8. - 10. Oktober
Das Philoxenia-Experiment

Für die Europaküche Chania hat Mischa Leinkauf mit Studierenden der TU Chania drei Tische aus gefundenen Materialien gebaut, sie auf einen öffentlichen Platz gestellt und so drei Tage lang einen Treffpunkt geschaffen, wo gemeinsam gegessen, getrunken und über Europa diskutiert wurde.

Von Thomas Leinkauf

Wie Fremde sich bei einem Projekt auf Kreta trotz Corona freundlich näher kamen, weil sie gar nicht so fremd sind

Ein langer Tisch mit Freiluftküche am venezianischen Hafen von Chania, gebaut aus Treibholz von den Küsten Kretas. Öffentlicher Treffpunk für drei Tage, essen, trinken, reden, feiern. Das war der Plan, den  sich Mischa Leinkauf in Berlin für die Europaküche ausgedacht hatte. 

Dann kam Corona mit neuem Schwung. Treffen waren nur eingeschränkt möglich, draußen zu Kochen war nicht erlaubt. Und mit dem gedachten Material war es auch nicht weit her. Die Idee brauchte neue Impulse. Und es blieb nicht viel Zeit. 

Aber da kannten wir die Griechen noch nicht.

Heraklis vom Recycling-Zentrum von Chania führte am nächsten Tag durch seine Fabrik. Es gab eine Menge für das Projekt unbrauchbaren Müll, aber auch ein paar interessante Objekte. Blöcke von zusammengepressten Getränkedosen zum Beispiel. Einen Haufen alter Balken und Bretter. Gebogene Metallrohre, von denen keiner wusste, wozu sie einmal gedient hatten. Das alles kam in Betracht. Heraklis lieferte am nächsten Tag pünktlich und gratis mit einem LKW zur Technischen Universität, die eine Bauwerkstatt zur Verfügung gestellt hatte. Griechen helfen gerne, sagte er lächelnd.

Im Workshop, den der Künstler aus Berlin mit den Studenten am nächsten Tag begann, gewann das Projekt erste Formen. Acht Architekturstudent*innen waren dem Aufruf ihrer Professorin gefolgt, sich am Projekt zu beteiligen. Im Workshop versuchten sie gemeinsam, die europäische Idee in visuelles Design zu übersetzen. Sie diskutierten, wie man einen öffentlichen Raum transformieren kann. Wie er dann vielleicht einen Mehrwert für die Besucher bietet.  

Die Fundstücke vom Recycling-Hof regten die Phantasie der Studenten an. Gebraucht, aber nicht wertlos. Material für neue Ideen. Bezugspunkte für ihre Sicht auf Griechenland und Europa.

Christos und Mina hatten sich in die Blöcke aus Getränkedosen verguckt. Man könnte sie in Epoxidharz gießen, meinte Christos, als Tischplatten. Geht nicht, stellte sich beim Besuch im örtlichen Baumarkt heraus, Epoxidharz ist teuer, unbezahlbar bei dem vorhandenen Budget. Christos nahm kurzer Hand sein Handy, rief beim Hersteller in Athen an. Erklärte ihnen Größe und Bedeutung des Projekts, gefördert von der EU und begleitet von internationalen Künstlern, bisschen Name-Dropping, das half. Er leierte der Firma erst zwei, dann vier, dann sechs Liter gegen Spendenquittung und Erwähnung in der Lokalpresse aus den Rippen. Christos Vater besorgte die Kanister in Athen, brachte sie auf die Fähre nach Kreta. Am nächsten Morgen holte Christos sie ab, am Nachmittag wurden die Blöcke gegossen.

Griechen sind gut im Improvisieren.  

Tisch Nummer zwei bauten die Studenten aus alten Brettern zusammen, unregelmäßig in der Form, mit Ecken und Kanten, sollte er den Kontinent Europa symbolisieren. Stundenlang sägten, schleiften, schraubten sie, malten mit blauer und gelber Farbe ein paar Streifen auf die Landkarte. Eine grobe und unfertige, aber freundliche Sicht  auf den Kontinent.

Efharis, Smaragda und Yro erzählten von alten Fliesen und Ziegeln, die man an einer bestimmten Stelle am Meeresufer finden könnte, im Westen, bei den alten Gerbereien, die jetzt Ruinen waren, die auf die Gentrifizerung warten. Die wollten sie sammeln, mit Fugenmörtel in selbstgebaute Holzformen einlegen, eine Art raffiniert ausgearbeiteter Schmuck für den dritten Tisch. 

