Portofrei
Stadt, Land, Europa – wie die Kunstwelt zusammenwächst

Portofrei #2 Runde 2
Wie können wir gemeinsam agieren? | Illustration: © Bernd Struckmeyer

Kunst kennt keine Grenzen, die Kunstwelt hingegen schon. Wie können sich Kuratoren und Künstler besser vernetzen – und für gemeinsame Werte einstehen? Darüber diskutieren: Simona Da Pozzo, Gottfried Hattinger und Hajnalka Somogyi – und Sie können mitmachen: auf dieser Seite sowie auf Twitter und Facebook unter dem Hashtag #portofrei!

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14. März 2019   |   Gottfried Hattinger
Gottfried Hattinger
Foto (Ausschnitt): Julia Vogt
Zunächst möchte ich meinen Respekt für Hajnalka Somogyi und ihrer OFF-Biennale in Budapest ausdrücken; für die Strategie der Selbstermächtigung und der widerständigen Energie in einem repressiven politischen System, das kritische Stimmen jedweder Provenienzen unterdrückt. Aber die angesprochene „Blase“ suchen wir uns zumeist nicht selber aus, ob sie nun als Schutzraum oder als Tummelplatz für Gleichgesinnte fungiert. 

Wir geraten hinein, weil wir symbiotische Beziehungen und Partnerschaften brauchen oder weil uns durch die Verhältnisse nichts anderes übrig bleibt. Die Luft in den Kunstblasen ist aber schon sehr dünn geworden, nicht nur in Ungarn oder Polen. In meinem kuratorischen Filterbläschen habe ich es noch einigermaßen bequem, weil ich kaum Partnerschaften suchen musste, sondern immer gefunden worden bin. Die Netzwerke entstehen wie von selbst mit den Projektarbeiten.
 

Wie weit lassen wir uns instrumentalisieren?

Letztlich sind die Spannungsverhältnisse zwischen Kunst und Gesellschaft uralt, gleichwohl der Künstlerschaft politische Verantwortung immer wieder abverlangt wurde und wird.

„Der Künstler beginnt politisch zu handeln, sobald er sich dem politischen Missbrauch entzieht“, und: „Nichtanpassung bedeutet, dass der Künstler hinter die von den Politikern determinierte Welt seine Fragezeichen setzt“, schreibt Werner Hofmann in seiner kleinen Schrift „Kunst und Politik“, die ich anlässlich unseres portofreien Diskurses wiedergelesen habe. Wie weit lassen wir uns instrumentalisieren? Gibt es nicht auch korrumpierbares Gewebe im Kunstbetrieb?
12. März 2019   |   Geraldine de Bastion
Geraldine de Bastion
Foto (Ausschnitt): Roger von Heereman / Konnektiv
Das „Festival der Regionen“,
von dem Gottfried Hattinger spricht, scheint mir ein gutes Beispiel zu sein für Räume, die wir uns selber schaffen, um sie mit Gedanken zu füllen. Es ist auch eine Art von Blase, in der wir uns die Freiheit geben, unter Gleichgesinnten unsere Ideen zu teilen und weiterzuentwickeln.

Unsere individuellen Filterblasen sind nicht nur informationelle Echokammern. Sie können auch, wie Hajnalka Somogyi erklärt, Schutzräume sein, die uns helfen, unsere Gedanken zu fokussieren und das Rauschen der Informations- und Meinungsflut auszublenden. Wen lassen wir rein in unsere Filterblasen? Wo finden wir unsere Kollaborateure, unsere Mentoren, unsere Partner?

Es gibt unterschiedliche Strategien, um Begegnungen zu schaffen

Eigene Räume kreieren oder öffentliche ausfüllen: Es gibt unterschiedliche Strategien, um Begegnungen zu schaffen. Der dezentrale Ansatz der OFF-Biennale ist ein gutes Beispiel, wie man die weitere Gesellschaft einbeziehen und Kunst zum Betrachter bringen kann. Solche Formate brauchen Patenschaften. Ich nehme an, Projekte wie das von Simona, wo der Bürgersteig durch subtil versteckte Nachrichten zu einer Art Geheimbrief wird, den der Regen entschlüsselt, ist auch nur durch die Kooperation mit den jeweiligen Städten möglich.

