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Sprachvermittlung trifft Migrationsberatung

Beratung am Goethe-Zentrum Surabaya
Beratung am Goethe-Zentrum Surabaya | © I Putu Surya K.B.

In Vorintegrationsprojekten bereitet das Goethe-Institut Zuwanderernde schon in ihren Herkunftsländern auf die Migration nach Deutschland vor. In einem dreiwöchigen Seminar hatten die Projektmitarbeitenden aus Südostasien und Südosteuropa jetzt die Möglichkeit, sich mit Migrationsberatenden aus Deutschland auszutauschen.

Von Janna Degener-Storr

Eine Anfrage in der Online-Beratungsstelle jmd4you der Jugendmigrationsdienste: Der Sozialarbeiter Herbert Neumann aus Rotenburg (Wümme) findet im Beratungs-Postfach eine Nachricht von einer Brasilianerin. Ihre Großeltern seien in den 30er Jahren als jüdische Migranten aus Deutschland geflohen und sie wolle nun aufgrund der politischen Veränderungen mit ihrer Tochter zurückkehren: „Welche Möglichkeiten gibt es, dort mein Leben zu finanzieren? Kann meine Tochter in Berlin studieren?“, fragt sie.

Rund eineinhalbtausend Kilometer entfernt, in seinem Büro am Goethe-Institut Belgrad, führt Nemanja Vlajkovic seine Vorintegrations-Beratungen durch. Heute sitzt eine junge Serbin vor ihm, die in Stuttgart eine Stelle als Busfahrerin angeboten bekommen hat. „Welche Formulare muss ich ausfüllen, wenn ich in Deutschland leben möchte? Kann meine Tochter dort die Schule besuchen?“, fragt sie. „Und wie ist der Verkehr in Deutschland eigentlich? Gibt es da auch so viel Stau?“.

Vorintegration am Goethe-Institut

Seitdem nachziehende Ehegatten aus Nicht-EU-Ländern nach einer gesetzlichen Neuregelung im Jahr 2007 vor ihrer Einreise nach Deutschland Sprachkenntnisse auf A1-Niveau nachweisen müssen, führt das Goethe-Institut in den Hauptherkunftsländern Vorintegrationsprojekte durch, um Migrantinnen und Migranten auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. Inzwischen sind auch Berufsmigrantinnen und –migranten in den Fokus dieser Maßnahmen gerückt. Seit einigen Jahren kooperiert das Goethe-Institut dabei mit den Jugendmigrationsdiensten in Deutschland. Das Portal „Mein Weg nach Deutschland“ etwa informiert über die anonyme und kostenfreie Jugendonlineberatung jmd4you, die junge Menschen schon in ihren Heimatländern gezielt zu Fragen der Migration berät.

Im aktuellen Projekt „Vorintegration in den Regionen Südostasien und Südosteuropa“ möchte das Goethe-Institut seine Beratungsarbeit in den Heimatländern noch weiter professionalisieren – und setzt dabei auf eine noch engere Zusammenarbeit mit Beratungsstellen wie den Jugendmigrationsdiensten. Von diesem Austausch sollen beide Seiten profitieren. „Die Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort beraten, kennen die Probleme, die die Zuwandernden vor der Ausreise haben. Und wir sind die Expertinnen und Experten, wenn es darum geht, was danach passiert. Wenn beide Seiten zusammenkommen, können wir die Migrationserfahrung vom Start bis zum Ende gut begleiten“, erklärt Özcan Ülger, Projektleiter der JMD-Onlineberatung. 
 
Beratung am Goethe-Institut Belgrad © Danilo Andjus

Austausch mit Migrationsberatenden

Auftakt der neuen Kooperation bildete eine Fortbildung für Beratende im Vorintegrationsprojekt des Goethe-Instituts, die Anfang Dezember 2018 in Deutschland stattfand. Sie umfasste eine zweitägige Einführung in München und sechs Hospitationstage bei Beratungsstellen der Jugendmigrationsdienste in München, Nürnberg, Augsburg, Berlin, Montabaur und im Kreis Offenburg/Schwarzwald sowie einen Auswertungstag. „Von jedem der beteiligten Standorte war eine Kollegin oder ein Kollege vor Ort. Insgesamt nahmen an den ersten beiden Seminartagen siebzehn und an den Hospitationen zwölf Kolleginnen und Kollegen aus den Projektländern teil“, erklärt Projektkoordinatorin Andrea Hammann. Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, bürokratische und inhaltliche Fragen zu stellen, sich mit den JMD-Mitarbeitenden auszutauschen und theoretischen wie praktischen Input zur Beratungsarbeit zu erhalten.