Bruchstücke von Ziegeln und Fliesen für das alte Griechenland, die Wiege Europas. Aluminiummüll von Coca Cola und Allerwelts-Bier für den globalisierten Kontinent. Altholz aus den Sägewerken Kretas. Drei Tische statt der ursprünglichen langen Tafel, und so den Corona-Vorschriften genügen. Später, am Hafen, würden die Menschen sie mit ihren Gesprächen wenigstens ideell zu einer großen, gemeinsamen Tafel verbinden.

Den Unterbau für die Tische lieferte eine in Chania ansässige Gerüstbau-Firma. Stelios, der unten am Hafen in einer der alten Schiffshallen ein Café betrieb, hatte Künstler aus Berlin, Studenten und Gerüstbauer zusammengebracht. Bei Espresso und Bier wurden kleine Skizzen auf Zettel gekritzelt, diskutiert, was geht. Alles ging. Sie lieferten die Rohre und Kupplungen, die am nächsten Tag in ihrer Firma ausgesucht wurden, was fehlte, wurde schnell noch mit dem Moped geholt. Gemeinsam schraubten sie sie auf dem Platz am Hafen zu Podesten und Fahnenstangen zusammen. Die Stühle kamen von der Cafeteria der Hochschule. 

Stelios, ein Kerl von einem Mann, der oben in der Stadt unter einer sechshundert Jahre alten Platane auch noch eine Taverne betrieb, war der Turm in der Schlacht. Wenn ein Problem zu lösen war, sagte er: Kein Problem. Er kannte Gott und die Welt, Handwerker, Behörden, Polizisten. Essen im Freien? Kein Problem. Er bat einige der umliegenden Restaurants um jeweils einige Gerichte. Am Abend kamen er und die anderen Küchenchefs mit ihren Kreationen auf den Platz. Die Tische reichten kaum aus. 

Geld dafür wollte Stelios nicht, trotz hartnäckigem Drängen. Ihm gefiel das improvisierte, verrückte Projekt. Und man spürte, dass es ihm Spaß machte, zu zeigen, dass mit Philoxenia auch unter schwierigen Umständen vieles möglich ist. Man muss nur wollen. Den Rotwein schickte ein Winzer aus der Umgebung für einen sehr anständigen Preis.  

Bei einem Ausflug in die Region Sfakia hatte Mischa den Griechen Manoussos kennengelernt, der mit seiner Familie in der Bergregion Anopoli mit Ziegen, Schafen und klassischer Landwirtschaft eine Taverne betreibt. Eine raue Region. Viele Männer dort tragen eine Waffe und zu Ostern werden die typischen Opferfiguren eher beschossen statt sie zu verbrennen. Man lernt sich schnell kennen auf Kreta, auch das ist Gastfreundschaft. Die Frage, ob Manoussos nicht für den zweiten Abend typische Gerichte aus der Region bringen könnte, Lamm, Käse, aus eigener Produktion, war nach ein paar Gläsern Raki, dem landestypischen Schnaps, ohne den auf Kreta nichts geht, positiv beantwortet. Und diesmal durfte auch dafür gezahlt werden.

Für den letzten Abend ging es mit den Studenten auf den Markt, zum Abschluss wollten Deutsche und Griechen gemeinsam kochen. Sie kauften Käse und Oliven, Tomaten, Zucchini und Weintrauben. Beim Fleischer wurden ein paar Kilo Fleisch durch den Wolf gedreht und beim anschließenden "Workshop in der Küche" zu Berliner Buletten verarbeitet. 

Es war trocken und warm an all den Abenden am alten Hafen. Am Kai schaukelten die Boote im klaren Wasser, das voller kleiner Fische war. Passanten kamen vorbei, schauten, tranken ein Glas, kosteten, was auf den Tisch kam, lauschten nach Sonnenuntergang den Vorträgen über Kreta, Griechenland und den Ursprung Europas, diskutierten über die Perspektiven des Kontinents, Flüchtlinge und das Versagen der Politik. 

Manche kamen wieder. Klar, es gab zu essen, reichlich und gratis, das, was jeder geben konnte. Gemeinsames Essen verbindet. Aber da war mehr. Neugierde auf den Anderen. Gastfreundschaft, ohne Gegenleistung, ohne dafür etwas zu erwarten. Einfach das Zusammenkommen feiern. Das fehlte ja in diesem schwierigen Jahr im Grunde allen auf dieser Welt. Im kleinen Rahmen sollte es trotzdem passieren, und es hat funktioniert. 

Es war ein bunter Haufen, der da drei Abende am Hafen zusammenkam. Einheimische, zufällige Passanten aus vielen Ländern Europas, arme Kinder, die am Hafen, die Trommel schlugen, um ein paar Cent zu verdienen und sich über eine Pastete extra freuten, die Student*innen und ihre Professoren, die Leute vom Goethe-Zentrum. Am Ende saßen sie, getrennt und verbunden, dann doch noch gemeinsam an einem Tisch.

Top