Dieses Mal würde ich gerne wissen, ob und wie Sie Partnerschaften suchen, um ihre Arbeit zu ermöglichen und zu amplifizieren. Von Ungarn bis Brasilien werden Künstler und anders Denkende durch autoritäre Regimes unterdrückt und Mittel gekürzt. Wenn die Zusammenarbeit mit Regierungen keine Option ist, welche anderen Formen der Unterstützung und welche Netzwerke gibt es für Künstler, um auf nationaler Ebene Einfluss zu haben?
12. Februar 2019   |   Hajnalka Somogyi
Hajnalka Somogyi
Foto (Ausschnitt): Csaba Aknay / Orbital Strangers
Die OFF-Biennale in Budapest boykottiert die staatliche Kunst-Infrastruktur in Ungarn
; das Projekt findet außerhalb der öffentlichen Kunsteinrichtungen statt. Somit befindet es sich schon einmal außerhalb der professionellen Kunst-Filterblase: Wir gehen in den öffentlichen Raum, Geschäfte, Cafés, Industrieflächen, soziale Zentren. Dabei passt die Art der Präsentation sich oft ihrem Umfeld an. Für die Zuschauer ist es sehr abenteuerlich, einige versteckte Winkel der Stadt zu erkunden – und die Projekte erscheinen so ganz offensichtlich weniger losgelöst vom Alltag. 

Wenn ich die Vorstellung einer Filterblase politisch verstehe, habe ich zwei Antworten: 
  1. Die fast gänzliche staatliche Kontrolle über die Medien erschwert es uns, ein breites Publikum zu erreichen. In diesen Medien ist die Berichterstattung extrem einseitig: Kritische Stimmen werden weitgehend ignoriert oder aggressiv als „kommunistisch” oder „Schwulen-Propaganda“ bezeichnet (siehe Frida Kahlo!). Dadurch wird es sehr schwierig, Menschen außerhalb der eigenen politischen Komfortzone zu erreichen. Unsere Projekte wurden von der „offiziellen“ Medienmaschinerie bislang ignoriert – wir produzieren eigene Inhalte, die wir in den Sozialen Medien teilen. Gleichzeitig müssen wir uns auf bevorstehende Angriffe gefasst machen, da die Regierung und ihre Medien immer krudere Theorien über eine angebliche internationale Verschwörung gegen das Land verfolgen. 

    Man sollte nicht unterschätzen, Ideen in eigenen Echokammern laut werden zu lassen

  2. Unserer Erfahrung nach sollte man es nicht unterschätzen, Ideen in den eigenen Echokammern laut werden zu lassen. Angesichts der vielen gebildeten, eigenständig denkenden Menschen, die das Land derzeit in Scharen verlassen und einer erschreckend mächtigen Propaganda, die sich im ganzen Land breitmacht, kann man sich mit bestimmen Meinungen und Überzeugungen schon sehr entmutigt und alleine fühlen. So lange eine Filterblase vor Verzweiflung bewahren und zum Weitermachen motivieren kann (was ja eine Grundvoraussetzung dafür ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen), ist OFF gerne bereit, diese Filterblase zu stärken. 
7. Februar 2019   |   Simona Da Pozzo
Simona Da Pozzo
Foto (Ausschnitt): Emilia Castioni
Ich verstehe den Begriff „öffentlicher Raum” so, wie ihn das Netzwerk Non Riservato definiert: Es geht um Orte, an denen das Handeln des Einzelnen der Situation unterworfen ist und an denen unvorhergesehene Begegnungen einen Dialog zwischen verschiedenartigen Themen ermöglichen können. Wie bereits Bernard Stiegler erklärte, können im öffentlichen Raum miteinander in Bezug stehende Kunstwerke und gemeinschaftlich erarbeitete Ansätze den schmalen Grat zwischen dem Individuum und dem „wir“ transportieren.

Aus einer politischen Perspektive heraus betrachtet, sehe ich „Vorbeigehende“ gleichermaßen als Ziel- und als Studienobjekt, der Dialog ist hier gleichsam Mittel und Zielsetzung. Im direkten Eins-zu-Eins-Austausch bringe ich den Interessenten das Thema Zugehörigkeit näher, und zwar anhand von Themen, zu denen jeder unabhängig seines kulturellen Hintergrunds seine Meinung äußern und einen Beitrag zu einer neuen kollektiven Vision leisten kann. Durch die verschiedenen angewendeten Strukturen (Labyrinth, Kataloge, chinesische Boxen) wird mit der Neugier der Besucher gespielt, die sich hier auf ganz verschiedenen Arten dem Kunstwerk nähern können. 

