Portofrei
Wie politisch sollen Künstler heute sein?
Zeitgenössische Kunst in Europa ist gesellschaftlich relevant. Doch wie verwahrt sie sich der politischen Vereinnahmung? Darüber diskutieren: Joseph Young, Klangkünstler, belit sağ, Videokünstlerin, und Via Lewandowsky, Bildender Künstler – und Sie können mitmachen! Schreiben Sie uns Ihre Meinung und Ihre Fragen: ins Kommentarfeld dieser Seite oder auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #portofrei. Moderatorin Geraldine de Bastion bringt Ihre Beiträge mit in die Debatte ein.
Es bleibt also die Frage: Gibt es noch ein Europa, das darüber hinausgeht? Gibt es ein Bild von Europa, das nicht von der momentanen Politik in Mitleidenschaft gezogen und herabgewürdigt wird? Und wenn ja, wo finden wir dieses Europa?
Welche Art von internationaler Solidarität braucht die Kunst?
In den vergangenen Jahren haben sich diverse Bürgerrechtsorganisationen gebildet und Aufgaben übernommen, für die eigentlich der Staat zuständig ist und so etwa Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Bei meinen Recherchen bin ich auf Initiativen wie Glasgow Buzzcut und FromMe2You gestoßen; Projekte von Künstlern für Künstler, in denen Informationen ausgetauscht und Netzwerke zur Unterstützung aufgebaut werden.
Gibt es auch vergleichbare Formen von künstlerischer Solidarität? Und wie können wir einen solchen Austausch über Sprachgrenzen und verschiedene Ausdrucksformen hinweg fördern, um, wie Joseph Young es ausdrückt, eine Zukunftsvision anzubieten, die Hoffnung macht?
Wir sollten uns fragen, welche schwierigen Aufgaben die Kunst derzeit erfüllen kann. Und welche Räume und Erfahrungsfelder – die momentan dringend gebraucht werden – sie schaffen kann. Die Kunst vermag es, Nischen und Schlupflöcher zu finden, denn sie unterliegt keiner Vorschrift. Oft ist es nur eine kleine Geste, die die Kunst politisch macht.
Ich möchte, dass die Erschaffung von Kunst zu etwas Größerem beiträgt.
Die Tatsache, dass die Europäische Union gefährdet ist und eine Verschlechterung der Gesamtsituation droht, sollte uns nicht vergessen lassen, wofür die EU eigentlich steht, was und wen sie ein- und ausschließt, wen sie verteidigt und wer es nicht wert ist, von ihr verteidigt zu werden. Vor allem sollten wir uns stets vor Augen führen, was an den Grenzen der EU passiert. Dort findet gerade im Namen des Schutzes der EU-Grenzen eines der größten Massensterben statt – und das nicht nur dank der Politik der äußerst rechts Gesinnten. Für einige Teile der Welt war die EU noch nie ein Sinnbild für Menschenrechte und Frieden.
Andererseits hat der Kampf gegen Ultra-Rechte längst begonnen. Menschen mit Migrationshintergrund, Arme, ethnische und religiöse Minderheiten, die LGBT-Gemeinschaft und Frauen auf der ganzen Welt erleben in ihrem Alltag Hass und Hetze. Eine Demo für Menschenrechte innerhalb der Europäischen Union und an deren Grenzen ist daher von enormer Bedeutung. Gerade besteht die Gefahr, dass wir ein Heldenbild auf die EU projizieren, und dabei die Gewalt, die von der EU ausgeht, nicht mehr sehen.
Dabei sind die Setzungen durch den Staat noch immer die stärksten politischen Statements der Kultur einer Gesellschaft. Diesen Widerspruch kann man an Gerhard Richters vier Gemälden Birkenau deutlich machen, die heute im Reichstag gegenüber seinen monochromen Farbtafeln in den Farben der deutschen Bundesflagge hängen. Für seinen Zyklus Birkenau fertigte Richter malerische Reproduktionen von Fotografien an, die ein Häftling heimlich von einem Sonderkommando in Auschwitz gemacht hatte. Richter überdeckte sie dann wieder mit der für ihn typischen abstrakten Malerei.
Die Bildende Kunst wird die Polarisierung der Gesellschaft als Schutzraum und Labor weiter begleiten und beobachten.
Trotzdem wird auch weiterhin die bildende Kunst die Polarisierung der Gesellschaft als Schutzraum und Labor, als Instrument und Modell weiter begleiten und beobachten, wenn man sie in Ruhe lässt.
Neulich hat ein Kritiker meiner Show Make Futurism Great Again („Macht den Futurismus wieder groß“) in der Estorick Collection in London meine Antwort auf die „Absurditäten des Kapitalismus“ als „enttäuschend“ bezeichnet, da „Proteste an sich ja inzwischen allesamt in Form eines Kunstprojekts daherkommen“.
Wir müssen einen Schritt weitergehen und eine Zukunftsvision anbieten, die Hoffnung macht.
Dazu sind zwei Dinge von Nöten: Mitgefühl und Ideologie. Mitgefühl, um dem Hass der populistischen Rhetorik etwas entgegenzusetzen und Ideologie, um Antworten auf die dringlichen Fragen unserer Zeit zu geben. Wir sehen gerade, wie sich der Faschismus wieder in Europa ausbreitet, und da reicht es nicht, wenn Künstler einfach den Status quo kritisch betrachten.
Mir gefällt in diesem Zusammenhang sehr die Arbeit der Künstlergruppe Keep it Complex. Diese widerspricht mit vehementer Stimme der Tendenz, komplizierte Dinge zu stark zu vereinfachen, wie es die Alt-right-Bewegung gerne tut. Meiner Meinung nach ist es die Pflicht eines jeden Künstlers, die Themen der Zeit zu „komplexifizieren“, um den Menschen dabei zu helfen, zu verstehen, welche Kernursachen den drängenden Themen unserer Zeit eigentlich zugrunde liegen.
Diese neue Solidarität konnte man unter anderem vergangenes Wochenende in Berlin bei der Demonstration #unteilbar beobachten, bei der fast 250.000 Menschen für Solidarität, das Recht auf Asyl, Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gingen.
Die Erwartungshaltung an die Kunst, politisch zu sein, scheint heute stärker zu sein denn je.
„Wenn die Kunst keine Politik macht, wer sonst?“, fragte im Sommer 2017 Documenta-14-Kurator Dieter Roelstraete seine Kunststudenten. Im heutigen Europa: Wie politisch kann und soll Kunst sein? Wie kann Kunst dazu beitragen, aus der zunehmenden Polarisierung in unserer Gesellschaft auszubrechen?
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