28.08.2019: Festakt in Weimar
Doğan Akhanlı, Shirin Neshat und Enkhbat Roozon mit Goethe-Medaille ausgezeichnet

In einem Festakt vor rund 200 internationalen Gästen wurde heute, am 270. Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, in Weimar die Goethe-Medaille vergeben: Geehrt wurden der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı, die iranische Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat sowie der mongolische Verleger und politische Publizist Enkhbat Roozon. Mit dem offiziellen Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland zeichnet das Goethe-Institut jedes Jahr Persönlichkeiten aus, die sich in besonderer Weise für den internationalen Kulturaustausch einsetzen.

 

Die Goethe-Medaille wurde unter dem diesjährigen Titel „Dichtung und Wahrheit“ von dem Präsidenten des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann überreicht. In seiner Eröffnungsrede hob Lehmann hervor: „Mit der diesjährigen Preisträgerin Shirin Neshat und den Preisträgern Doğan Akhanlı und Enkhbat Roozon zeichnen wir Persönlichkeiten aus, die durch ihre Arbeiten das Spannungsfeld gesellschaftlicher Wirklichkeit zwischen Beeinflussung und Mündigkeit, Ignoranz und Debattenkultur, Unwissenheit und Bildung thematisieren, ohne Rücksicht auf mögliche persönliche Gefährdung oder eigene Nachteile. Sie geben außergewöhnliche Beispiele für eine engagierte verantwortungsbewusste kulturelle Verständigung, die neue Denkprozesse anstößt, Alternativen aufzeigt und der Kraft der Kultur vertraut. Sie sind feinfühlig in ihrer Wahrnehmung und stark in ihrer Botschaft. Ihre Glaubwürdigkeit beruht auf ihrer Unabhängigkeit, nicht auf politischem Aktionismus.“

Die Verleihung der Goethe-Medaille fand statt in Anwesenheit von Peter Kleine, Oberbürgermeister der Stadt Weimar, Benjamin-Immanuel Hoff, Thüringer Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Staatskanzlei, sowie Andreas Görgen, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt.

Die erste Vizepräsidentin des Goethe-Instituts und Vorsitzende der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille Christina von Braun betonte im Vorfeld der Verleihung: „Die Goethe-Medaille hat herausragende Preisträger und eine Preisträgerin prämiert, deren Arbeiten zeigen, welche zentrale Rolle Kultur im internationalen Austausch einnimmt. Ob Literatur, bildende Künste, politische und pädagogische Publikationen oder Filme: Ihre Arbeiten sind offen für den länder- und gesellschaftsübergreifenden Dialog, der aufrüttelt und Beziehungen stiftet.“

Der Schriftsteller Doğan Akhanlı setzt sich in seinen Romanen, Essays und Theaterstücken sowie mit seinem politischen Engagement seit vielen Jahren für die Völkerverständigung ein, insbesondere der Armenier, Türken und Kurden. Literaturkritikerin Insa Wilke führt in ihrer Laudatio aus: „Er schreibt damit keine politische Literatur, sondern er schreibt politisch. Das ist eine der höchsten, eine riskante, die Mentalitäten des Marktes ignorierende Kunst in der Literatur. Sie ist selten. Noch seltener ist, dass ein Schriftsteller den Raum zwischen den Buchdeckeln verlässt und seinem literarischen Werk ein performatives, ein kulturpolitisches Werk zur Seite stellt, auf einem zweiten Weg versucht, seine Einsichten weiterzugeben. Ganz altmodisch: einen Unterschied zu machen, etwas zu verändern. (…) Was Goethe unter Zeit verstanden hat, stimmt nicht mehr. Verstehen zu wollen, was Doğan Akhanlı uns über die Zeit sagt, wäre der Anfang einer neuen.“

In seiner bewegenden Dankesrede erinnerte Doğan Akhanlı daran, dass unsere Gegenwart noch immer bestimmt ist durch Repressionen, die systemkritische Intellektuelle erleiden müssen, und betonte: „Ich nehme die Goethe-Medaille gerne entgegen, und ich widme sie in Gedanken der inhaftierten Kölner Künstlerin Hozan Cane, die wie zehntausende andere Menschen Opfer staatlicher Willkür und Arroganz in der Türkei geworden ist, darunter Ahmet Altan, Osman Kavala und Selahattin Demirtaş.“

