Matt Aufderhorst
Zwei Tage im Oktober, acht Ingredienzien der Europaküche Wroclaw

© Goethe-Institut

1. Höllischer Lärm, am Himmel. Die leise Eleganz eines Hubschraubers ist eine Frage der Entfernung. Der Polizei-Helikopter steht senkrecht über uns, 50 Meter in der Luft, was 12 Stockwerken entspricht. In die Sirenen der Einsatzwagen, die über die Straßen Wrocławs brettern, als ginge es darum, einen Aufstand niederzuschlagen, mischt sich das Knallen, Knarzen und Knattern der Rotoren. Die Lufthoheit wird Teil der akustischen Bodenoffensive, die den 500 Demonstrantïnnen, die für LGBTQIA-Rechte auf die Straße gehen, zeigt, wer in der Stadt, im Staat das Sagen hat. Der konzentrierte Wirbel, der das Heli-Röhren verursacht, kann als Symbol der repressiven Atmosphäre in Polen, das von einer nationalistischen Partei regiert wird, die Druck auf die proeuropäischen Kräfte ausübt, dienen. Auf der Unterseite der Rotoren bildet sich ein Über-, auf der Oberseite ein Unterdruck. Die Luft wird beschleunigt, und hinter der Rotorblattspitze entsteht so der lautmalerisch-brutale Strudel. Die Copter-Crew, die aus der Luft per Heli-Kamera filmt, was am Boden passiert, gibt gewissermaßen den kakophonen Druck von ganz oben, von der erzkonservativen Regierung, an die unten weiter, die melodisch gegen den Überwachungsstaat antrommeln und sich für Liberalität einsetzen.


2. Sie starren uns an. Die Männer stehen vorm Rathaus. Ihre Demonstration darf in der Mitte der Stadt stattfinden, auf dem Rynek, dem Großen Ring, während die Rainbow-Bewegung sich am Ende eines kurzen Marsches zwischen einer Betonunterführung und dem Stadtgraben wiederfindet. Die Männer stehen vorm Rathaus. Martialisch. Sie starren uns an. Die Männer tragen ein Poster, auf dem sie sich gegen Pädophilie aussprechen. Doch darum geht es nicht, in Wahrheit. Sie insinuieren, dass Homosexuelle pädophile Neigungen haben. Sie wollen Sexualität, die nicht ihren Normen entspricht, denunzieren, herabwürdigen und, wie in etlichen Orten Polens gerade passiert, verbieten. Der junge Mann am Mikrofon, gleich in seinem Windschatten steht ein Priester, der ihm durch seine Anwesenheit sinnbildlich den Segen Gottes spendet, hetzt gegen alles, was nicht urkatholisch ist. Das Starren der Männer, die das Plakat tragen, reizt mich. Ich gehe auf sie zu, stehe einen halben Meter vor ihnen, ich nehme eine Kamera aus der Tasche und fotografiere seelenruhig das Starren. Ich lasse mir Zeit. Die Männer zischen, fletschen die Zähne, als würden sie mich auf der Stelle am liebsten beißen. Ich blicke ernst zurück und drücke auf den Auslöser.




