Eine Entziehung hat der 1988 in Innsbruck geborene und in Kassel lebende Künstler den zweiten Teil der autobiografischen Schriften adaptiert, laut Verlag die „vielleicht hellste Zeit“ der Jugend Thomas Bernhards.

In die entgegengesetzte Richtung

Kummer ist seinem Stil treu geblieben. Wie im ersten Teil bevölkern auch in Der Keller weitgehend gesichtslose Figuren die Seiten. Für die Originaltexte von Thomas Bernhard gibt es keine Sprechblasen, sondern Textkästen oberhalb der Bilder.
 
Auf welche Weise lässt sich die Sogwirkung der Bernhardschen Sprache grafisch darstellen? Wie der Schriftsteller setzt auch der Zeichner auf das Prinzip der schier endlosen Wiederholung und Variation. Der Held entkommt der „Vorhölle“ des gehassten Salzburger Gymnasiums, indem er beschließt, sich in die „entgegengesetzte Richtung“ aufzumachen. Er verlässt die (klein)bürgerliche Welt und beginnt in dem titelgebenden Keller eines Lebensmittelladens in der Scherzhauserfeldsiedlung eine Ausbildung.
 
Bei Kummer sieht man den Helden über viele Bilder und mehrere Seiten rennen. Er rennt und rennt – immer in die „entgegengesetzte Richtung“ – hin zu dieser Siedlung, in der er unter den dort lebenden Ausgestoßenen und Kriminellen ein kleines Glück findet. Sein Arbeitgeber, der Ladenbesitzer Podlaha, wird sogar ganz unerwartet zu einem viel besseren Lehrer als die Despoten in der „Geistesvernichtungsanstalt“ Schule.

Glück in der Armenhaussiedlung

Zugegebenermaßen hat mich zunächst Bernhards Prosa in Kummers Graphic Novel hineingesaugt. Dieser Prosa konnte ich mich nicht entziehen, auch wenn sie von vielen fast piktogrammartigen Zeichnungen in unterschiedlichen Formaten umrahmt ist.
 
Doch blättert man das Buch ein zweites Mal durch und achtet nur auf Kummers Zeichnungen, erkennt man, dass seine Bilder diese Geschichte ebenfalls überzeugend erzählen. Am Ende ist es eine Lungenkrankheit, die den Protagonisten aus der Armenhaussiedlung hinauskegelt. Als er Jahre später einen Arbeiter aus der Siedlung zufällig wiedertrifft, wird ihm klar, dass die menschliche Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens vergeblich ist. Kummer zeichnet auf den letzten Seiten nur noch den schlaff wirkenden Unterleib der Hauptfigur. Den Kopf zu erheben, um die „Wahrheit oder die scheinbare Wahrheit“ zu sagen, ist ihm so gar nicht mehr möglich.

Lukas Kummer: Der Keller, S. 6-7 © Lukas Kummer / Residenz Verlag
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Thomas Bernhard / Lukas Kummer (Illustrationen): Der Keller. Eine Entziehung. Graphic Novel
Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 2019. 112 S.
ISBN: 978-3-7017-1716-3

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