Die Künstlerin Shirin Neshat versteht es, mit ihren Filmen, Videos und Fotografien Politik und Poesie wirksam zu verbinden. Frauen der muslimischen Welt stehen dabei im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeiten, die sie trotz Einreiseverbots in ihr Heimatland immer weiterentwickelt. Kunstwissenschaftlerin Britta Schmitz betonte in ihrer Laudatio: „Neshat fokussiert in ihren Projekten den visuellen Diskurs auf historische und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen im Iran, deren Verschiebungen sie seismografisch bemerkt, weil sie sich immer als politische Künstlerin verstanden hat und eng mit der weltweiten iranischen Diaspora und Exilgemeinde verwoben ist. (…) Mit allen ebenso fein wie behutsam konzipierten Werken gelingt Shirin Neshat eine einzigartige narrative Verschränkung, indem sie eindringliche Geschichten und Bilder hervorbringt, die man so schnell nicht vergisst und die kulturelle Grenzen überschreiten.“

In Vertretung der Künstlerin, die selbst nicht nach Weimar reisen konnte, nahm ihre enge Freundin Vahideh Mahmoodi den Preis entgegen. Shirin Neshat bedankte sich in einer Videobotschaft, in der sie sich ausdrücklich mit der Exilgemeinde aller nach Deutschland Geflüchteten solidarisierte.

Der Verleger, Buchhändler und Publizist Enkhbat Roozon erhielt die Goethe-Medaille für seinen Mut und seine Kraft, sich in der Mongolei unermüdlich für eine offene, kritische und mündige Zivilgesellschaft einzusetzen. Insbesondere arbeitet er dafür, das mongolische Bildungssystem durch seine Publikationen zu verbessern. Laudator Damian Miller, Professor an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, stellte heraus: „Bildung, insbesondere die öffentliche Bildung, ist nicht Privileg, sondern conditio sine qua non einer Demokratie. (…) Öffentlichkeit meint spätestens ab dem 18. Jahrhundert kompromisslose Rechenschafts- und Diskurspflicht aller staatlichen Machtausübung. Dazu braucht der Souverän unentgeltliche schulische – öffentliche Bildung. Enkhbat Roozon widmet seine Tätigkeit genau diesem Engagement.“

Roozon nahm die Goethe-Medaille entgegen, indem er die aktuellen Herausforderungen seines Heimatlandes skizzierte, die eines grundlegenden, gesellschaftlichen Wandels bedürften: „Die Mongolen entstammen einer jahrhundertealten nomadischen Tradition, die hervorragend an unsere extremen klimatischen Bedingungen angepasst ist. Die Herausforderungen heute sind zunehmend andere – nämlich gesellschaftliche und politische. Beim Umgang mit diesen neuen Herausforderungen können wir von westlichen Kulturen lernen, insbesondere von der Tradition der europäischen Aufklärung.“

Musiker der Hochschule für Musik Franz Liszt, Lehrstuhl für Transcultural Musical Studies, haben für die Preisverleihung eigens selbst komponierte Stücke zur Aufführung gebracht, die musikalische Bezüge zu den jeweiligen Preisträgern herstellten. Kuratiert wurde das Programm von Peter Lell und Tiago de Oliveira Pinto. Das vierköpfige Ensemble bestand aus Mehdi Aminian (Ney), Emmanuel Hovhannisyan (Duduk), Nora Thiele (Perkussion) und Yessun-Erdene Bat (Gesang und Morin Khuur).