3. Wir sitzen im Café des Nationalen Museums, während des Mahls der Europaküche-Veranstaltung, die Vorspeise wird vom Food Think Tank in angestoßenen Steinzeug-Bechern serviert, Geschirr, das die Schönheit des gebrauchten, liebgewonnenen Gegenstands symbolisiert, Geschirr, das der Wabi-Sabi-Idee folgt, der ästhetischen Vorstellung, die auf der Bejahung von Vergänglichkeit und Unvollkommenheit basiert, wir sitzen im Café und unterhalten uns über toxische Männlichkeit. Ich frage Teo und Małgorzata, ein Paar, mit dem ich für den ersten Gang zusammensitze, bei jedem Gang werden an diesem - im doppelten Sinne - unterhaltsamen Abend die Tischnachbarïnnen gewechselt, ob ich mit meiner Beobachtung Recht habe, dass sich, so mein erster Eindruck, in der Stadt außergewöhnlich viele Männer aufhalten, die „verloren scheinen“, die eine Aura unterschwelliger Aggressivität ausstrahlen, Hooligan-Typen, die Streit suchen. Sie schlucken ein bisschen, sagen zunächst „nicht mehr als anderswo“, überlegen dann kurz, erinnern sich an eine Szene, die sie eben auf dem Weg zum Museum an der Bushaltestelle erlebt haben, typische Pöbeleien nennen sie es, erzählen anschließend davon, dass ihre Freundïnnen regelmäßig beleidigt und, im Extremfall, auch von solchen Männern körperlich angegangen werden – und enden damit, dass sich der Diskurs über die weit verbreitete toxische Männlichkeit als ein Hauptthema der vergangenen Monate in Polen herauskristallisiert hat.

Als ich frage, ob das säbelrasselnde Auftreten der Polizei am Rande der LBTQIA-Demonstration Teil dieses toxischen Verhaltens ist, sagen sie: ja und nein. Ja, weil die Beamten bewusst die Zivilgesellschaft einschüchtern. Nein, weil sich die Beamten gleichzeitig schützend vor die Regenbogen-Community stellen, wenn der toxische Mob, wie früher häufig, wieder mal zuschlägt. Ach ja, sagen sie, das mit dem Hubschrauber, das sei übrigens neu.

4. Ich bekomme dieses Martial-Art-Bild einfach nicht aus meinem Kopf: sechs, sieben gelangweilte Polizisten, die in der Unterführung aufgereiht sitzen, am Rande der Demo, vermummt, neben sich drei Zivilbeamte, auf Zehenspitzen, Skimasken überm Kopf, die ganz und gar nicht zivil wirken, die vorgeben, undercover zu sein, aber auf den ersten Blick als rabiate Aufräumer und Auseinandertreiber erkennbar sind. Was ist das für ein Staat, der solche Typen, die ansonsten in schäbigen Clubs als Türsteher arbeiten könnten, so offen in dunklen Unterführungen herumlungern lässt? An einem Punkt, wo Hunderte Menschen vorbei müssen? Und gehören diese Männer vielleicht zu den weit verbreiteten paramilitärischen Gruppen, die in Polen seit Jahren für „Recht und Ordnung“ sorgen und, keine Überraschung, der Regierungspartei PiS, Prawo i Sprawiedliwość (Recht und Gerechtigkeit), näherstehen als den Oppositionsparteien?

5. Alicja Patanowska, eine der fünf Keramikerïnnen der Kunstakademie Wrocław, die sich für die Europaküche Gedanken über die EU gemacht und dann Skulpturen kreiert hat, glaubt fest an die Kraft der kreativen Unausgereiftheit. Sie baut in den künstlerischen Prozess Sollbruchstellen ein, damit die Keramiken eine unvollkommene Vollkommenheit oder, je nach Standpunkt, vollkommene Unvollkommenheit, erreichen. So sei es mit Europa, sagt sie, wir akzeptierten unsere „Fehler“, ohne das Ideal der Einheit zu vergessen. Schönheit liege für sie, sagt die eloquente Keramikerin, ganz generell, in der Verschiedenartigkeit, nicht in der gleichgezüchteten Übereinstimmung. Europa sei ein Projekt der Offenheit, das Cracks erlaube, ja geradezu verlange, ohne an Ästhetik und Überzeugungskraft einzubüßen. Während sie das sagt, im Interview mit der Kuratorin der Europaküchen-Reihe Priya Basil, stehe ich vor den Glaswänden des Ateliers und mache blurry Aufnahmen, die meinen Modus Operandi des bewusst eingeschränkten Sehens widerspiegeln.