Was bedeutet eine Migration nach Deutschland?

Figen Akgün, die als Projektmitarbeiterin des Standorts Izmir an dem Seminar teilnahm, erlebte insbesondere die Teilnahme an der Stadtteil-Recherche als große Bereicherung: „Wir machen in unserem Land die Vorarbeit dafür, dass die Zuwanderinnen und Zuwanderer sich nach ihrer Ankunft in Deutschland nicht so fremd fühlen. Es war hilfreich, am eigenen Leibe zu erfahren, was auf sie zukommt, wenn sie in einer unbekannten Stadt zum Beispiel Schulen erkunden müssen. Selbst wenn man die deutsche Sprache beherrscht, ist es eine Herausforderung, mit Menschen in Kontakt zu kommen und sich zu orientieren.“

Auch mit den interkulturellen und persönlichen Herausforderungen einer Migration setzen sich die Teilnehmenden auseinander. „Ein Umzug in ein anderes Land kann zum Beispiel das Gleichgewicht in einer Beziehung enorm verändern. Heiratsmigrantinnen und -migranten fühlen sich dann im Vergleich zu ihrem Ehegatten häufig plötzlich machtlos, was enorme Herausforderungen für die Paare mit sich bringen kann. Und auch Berufsmigrantinnen und –migranten durchlaufen nach einer gewissen Zeit der Anfangsbegeisterung oft eine Krise. Wenn man die Menschen schon vor der Abreise darauf vorbereitet, können sie solche Erlebnisse gleich einordnen und besser damit umgehen“, erklärt Herbert Neumann von den Jugendmigrationsdiensten.

Hospitation in der Migrationsberatung

Die Hospitationen boten den Beteiligten die Möglichkeit, den Alltag der Migrationsberatungsstellen in Deutschland kennenzulernen. Thanh Huong Nguyen vom Goethe-Institut Hanoi behielt insbesondere die Beratung eines syrischen Familienvaters in Erinnerung: Sein Nachbar hatte sich beim Vermieter darüber beschwert, dass seine Kinder in der Wohnung zu viel Krach machten. „Der Umgang mit Lärm ist ein wichtiger Aspekt der interkulturellen Vorbereitung für uns, denn auch bei uns in Vietnam geht es manchmal ein bisschen lauter zu und unsere Seminarteilnehmenden müssen dafür sensibilisiert werden, dass die Deutschen zu bestimmten Uhrzeiten ein Recht auf Ruhe in ihren vier Wänden haben“, meint sie.

Für einige Seminarteilnehmende war es auch eine große Erleichterung, zu erfahren, dass Beraterinnen und Berater nicht auf jede Frage ad hoc eine Antwort parat haben müssen. Lejla Djelilovic vom Goethe-Institut Sarajevo zum Beispiel führte bis zum Beginn des Vorintegrationsprojekts vor wenigen Monaten vor allem Beratungen zu Fragen des Spracherwerbs durch und fühlt sich jetzt manchmal überfragt, wenn es um komplexe Themen wie die Anerkennung von Zeugnissen geht – zumal es hier immer mal wieder gesetzliche Änderungen gibt: „Es hat mir geholfen, zu sehen, dass ich nicht alles wissen muss“, gibt sie zu. Clara Mutiarasari vom Goethe-Institut Jakarta berichtet darüber hinaus von kulturellen Herausforderungen: „Im asiatischen Raum ist es unüblich, zuzugeben, wenn man etwas nicht weiß. Deshalb war es toll für mich zu sehen, dass ein Berater in einer Situation offen sagte, er müsse die Antwort auf die Frage zunächst recherchieren“.

Ein starkes Netzwerk

Letztlich konnten auch die weniger erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vorintegrationsprojektes nach dem Fortbildungs- und Austauschwochenende mit einem guten Gefühl an ihre Standorte zurückkehren – und dem Wissen, dass sie bei eventuellen Unklarheiten immer auf die Unterstützung aus ihrem Vorintegrations-Netzwerk bauen können: Denn ein Griff zum Telefon genügt, um auf die Erfahrungen und die Expertise der Kolleginnen und Kollegen an den anderen Standorten des Goethe-Instituts sowie in den Migrationsberatungen in Deutschland zurückzugreifen.
 

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