„Arabische Metaphern funktionieren im Deutschen nicht“ – Günther Orth im Interview - Goethe-Institut

Günther Orth im Interview
„Arabische Metaphern funktionieren im Deutschen nicht“

Günther Orth im Interview
Günther Orth; © Abderrahmane Ammar

Mittler zwischen den Welten: Günther Orth übersetzt arabische Literatur ins Deutsche. Ein Gespräch über Herausforderungen der Sprache und die Finessen des Satzes „ich will“.

Herr Orth, Sie dolmetschen für Politiker, Wissenschaftler und Künstler aus der arabischen Welt. Auch die deutsche Fassung des Romans „Gottes blutiger Himmel“ von Fawwaz Haddad stammt von Ihnen. Aktuell arbeiten Sie an der Übertragung von „Der Messias von Darfur“ von Abdelaziz Baraka Sakin. Wie findet jemand aus Franken zur arabischen Welt?

Ich habe keine arabischen Vorfahren und keine Orientalisten in der Familie. Das Erste, was ich vom Nahen Osten mitbekommen habe, war das arabische Öl-Embargo gegen den Westen 1974. Ich war damals ein kleiner Junge – was bei mir über die Medien ankam, war, dass die Araber uns das Leben schwer machen wollen. Später wirkten zwei Dinge zusammen: Ich hatte nicht viel von der Welt gesehen; als Großfamilie aus Franken hatten wir auch im Urlaub nur einen begrenzten Reiseradius. Vielleicht lockte mich deshalb die Welt mit all ihren exotischen Kulturen. Zum anderen fiel mir das Sprachenlernen leicht, und ich kannte einen Studenten in Erlangen, der regelmäßig mit Stipendien nach China reiste. Das fand ich inspirierend. Also sah ich mir nach dem Abitur den Studiengang Sinologie an. Auf demselben Stockwerk lag der Fachbereich Orientalistik und Islamwissenschaft. Da mir die Sinologie überlaufen erschien, entschied ich mich, es mit der Islamwissenschaft zu probieren. Das Tempo war recht forsch, und so waren wir nach einer Woche noch 20 Studenten, am Ende des Semesters fünf.

Selbst viele Araber finden es schwierig, Hocharabisch zu lernen, besonders die Grammatik. Wie war der Anfang für Sie?

Schwierig. Alles ist unvertraut und nur schwer mit europäischen Sprachen vergleichbar. Doch wenn man sich gleich zu Anfang mit der klassischen Methode quält und immer die richtigen Endungen -un, -in, -an mitlernt, kann man später darauf aufbauen. Wie man so scherzt: Die ersten fünf Jahre sind die schwersten, danach geht es.

Eine Erosion des klassischen Arabisch

Sie lernten Hocharabisch – doch in den arabischen Ländern sprechen die Bewohner unterschiedliche Dialekte. Hat Sie das auf Ihren ersten Reisen irritiert?

Arabisch zu lernen, ist in etwa so aufwendig wie vier bis fünf europäische Sprachen. Es ist sehr verwirrend, wenn einfache Dinge wie „ich will“ je nach Dialekt heißen: ayiz, beddi, brid, dayir, ashti, bghiti, bhibb oder-, abi. In der Hochsprache heißt es uridu, doch das wirkt im Alltag ziemlich deplatziert. Eine wahrlich frustrierende Erfahrung für jemanden, der mühsam klassisches Arabisch gelernt hat und dann in ein arabisches Land reist und dort nach dem Weg fragen muss. Als ich studierte, beherrschten viele Araber noch korrektes Hocharabisch in Wort und Schrift. Seit etwa zwei Jahrzehnten lässt sich beobachten, dass das zu einem seltenen Fachwissen geworden ist. Selbst Schriftsteller machen grammatikalische Fehler, die mir auffallen, weil man uns zu Beginn des Studiums und im Sprachinstitut von Damaskus mit den Feinheiten von Syntax und Deklinationen so schikaniert hat. In arabischen Schulen findet das offenbar nicht mehr statt. Das Ergebnis ist eine regelrechte Erosion des klassischen Arabisch.

Sie arbeiten als Dolmetscher, übersetzen aber auch arabische Literatur. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Wenn ich selbst auswähle, dann danach, ob mir die Texte gefallen und ob sie auch in der deutschen Übersetzung starke Texte bleiben. Wenn ich mit einer Übersetzung beauftragt werde, überzeuge ich mich zunächst davon, dass ich sie für wertvoll erachte. Man sollte der Öffentlichkeit Texte präsentieren, die von der Lebendigkeit und Kreativität arabischer Literatur zeugen. Literatur sollte man nicht nur aus finanziellen Gründen übersetzen. Doch es passiert viel zu selten, dass man mit Übersetzungen arabischer Literatur beauftragt wird. Meist ist es so, dass ich etwas Interessantes entdecke und gerne übersetzen würde, aber keinen Verlag finde. Es fehlt bei uns eine Neugier auf das Schaffen arabischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Wenn aus Qual eine Lust wird

Welche Schwierigkeiten bergen die Übersetzungen von arabischer Literatur?

Im Wesentlichen die gleichen, mit denen es auch Übersetzer anderer Sprachen zu tun haben: Man muss kreativ werden, um literarische Kunstgriffe so elegant und genau wie möglich zu übertragen, ohne dass es in der Zielsprache gezwungen oder befremdlich klingt. Viele Metaphern funktionieren im Deutschen nicht, also muss ich sie umformulieren. Es ist ein Prozess fast endloser Entscheidungsfindungen. Erst mit Übung wird aus einer solchen Qual eine lustvolle Angelegenheit und man begreift, wo man stilistisch dämpfen oder zuspitzen, wo man glätten, strecken oder umstrukturieren sollte, kurz: wie man „quasi dasselbe, aber mit anderen Worten“ ausdrückt, wie Umberto Eco es nannte. Schwierig an arabischer Literatur ist, dass auf viele religiöse und alltagskulturelle Aspekte nur angespielt wird. Im Deutschen müssen sie näher ausgeführt werden, damit jeder sie versteht.
 
Günther Orth, geboren 1963 in Ansbach, studierte Islamwissenschaft, Geografie und Soziologie und promovierte zum Thema moderne Literatur des Jemen. Er lebt in Berlin.

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