6. Lasst uns alle Grenzen öffnen, anstatt sie fester zu schließen, sagt Nadja, eine Schriftstellerin, mit der ich für einen Hauptgang - Hirse-Nudeln mit Trockenpilzen, Sauerkraut und Liebstöckel - am Europaküchen-Tisch sitze. Ihre Schwester, sagt Nadja, lebe in London und sei nach dem Brexit so frustriert gewesen, dass sie ernsthaft überlegt habe, samt Mann und Kindern, nach Polen zurückzukehren. Sie habe sie eindringlich davor gewarnt, sagt Nadja, sei aber anfangs auf taube Ohren gestoßen. Ihre Schwester sei zu lange weg, sagt Nadja, sie könne sich nicht vorstellen, wie hart die Auseinandersetzung in Polen geworden sei, gerade was Frauenrechte betreffe, das Land habe sich extrem geändert. Und natürlich spiele da auch die Besetzung der höchsten Gerichte eine Rolle. PiS wolle die Unabhängigkeit der Richterïnnen einschränken. Die polnische Zivilgesellschaft brauche dringend die Hilfe Brüssels, sagt Nadja, die Rechtstaatlichkeit sei in Gefahr. Wie sie ihre Schwester schließlich abgehalten habe, nach Wrocław zu ziehen?, will ich wissen. Nadja lacht, ein bitteres Lachen. Sie habe ihr Links zu Verschwörungs-Websites gesendet, in der alte und junge Nationalisten über traditionelle Werte schwadronierten und Gewaltfantasien ausbreiteten.

7. Ich frage Katarzyna Koczyńska-Kielan, Professorin für Keramik an der Eugeniusz Geppert Akademie der Künste und eine der beteiligten Künstlerïnnen ob sich ihre Studentïnnen in den letzten Jahren politischer gezeigt hätten. Sie schüttelt den Kopf. Ganz im Gegenteil, sagt sie und seufzt, selbst hier, an der Kunstakademie, sei zu merken, dass die junge Generation konservativer geworden sei. Die Gehirnwäsche an den Schulen wirke, sagt sie, gerade auf dem Land hätten die Konservativen leichtes Spiel, der Unterschied zwischen den großen und kleinen Städten sei enorm. Wrocław sei eine der liberalsten Städte Polens, aber selbst hier bestünde die Gefahr, dass bereits erreichte Freiheiten, die an sich in der Verfassung verankert seien, wie die Glaubensfreiheit und das Bekenntnis zum demokratischen Rechtstaat, zurückgedreht werden könnten.

8. Als Probeläufe für ihre eindrucksvolle Keramikskulptur hat Katarzyna Koczyńska-Kielan zwei Tabletts entworfen, auf denen sie ursprünglich Himbeeren während des gemeinsamen Essens servieren wollte. Obwohl bis gestern überall Himbeeren im Angebot gewesen seien, seien plötzlich keine mehr aufzutreiben gewesen, sagt sie, während wir am Mittag in ihren Universitätsräumen filmen, überall habe sie gesucht, in Supermärkten, auf dem Markt, keine Chance.
 


Eva-Maria Kleinschwärzer, die Koordinatorin des Europaküche-Projekts des Goethe-Instituts, lässt das Fehlen der Beeren keine Ruhe. Am Nachmittag klappert sie selbst alle möglichen Geschäfte ab, geht von Stand zu Stand – nichts. Sogar im Hotel fragt sie nach, ob die Küche vielleicht ...? Gleichfalls Fehlanzeige. Als Mateusz, der Rezeptionist, von den fehlenden Himbeeren für das europäische Kunstprojekt hört, sagt er, er habe da vielleicht eine Lösung, er setzt sich sofort ins Auto, fährt zu seiner Mutter, geht in den Garten, pflückt die Beeren eigenhändig vom Strauch und kehrt alsbald mit einer Schale deliziöser, wunderbar duftender Maliny zurück.
 

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