Die Pressemappe zur Verleihung der Goethe-Medaille 2019 finden Sie unter: www.goethe.de/pressemappen

Pressefotos der Preisträgerinnen und Preisträger 2019 finden Sie unter: www.goethe.de/bilderservice

Informationen zur Goethe-Medaille und eine Übersicht der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger: www.goethe.de/goethe-medaille

Die Biografien der Preisträgerin und der Preisträger 2019

Doğan Akhanlı
, geboren 1957 in der Türkei, lebt seit 1992 als freier Autor in Köln. Vor seiner Flucht nach Deutschland wurde er in der Türkei mehrfach verhaftet. Im Exil begann er zu schreiben und hat zahlreiche Romane und Theaterstücke verfasst, in denen er sich immer wieder für den wahrhaftigen Umgang mit historischer Gewalt, für Erinnerung sowie die Unteilbarkeit der Menschenrechte einsetzt. Ende der 90er Jahre erschien seine Trilogie „Kayıp  Denizler“ („Die verschwundenen Meere“), deren letzter Band „Kıyamet Günü Yargıçları“ („Die Richter des Jüngsten Gerichts“) den Völkermord in Armenien im Jahr 1915 beschreibt. Sein Roman „Madonna’nın Son Hayali“ („Madonnas letzter Traum“, 2005, dt. 2019) handelt von der Versenkung eines Frachters mit 700 jüdischen Flüchtlingen im Schwarzen Meer 1942 durch ein russisches U-Boot. Sein erstes Theaterstück in deutscher Sprache „Annes Schweigen“ wurde 2012 in Berlin (Theater unterm Dach) und im Januar 2013 in Köln (Theater im Bauturm) aufgeführt. Akhanlı engagiert sich aktiv für den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen, Ethnien und Religionen: 2002 beginnt er mit deutsch-türkischen Führungen im ehemaligen Gestapogefängnis in Köln, spricht mit türkischen Jugendlichen über die Verfolgung der Juden während des Nationalsozialismus und hält Vorträge über „Antisemitismus in der Einwanderergesellschaft“. In Berlin ruft er das Projekt „Flucht-Exil-Verfolgung“ ins Leben. Sein jüngstes Buch „Verhaftung in Granada oder: Treibt die Türkei in die Diktatur?“ (2018) verarbeitet seine Festnahme 2017 auf Verlangen der Türkei in Spanien. Doğan Akhanlı wurde 2018 mit dem Europäischen Toleranzpreis für Demokratie und Menschenrechte ausgezeichnet.

Shirin Neshat, geboren 1957 im Iran, lebt in New York und arbeitet als Künstlerin und Filmemacherin. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit dem Leben muslimischer Frauen in diktatorischen Regimen. Shirin Neshat wuchs während der Regentschaft des Schahs in einem liberalen, intellektuellen Elternhaus auf und studierte Kunst in den USA. Mit der Islamischen Revolution, der Machtübernahme Ayatollah Khomeinis und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und dem Iran 1979, blieb ihr die Einreise in die Heimat verwehrt. 1990 kehrte sie erstmals zurück und war erschüttert von den Auswirkungen der Revolution - insbesondere auf das Leben der Frauen im Iran, deren öffentlicher Stellenwert gegenüber den Männern eingeschränkt wurde. Unter diesen Eindrücken schuf sie ihre ersten fotografischen Serien „Unveiling” (1993) und „Women of Allah” (1993-97) - eindrucksvolle, großformatige Schwarz-Weiß-Porträts muslimischer Frauen. Subversiv kontrastiert sie darin Weiblichkeit, Gewalt und Poesie: Manche der Frauen tragen den Tschador, andere Schusswaffen, ihre nicht verhüllten Hände, Augen, Füße und Gesichter sind mit persischer Kalligrafie bedeckt. Neshats Arbeiten sind weltweit in vielen Museumssammlungen vertreten, und ihr wurden zahlreiche Einzelausstellungen gewidmet, u.a. in Venedig, Washington D.C., Seoul, Amsterdam, London, Berlin und Montréal. Mit ihrem ersten Spielfilm „Women Without Men“ gewann Shirin Neshat 2009 den Silbernen Löwen beim Biennale-Filmfestival in Venedig. 2017 debütierte sie als Opernregisseurin mit einer viel beachteten Inszenierung von Verdis „Aida“ bei den Salzburger Festspielen. Kurz darauf beendete sie ihren zweiten Spielfilm „Auf der Suche nach Oum Kulthum“, der von der erfolgreichsten Sängerin des Nahen Ostens erzählt.

