Jugendradio DT64
Zwischen Beat und Sozialismus

Lutz Schramm, Moderator bei DT64
Lutz Schramm, Moderator bei DT64 | Foto (Ausschnitt): © Boris Claudi

DT64 war aus der ostdeutschen Jugendkultur nicht wegzudenken. Das Jugendradio der DDR hätte 2014 seinen 50. Geburtstag gefeiert. Auch wenn es DT64 schon seit 1993 nicht mehr gibt, hat der Sender für viele noch immer Kultstatus.

Zu Pfingsten 1964 fand in Ostberlin das Deutschlandtreffen der Jugend statt. Hunderttausende Jugendliche aus der DDR und der Bundesrepublik trafen sich, um zu diskutieren, zu singen und zu tanzen. Begleitet wurde das Treffen vom eigens dafür gegründeten Radio-Sonderstudio Deutschlandtreffen 1964 – später als DT64 abgekürzt. Die Macher versprachen „99 Stunden flotte Berichte, Suchanzeigen und vor allem Beat“. Über das gesamte Pfingstwochenende gab es Live-Berichte vom Jugendtreffen, der Ton war locker und sogar die Beatles durften gespielt werden. Sigmar Krause war Mitorganisator des Sonderstudios. Er sagt: DT64 hat den Nerv der Jugendlichen getroffen. „Wir haben nach Pfingsten waschkörbeweise Post erhalten von jungen Leuten aus der gesamten DDR und nicht nur von dort: Weitermachen! Macht weiter! Das war die richtige Musik, wir haben uns wiedergefunden in diesem Programm.“

Beat versus Kulturpolitik

Beat im Radio – unter dem sozialistischen DDR-Regime eine mittlere Sensation. Galt westliche Popmusik doch als „imperialistisch“ und „dekadent“ und wurde von der Parteiführung lediglich geduldet. Kein Wunder also, dass DT64 bei der Jugend gut ankam. Auch die Live-Moderation war eine Neuerung. Vorher kamen nahezu alle Sprechertexte vom Tonband und klangen entsprechend trocken und langweilig. Die Moderatoren von DT64 hingegen waren schlagfertig und verwendeten Alltagssprache. Wegen des großen Erfolgs wurde die Sendung Jugendstudio DT64 ab Juni 1964 regelmäßig beim Berliner Rundfunk DDR-weit ausgestrahlt.
 

Aber schon bald gab es heftigen Gegenwind. Ende 1965 beendete die DDR-Führung die vergleichsweise liberale Richtung ihrer Jugend- und Kulturpolitik und setzte zum kulturellen Kahlschlag in der Kulturszene an. Viele Bücher, Filme und auch Beatmusik sollten verboten werden. Auch DT64 stand in der Kritik. Doch die Sendung war bei Jugendlichen so beliebt, dass sie nicht einfach abgesetzt werden konnte, sagt Sigmar Krause. „Wir wurden kritisiert, aber ernsthaft passiert ist uns nichts. Man hat sich nicht getraut, das Programm abzuschalten, das hätte einen Aufschrei gegeben.“ Stattdessen wurde DT64 „auf Parteilinie gebracht“: Der Anteil westlicher Musik wurde zurückgefahren und auch die Wortinhalte änderten sich, wurden staatskonformer. Wie alle Medien in der DDR stand auch DT64 bis zur Wende unter Parteikontrolle – Themen wurden vorgegeben, Manuskripte zensiert – doch genoss der Sender etwas größere Freiräume. In Popmusik verpackte Staatspropaganda sollte die sozialistische Jugend davon abhalten, heimlich einen Westsender einzuschalten.

Und was lief im Westen?

Im kapitalistischen West-Berlin hörten junge Leute derweil S-F-Beat oder RIAS-Treffpunkt. Diese Jugendprogramme des Sender Freies Berlin (SFB) und des RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) sendeten ähnlich wie DT64 eine Mischung aus aktueller Popmusik, Beiträgen und Interviews. In der Bundesrepublik genoss Radio Luxemburg unter den Jugendlichen Kultstatus. Außerdem wurde in den Sechzigerjahren das Fernsehen immer beliebter, das ab 1965 auch Jugendsendungen wie den Beat-Club im Programm hatte. Ganz anders dagegen in der DDR: Dort setzte sich das Fernsehen nur langsam durch und das Radio blieb lange das wichtigste Medium.

DT64 wird zum eigenständigen Sender

Mit Glasnost und Perestroika, den von Michael Gorbatschow eingeleiteten Reformprozessen in der Sowjetunion, wehte ab Mitte der Achtzigerjahre ein Hauch von Demokratisierung durch die sozialistischen Länder. Davon profitierte auch DT64, weiß Lutz Schramm. Er war ab 1986 Moderator bei DT64. „Es war ja immer noch Kalter Krieg und die DDR-Führung hatte bereits festgestellt, dass es gut ist, spezielle Programme für Jugendliche zu haben. Denn dann hören sich die Jugendlichen nicht die andere Wahrheit im Westradio an.“ Ab März 1986 wurde DT64 ein eigenständiger Sender, mit zuerst elf Stunden, später 20 Stunden Sendezeit täglich.

Vor allem die Musik war ausschlaggebend für die große Popularität von DT64. Es gab natürlich Quotenvorgaben: 40 Prozent der gespielten Songs kamen aus dem nicht-sozialistischen Ausland, 60 Prozent aus der DDR oder anderen sozialistischen Ländern. Die Musik aus dem Westen überhaupt zu bekommen, sei für die Redakteure gar nicht so einfach gewesen, sagt Lutz Schramm. „Man konnte sich die Platten ja nicht einfach vom Label schicken lassen. Ab und zu musste also jemand nach West-Berlin fahren und dort in den Plattenladen gehen.“ Nicht selten wurden die dort erstandenen Schallplatten auch vollständig abgespielt, vor allem in der beliebten Sendung Duett – Musik für den Rekorder. „Da wurde an einem Donnerstag die komplette A-Seite vom vorletzten Abba-Album gespielt, am Donnerstag danach die B-Seite“, erinnert sich Lutz Schramm.

Das Ende einer Ära

Nach der Wiedervereinigung 1990 stellte sich schnell heraus, dass ein Fortbestehen des Senders in der föderal organisierten Medienlandschaft der Bundesrepublik schwierig war. In vielen Städten protestierten tausende Fans gegen die drohende Abschaltung – ohne Erfolg. Nach einigen gescheiterten Versuchen, den Sender in seiner bestehenden Form zu erhalten, wurde er am 1. Mai 1993 vom Mitteldeutschen Rundfunk übernommen und in Sputnik umbenannt. Nach fast 30 Jahren war die Ära DT64 unwiederbringlich zu Ende.

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