Gastfreundschaft über Grenzen hinweg
Europaküche Tallinn mit Kateřina Šedá

Europaküche Tallinn

Die allererste Gemeinschaftsküche sieht Kateřina Šedá auf Spielplätzen, wenn Kinder sich gegenseitig mit Sandkuchen bekochen. Nur die Erwachsenen am Rand spielen nicht mehr mit. An 3 Tagen plante Kateřina Šedá kleine kulinarische Interventionen auf Spielplätzen in Tallinn, die neue Begegnungen und Möglichkeiten des Austauschs schufen. Da sie selbst nicht einreisen konnte, übernahm die estnische Künstlerin Kristel Mamäägi die Rolle der Gastgeberin für sie.

Europaküche Tallinn mit Kateřina Šedá ©

Liebe Eltern,

wenn Sie diesen Brief lesen, sind Sie Teil eines GEBEN UND NEHMEN-Events geworden, das ich mir für das Projekt Europaküche ausgedacht und organisiert habe – ein Projekt, bei dem es um einen genaueren Blick auf Essen, Kunst und Gastfreundschaft geht.

Ich heiße Kateřina Šedá und bin bildende Künstlerin aus Tschechien; ich beschäftige mich schon seit langem mit zwischenmenschlichen Beziehungen. In erster Linie bin ich jedoch Mutter von zwei Töchtern und habe als solche mit genau denselben Freuden und Sorgen zu tun wie Sie. Vor einem Jahr wäre es mir auf dem Spielplatz nie in den Sinn gekommen, wie seltsam es für meine Tochter sein muss, zu sehen, wie ich mit mehreren anderen Eltern um einen Sandkasten im Kreis sitze und wir allesamt schweigen. Während unsere Kinder, die sich noch nie zuvor gesehen haben, sich fröhlich direkt vor unserer Nase unterhalten, Spielzeug ausleihen oder verleihen und Burgen bauen, blicken wir konzentriert auf unsere Handys oder starren schweigend vor uns hin. Ist dies der Traumzustand des Erwachsenseins, bei dem wir alle ein Dach über dem Kopf, Arbeit und ein Auto haben, aber nicht in der Lage sind, eine gemeinsame Basis zu finden?

Für uns alle hat dieses Jahr nicht nur unsere Auffassung von einem normalen Leben verändert, sondern auch davon, was wir einen normalen Ort und eine normale Zeit nennen. Wir haben plötzlich entdeckt, dass alltägliche Dinge keineswegs so offensichtlich sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen mögen, und dass unsere einzige Gewissheit in gut funktionierenden Beziehungen liegt. Egal, ob Sie in der Tschechischen Republik, in Deutschland oder in Estland leben, in Europa gehen uns die wesentlichen Dinge leider allen zusammen verloren. Deshalb entschied ich mich, genau dort nach einer gemeinsamen Sprache zu suchen, wo unsere Kinder sie ganz selbstverständlich finden, im Gegensatz zu uns, die wir sie offensichtlich verloren haben.

Für viele Kinder ist der Sandkasten die erste Küche, in der sie mit Sand zu kochen beginnen, der erste Tisch, an dem sie ihre Mahlzeiten servieren, und das erste Labor, in dem sie ihre gegenseitigen Erzeugnisse probieren. Heute ist die Situation jedoch etwas anders und Sie haben die einmalige Chance, dasselbe zu erleben wie Ihre Kinder – zusammen an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam zu entdecken, was die meisten von uns vergessen haben. Es mag Ihnen zunächst unangenehm sein, aber Ihre Kinder werden Ihnen definitiv helfen!  Versuchen Sie, eine Zeit lang Ihre Pflichten zu vergessen und Gemeinsamkeiten zu finden. Vielleicht sitzen Sie ja mit jemandem am Tisch, den Sie regelmäßig treffen, aber es gab nie eine Gelegenheit, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Womöglich benehmen Sie sich in den Augen Ihrer Kinder endlich „normal“ – wenn Sie am selben Tisch sitzen und miteinander reden, unabhängig von Ihrer Herkunft, Ihrem Alter, Ihrer Hautfarbe, Ihrer Religion oder Ihrer politischen Zugehörigkeit.

Ich bin überzeugt, dass Sie sich am Ende genau so verabschieden werden wie Ihre Kinder es tun: „Tschüs und bis morgen wieder hier!“

Auch wenn ich nicht dabei sein kann, wünsche ich Ihnen zumindest auf diesem Wege guten Appetit; seien Sie mutig genug, alle Vorurteile über Bord zu werfen!

Kateřina Šedá

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