Der Dialog ist hier gleichsam Mittel und Zielsetzung

So habe ich etwa in meinem Projekt Luminescenze (eine im Rahmen des Borderlight Collective realisierte Zusammenarbeit) jene Orte dargestellt, mit denen die Einwohnerinnern und Einwohner ein anderes Licht auf das nächtliche Milan werfen sollten. Das Projekt skizziert die Einwohnerinnen und Einwohner als „Sichtbarmacher“ von Orten, Beziehungen und Resilienz und sammelt gleichzeitig Informationen, mit deren Hilfe eine alternative Ansicht der Stadt bei Nacht darstellbar wird. In diesem Fall stand das aktive Mitgestalten des Publikums im Vordergrund eines Projekts, das mit Hilfe von Online-Plattformen und sozialen Medien eine quantitativ bestimmbare Arbeit erzeugt hat, bei dem aber im Rahmen von geselligen Zusammenkünften auch Aussagen zur Qualität entstanden sind. 
5. Februar 2019   |   Gottfried Hattinger
Gottfried Hattinger
Foto (Ausschnitt): Julia Vogt
Als ich vor etwa zehn Jahren die künstlerische Leitung des „Festival der Regionen“ in Oberösterreich übernahm, stand ich erstmals vor der Herausforderung, Kunstfestivals in kleineren Orten zu gestalten, in denen sich kaum jemand für zeitgenössische Kunst interessiert. Ich war veranlasst, die „Komfortzone“, also den geschützten Bereich der Kulturinstitutionen zu verlassen, in den öffentlichen Raum zu gehen und mich und die künstlerischen Aktivitäten den Kommentaren der Bevölkerung auszusetzen.

Von Beginn an war mein Arbeitscredo, eine möglichst leichtfüßige Balance zu finden zwischen künstlerischem Agieren und sozialem Handeln. Das Vermitteln von zuweilen absurden und schrägen Inhalten gelingt bestens jenseits des üblichen Expertenjargons in zahlreichen persönlichen Gesprächen und mit der Ambition, Menschen aus den Orten in künstlerische Prozesse einzubeziehen, ohne sie zu instrumentalisieren.

Etwas weniger Verkrampfungen, dafür etwas mehr tänzerischer Geist

Dass dies ausschließlich durch persönliches, individuelles Engagement funktioniert und nicht über soziale Medien, E-Mails oder telefonieren, ist mir schnell klar geworden. Als bekennender Skeptiker glaube ich sowieso nicht an eine Breitenwirkung von Kunst in die Gesellschaft. Letztlich agieren wir im Mikrokosmos der Weltverbesserung als Pieps-Stimme im Chor der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Trotzdem sind sie wichtig, diese Stimmen. Mit etwas weniger Verkrampfungen, dafür mit etwas mehr tänzerischem Geist.

Über rechtspopulistische Tendenzen vielleicht nächstes Mal …
28. Januar 2019   |   Geraldine de Bastion
Geraldine de Bastion
Foto (Ausschnitt): Roger von Heereman / Konnektiv
Wir leben im Zeitalter der Informationsüberflutung
und dank unserer digitalen Welt werden unsere Aufmerksamkeitsspannen immer kürzer. Studien belegen Zusammenhänge zwischen online verbreiteten Fake News und viralen Falschmeldungen, der Flut neuer Informationen und unserer verkürzten Aufnahmefähigkeit.

Das Filterblasen-Phänomen führt zudem zu regelrechten Meinungssilos und einem Mangel an echtem Meinungsaustausch zwischen Menschen verschiedener Interessengemeinschaften in den sozialen Medien. Hier einen bedeutsamen und wirkungsvollen Austausch zu ermöglichen, ist eine der Herausforderungen des digitalen Zeitalters.

Wie können wir Zugang zu den Menschen bekommen, die sich außerhalb unserer politischen Komfortzone befinden?

