Deutscher Nationalduft
Sauerkraut und Haselnuss

Sauerkraut, Schäferhund und Haselnuss – ein deutscher Nationalduft, Collage
Sauerkraut, Schäferhund und Haselnuss – ein deutscher Nationalduft, Collage | Fotos (Montage v. l. n. r.): Schwäbin (Wikimedia)/CC by-sa-3.0, Pepo13 (Wikimedia)/CC by-3.0, Fir0002 (Wikimedia)/CC by-sa-3.0

Wenn man Deutschland in ein Parfüm destillieren würde, welche Duftnoten wären dabei unverzichtbar? Müssten deutscher Wald und deutscher Wein unbedingt hinein? Und was würde der deutsche Schäferhund dazu bellen?

Seit einiger Zeit kann man die Stadt Nürnberg auf der Haut tragen. Nicht als Tattoo – etwa als Bild der berühmten Kaiserburg auf dem Bizeps – sondern als Duft hinterm Ohr. Frank Wesnitzer, ein Yoga-Lehrer und Ayurveda-Koch, hat die Aura des Ortes in ein Parfüm gemixt. Die riecht zitronig, weil Wesnitzer Nürnberg für offen und fortschrittlich hält, holzig, weil er den Einwohnern Stabilität unterstellt. Und nach Lebkuchen. Nach dieser Spezialität duften Nürnberger Stadtquartiere, wenn die Weihnachtssaison beginnt und die Lebkuchen-Bäckereien ihre Herde schüren.

Schwarzwald-Nadeln – Ruhrpott-Qualm

Deutsche Städte scheinen mit ihrem Geruch kein Problem zu haben. Berlin beansprucht schon seit einem Schlager der Zwanzigerjahre einen „holden Duft“ in seiner Luft. Ob es wirklich „hold“ in der Hauptstadt riecht, wissen vielleicht Sissel Tolaas und Geza Schön. Die beiden Duft-Experten haben für die Berlin-Biennale 2004 immerhin eine Art „Geruchs-Karte“ der Metropole entworfen. Doch kann ganz Deutschland eine eigene Duftnote kreieren? Welche olfaktorischen Stoffe kämen denn ins Parfüm? Sondert die Bundesrepublik etwa ihre ganz eigenen, spezifischen Moleküle in die Luft ab? Denn nichts anderes macht ja den Geruch einer Sache aus. Schweben typisch deutsche Gase über typisch deutschen Landschaften?

Man kann ja mal schnuppern, wenn man die Grenze überschreitet. Zum Beispiel bei Basel. Bleibt dann der Schweizer Geruch nach Alm und Kuh zurück, und der deutsche Schwarzwald schickt sein Fichtennadel-Prickeln los? Oder bei Venlo. Verblasst das niederländische Bouquet von Käse und Tulpen, und die Braunkohlen-Beize des Ruhrpotts qualmt auf? Oder riecht inzwischen doch alles nach der Einheits-Würze Europas?

So leicht wird die deutsche Nase nicht aufgeben. Ein wenig Nationalgeruch ist Ehrensache! Alle Menschen überall auf der Welt tragen die Heimat bis ins hohe Alter in den Schleimhäuten herum. Der Duft der Kindheit – schöne Nostalgie. Aber wie soll man das Ozonflimmern des Schwarzwaldes mit dem Tanz der Kohlepartikel über Rhein und Ruhr heraldisch mischen? Wird man ein unverwechselbares deutsches Duftwappen erstellen können? Der Adler als traditionelles Wappentier trägt eher unangenehme Geruchs-Assoziationen an sich. Eigentlich ist er ein Raubvogel und Aasfresser. Das kann es wohl nicht sein.

Die nachhaltige Note der DDR

Früher war es einfacher. Da hat zwischen 1945 und 1990 wenigstens ein Teil Deutschlands ganz nach sich gerochen. Die DDR war selbst für Blinde mit der Nase auszuschnüffeln, sobald man die „Zonengrenze“ überschritten hatte. Der Niederschlag der Kohleheizungen kam über den Reisenden, kräftig unterfüttert vom Reiz eines Reinigungsmittels aus den Laboratorien des Chemiekombinats Bitterfeld. Wofasept hieß es. Und Wofasept entfaltete sein Aroma nicht nur in den Waggons der Reichsbahn, sondern in nahezu allen öffentlichen Gebäuden unter der Herrschaft von Walter Ulbricht und Erich Honecker. Empfindsame Nasen zucken im Schock des Wiedererkennens heute noch, wenn sie eines der Kreuzfahrschiffe auf den Flüssen Russlands betreten. Denn diese Flotte wurde in den 1980er-Jahren in der DDR gebaut. Und der Duft der DDR ist von erstaunlicher Nachhaltigkeit.

Aber der Duft Gesamtdeutschlands nach Wende und Wiedervereinigung? Manche werden sagen, da muss wohl eine Note von Haselnuss hinein. Ihre Geschichte werden die Deutschen nicht los, und das nationalistisch missbrauchte Volkslied ist ja so urdeutsch und mit seinen politischen Farbenspielen stark in die Geschichte verstrickt: Schwarzbraun ist die Haselnuss. Der Geruch der Haselnuss ist herb. Die Nase muss sich der Geschichte nun mal stellen. Doch das Herb-Deutsche wird längst multikulturell korrigiert und ausdifferenziert. Der Kerngeruch der Haselnuss ist mittlerweile deutlich ummantelt von Knoblauch. Schließlich gilt der türkische Döner als beliebtestes Fast-Food der Deutschen.

Das bayerische Bouquet

Das Lied von der Haselnuss ist „deutscher Sang“. Im Deutschlandlied von Hoffmann von Fallersleben wird er gepriesen – neben „deutschem Wein“. Sang riecht nicht. Wein aber ist die Geruchsherausforderung überhaupt. Man muss nur einmal beobachten, wie ekstatisch die Nasen der Kenner über dem Weinglas beben. Folglich sind deutsche Weindüfte unverzichtbar im nationalen Parfümflakon – mit viel Säure in Franken, eher lieblich an der Mosel. In ihrer Spreizung also typisch deutsch, in ihrer Vielfalt nicht so einfach unter einen Hut zu kriegen. Und dann in ihrer Zartheit auch noch stark konterkariert von jenen Düften des deutschen Südens, den vor allem Menschen aus Übersee gern für das ganze Deutschland nehmen. Gemeint sind Bier und Sauerkraut: das Bouquet Bayerns, der Odeur des Oktoberfestes. So riecht Deutschland nicht überall. Aber überall glaubt man, Deutschland würde so riechen.

Den, der es wegen seinem feinen Geruchsorgans am besten wissen muss, kann man nicht fragen: den deutschen Schäferhund. Deshalb bleibt offen, welche Rolle die Ausdünstungen von deutschem Fleiß und deutschem Fußball in der Gesamtnote des Landes spielen. Um den Nationalduft festzumachen, muss man vielleicht auf eine Nationalkampagne zurückgreifen, die vor ein paar Jahren in allen Medien gefahren wurde. Sie wandte sich an jedes Individuum auf dem Territorium, und der Slogan hieß: „Du bist Deutschland“. Das wird dann wohl so sein: Deutschland riecht wie alle seine Bürger. Mal gut und mal weniger gut.

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