Enkhbat Roozon, geboren 1958 in Ulan Bator, ist ein mongolischer Verleger, Buchhändler und politischer Publizist. Nach seinem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig arbeitete er zunächst mehrere Jahre als Fotograf und Leiter der staatlichen Fotoagentur MonTsaMe. 1996 machte er sich mit dem Admon-Druckhaus selbstständig, 2000 gründete er den Verlag Monsudar, der mittlerweile führend ist im Bereich internationale Belletristik, Wörter- und Kinderbücher sowie moderne Lehrmaterialien. Ab 2005 baute er die Internom-Buchhandelskette auf - heute die größte des Landes. Mit seinen Artikeln, Interviews und öffentlichen Veranstaltungen setzt sich Enkhbat Roozon für die Modernisierung des mongolischen Bildungssystems und die Stärkung der Meinungsfreiheit gegenüber den politischen Parteien ein. Denn bis heute hat sich in der Mongolei weder eine unabhängige, vielfältige Presselandschaft noch kritische Öffentlichkeit etablieren können. Diese Standards zu festigen, gehört zu den wichtigsten Zielen Roozons. Seinem Engagement liegt dabei die Überzeugung zugrunde, dass gesellschaftlicher Fortschritt in der Mongolei nur auf Basis der Werte der Aufklärung gelingen kann, unter Anerkennung der Autonomie und Mündigkeit jedes einzelnen Bürgers. Dies zu befördern, hält er für die oberste Aufgabe der Bildungspolitik, für die er sich seit vielen Jahren persönlich und publizistisch engagiert. 2009 gründete Enkhbat Roozon die NGO Davalgaa („Bildungswelle“), seit 2017 ist er Mitglied im „Bildungsrat“ des Präsidialamtes der Mongolei.

Über die Goethe-Medaille
Die Goethe-Medaille wurde 1954 vom Vorstand des Goethe-Instituts gestiftet und 1975 von der Bundesrepublik Deutschland als offizielles Ehrenzeichen anerkannt. Die Verleihung findet am 28. August, dem Geburtstag Goethes, in Weimar statt. Gemeinsam mit dem Kunstfest Weimar richtet das Goethe-Institut ein Begleitprogramm aus. Seit der ersten Verleihung 1955 sind insgesamt 351 Persönlichkeiten aus 66 Ländern geehrt worden, darunter Daniel Barenboim, Pierre Bourdieu, Sir Ernst Gombrich, Lars Gustafsson, Ágnes Heller, Petros Markaris, Sir Karl Raimund Popper, Jorge Semprún, Robert Wilson, Neil MacGregor, Juri Andruchowytsch oder Irina Scherbakowa.

Die Kommission der Goethe-Medaille
Franziska Augstein (Journalistin, Süddeutsche Zeitung), Christina von Braun (Vorsitzende und Vertretung des Präsidiums, Kulturwissenschaftlerin, Humboldt-Universität zu Berlin), Meret Forster (Redaktionsleiterin Musik, BR-Klassik), Anselm Franke (Kurator, Leitung Bereich Bildende Kunst und Film, Haus der Kulturen der Welt), Ina Hartwig (Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main, Literaturkritikerin), Ursula von Keitz (Filmwissenschaftlerin, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf), Ulrich Khuon (Intendant, Deutsches Theater), Eva Menasse (Schriftstellerin), Elisabeth Ruge (Autorin, Verlegerin und Literaturagentin), Moritz Müller-Wirth (Journalist, Die Zeit); in Vertretung des Auswärtigen Amtes: Andreas Görgen (Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation Auswärtiges Amt); in Vertretung des Goethe-Instituts: Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts), Johannes Ebert (Generalsekretär des Goethe-Instituts)

Kontakt:

Susanne Meierhenrich
Pressebeauftragte „Goethe-Medaille“
des Goethe-Instituts
Tel.: +49 171 742 1717
smeierhenrich@t-online.de

Dr. Jessica Kraatz Magri
Pressesprecherin und Leiterin
Stabsbereich Kommunikation
Goethe-Institut e.V.
Tel.: +49 89 15921 249
jessica.kraatzmagri@goethe.de

 

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