In der jüngsten Ausgabe von Portofrei haben wir darüber diskutiert, wie politisch Künstlerinnen und Künstler in Europa heutzutage sein sollten und welche Rolle diese in Bezug auf politische Bewegungen einnehmen. In dieser Ausgabe würde ich nun gerne mehr darüber erfahren, inwieweit künstlerische Maßnahmen und Strategien konkret sozial und politisch etwas bewirken und ein breites Publikum erreichen können. Wie können wir Zugang zu den Menschen bekommen, die sich außerhalb unserer politischen Komfortzone befinden? Mit welchen künstlerischen Mitteln kann man ideologische Blasen platzen lassen und die zeitgenössische Kunst in die Lage versetzen, Menschen mit anderen politischen Überzeugungen zu erreichen und Diskussion und Interaktion ermöglichen? Um diese Grundsatzfragen soll es in der hier angestoßenen Debatte gehen.

Sie alle kommen aus verschiedenen Ländern in Europa: Ungarn, Österreich und Italien. Wie bereits in der vergangenen Portofrei Runde thematisiert, müssen wir gerade zusehen, wie populistische Tendenzen in ganz Europa zunehmen, vor allem auch in den Ländern, in denen Sie leben. Zu Anfang unserer Gesprächsrunde würde ich mich gerne auf unser direktes Umfeld konzentrieren, den nächstgelegenen Ort, an dem wir in dieser globalisierten, zunehmend digitaler und immaterieller werdenden Welt aktiv werden können: die kleinen und großen Städte, in denen Sie leben und arbeiten. In welcher Art und Weise tauschen Sie sich mit den Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung aus? Nutzen Sie die Öffentlichkeit und in welcher Form versuchen Sie, mit den Menschen außerhalb Ihrer eigenen Filterblase zu kommunizieren?
 

Partner

Logo IGBK
Die aktuelle Ausgabe der Digitaldebatte „Portofrei“ findet in Kooperation mit der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) statt. Die IGBK veranstaltete im November 2017 gemeinsam mit der Akademie der Künste, Berlin, das Symposium „Fragile Affinities“. Das Thema dieser „Portofrei“-Debatten schließt an dort diskutierte Fragen an.

 

Es debattieren


Simona Da Pozzo
Foto (Ausschnitt): Emilia Castioni
Simona Da Pozzo lebt als Performance- und Videokünstlerin in Mailand. In ihrem Atelier Vegapunk arbeitet sie gemeinsam mit weiteren Künstlerinnen und Künstlern an verschiedenen Projekten. Seit 2013 stellt Simona Da Pozzo zudem im Rahmen von „Artist Hosting Artists (AHA)“, „Camouflage“ und „AUBatVPK“ ihre Atelierräume anderen Künstlern zur Verfügung.




Gottfried Hattinger
Foto (Ausschnitt): Julia Vogt
Gottfried Hattinger, freischaffender Kurator und Buchdesigner, lebt in Ottensheim bei Linz. Er studierte an der Kunstschule Linz und war von 1987 bis 1991 künstlerischer Leiter des Festivals „ars electronica“ im Brucknerhaus Linz. Gottfried Hattinger konzipiert und gestaltet Festivals und Ausstellungen, hauptsächlich in den Bereichen Performance und Theater, Bildende Kunst, Klangkunst und Musik, alte und neue Medien.



Hajnalka Somogyi
Foto (Ausschnitt): Csaba Aknay / Orbital Strangers
Hajnalka Somogyi ist Kuratorin für zeitgenössische Kunst. Seit 2014 arbeitet sie als Leiterin und Co-Kuratorin der OFF-Biennale in Budapest, dem größten unabhängigen Kunstprojekt Ungarns, das auf Somogyis Initiative hin gegründet wurde. Hajnalka Somogyi war unter anderem Redakteurin bei artmagazin.hu und Kuratorin des Ludwig Museums für zeitgenössische Kunst in Budapest.




Moderation

Geraldine de Bastion
Foto (Ausschnitt): Roger von Heereman / Konnektiv
Geraldine de Bastion
berät als Politologin öffentliche Institutionen, NGOs und Unternehmen zum Einsatz digitaler Technologien. Weltweit schätzen Netzaktivisten und Blogger ihre Expertise. Sie ist Mitglied der Digitalen Gesellschaft e.V., die sich für Grundrechte und Verbraucherschutz im digitalen Raum einsetzt. Alljährlich wirkt sie als gefragte Kuratorin und Moderatorin bei der internationalen Netzkonferenz re:publica.
 
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