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Vorintegrationsangebote im Westbalkan
Von Albanien bis Montenegro – Vorintegration im Westbalkan

Vorintegration im Westbalkan
Von Albanien bis Montenegro - Vorintegration im Westbalkan | © Goethe-Institut, Getty Images

Seit dreizehn Jahren bereitet das Goethe-Institut Migrant*innen aus Südosteuropa gezielt auf ihre Migration nach Deutschland vor. 2015 trat ein Gesetz in Kraft, dass Menschen aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien die Arbeitsaufnahme in Deutschland erleichterte. Wie hat sich die Zuwanderung in der Region in dieser Zeit entwickelt? Und was zeichnet die Vorintegrationsarbeit hier aktuell aus?

Von Janna Degener-Storr

Beratungen, Informationsveranstaltungen, Förderunterricht – die Goethe-Institute machen an vielen Standorten der Welt Angebote, um Menschen auf ihre Migration nach Deutschland vorzubereiten. Das gilt auch für den Westbalkan. Das Goethe-Zentrum im albanischen Tirana beispielsweise berät Interessierte dazu, wie sie sich auf die Sprachprüfungen vorbereiten können, die sie für das Visum benötigen, und informiert Menschen in Veranstaltungen darüber, wie sie hierzulande einen Arbeitgeber finden können. Die Kolleg*innen im Goethe-Institut Bosnien und Herzegowina haben ihre Angebote schon im Sommer 2020 – unter Berücksichtigung der pandemiebedingten Abstandsregelungen – schnell wieder auf Präsenz umgestellt und in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit im Projekt „Handwerk bietet Zukunft“ eine neue Zielgruppe in den Fokus gerückt. Projektmitarbeiterin Lejla Djelilovic beobachtet, dass seitdem neue Fragen und Herausforderungen im Fokus stehen, und nennt zwei Beispiele: „Was bedeutet es für meine Einreise nach Deutschland, dass Bosnien ein COVID-19-Risikogebiet ist?“ „Soll ich mich für die Sprachprüfung anmelden, wenn ich mich bereit dafür fühle? Oder soll ich lieber noch etwas warten, weil das Sprachzertifikat nur ein Jahr gültig ist, die Wartezeiten für die Beantragung des Visums aber häufig länger dauern?“
Ihr Kollege, der im benachbarten Serbien und Montenegro für die Vorintegrationsarbeit zuständig, Dr. Nemanja Vlajkovic, hat vor allem in Belgrad aktuell große Erfolge mit einem neuen Konzept für einen einmonatigen Kurs auf A1-Niveau, der in Präsenz und online für die Teilnehmer*innen kostenfrei angeboten wird: „Nach der Zeit der Lockdowns hatten viele Lerner*innen Schwierigkeiten mit dem Sprechen, was sich auch in den Prüfungsergebnissen widerspiegelte. In dem Kurs wird zum Beispiel intensiv geübt, einen Arzttermin zu vereinbaren, im Restaurant zu bestellen oder ein Gespräch mit Kolleg*innen am Arbeitsplatz zu führen.“ In einer Umfrage geben fast siebzig Prozent der Teilnehmer*innen an, dass sie die Themen, die im Kurs behandelt werden, sehr relevant für ihr Leben in Deutschland finden. Über siebzig Prozent sind absolut der Meinung, dass dieser Kurs ihre erste Orientation und Integration in Deutschland erleichtern konnte. Und fast alle finden, dass sich ihr Deutsch im Laufe des Kurses verbessert hat.
Der Kurs kommt so gut an, dass ein entsprechendes Angebot jetzt auch für das Sprachniveau B1/B2 entwickelt wurde, mit einem Fokus auf Berufsdeutsch. Darüber hinaus hat das Goethe-Institut Belgrad einen Info-Workshop zum Thema „Deutsch lernen, Deutschland kennenlernen“ und einen Crashkurs „Start Deutsch 1“ zur Prüfungsvorbereitung im Angebot, der am Deutschen Haus Montenegro stattfindet. Auch die A1- und die B1-Prüfung sind nach wie vor sehr beliebt. Das Goethe-Institut Skopje schließlich hat ein neues Internetportal entwickelt, das Informationen für Migrant*innen aus Nordmazedonien, Kosovo und Albanien in der Landessprache bereithält. In einer Videoreihe werden die Zuwanderer*innen hier demnächst von Landsleuten über das Leben in Deutschland und den Migrationsprozess informiert.
Die Westbalkan-Regelung: Ein neuer Weg nach Deutschland
Wer zum Arbeiten nach Deutschland migrieren möchte, braucht natürlich einen passenden Aufenthaltstitel. Migrant*innen aus dem Westbalkan haben dabei verschiedene Möglichkeiten. Akademiker*innen können die so genannte Blaue Karte EU beantragen. Darüber hinaus steht ihnen und auch Menschen mit einer anerkannten Berufsausbildung ein Aufenthalt nach dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz offen. Seit 2015 gibt es mit der so genannten Westbalkan-Regelung noch eine dritte Option, die für diese beiden Gruppen und ebenso für Migrant*innen ohne Berufsausbildung gilt. Die Westbalkan-Regelung ist die einzige Möglichkeit, ohne Qualifikationsnachweis eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Die Migrant*innen brauchen dafür einen gültigen Arbeitsvertrag und die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Damit ist das Verfahren sowohl für Arbeitgeber attraktiv als auch für Migrant*innen, gerade wenn sie weniger qualifiziert sind.
Das Goethe-Institut spürt die Auswirkungen der Westbalkan-Regelung in seiner Vorintegrationsarbeit an den verschiedenen Standorten. In Bosnien und Herzegowina umschiffen viele Migrant*innen mithilfe der Westbalkan-Regelung die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse, erzählt Lejla Djelilovic: „Wer über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz nach Deutschland gehen möchte, muss sich seine Berufsausbildung anerkennen lassen. Das dauert nicht nur sehr lange – häufig sogar länger als die Beantragung einer Aufenthaltserlaubnis über die Westbalkan-Regelung. Es ist für Migrant*innen aus Bosnien und Herzegowina oft auch sehr schwierig – nicht nur weil die Übersetzungen und die Vergleichsmaßnahmen kompliziert sind, sondern weil der Praxisanteil in den Berufsausbildungen zum Beispiel in Handwerksberufen hier häufig viel geringer als in Deutschland ist. Deshalb entscheiden sich viele unserer Teilnehmer*innen, über die Westbalkan-Regelung nach Deutschland zu gehen“.
Perspektiven in der Heimat schaffen
Die Westbalkan-Regelung ist zwar erfolgreich, aber auch umstritten. Denn viele der Fachkräfte, die in Deutschland willkommen sind, werden durchaus auch in den Heimatländern gebraucht. Die Abwanderung führt dort unter Umständen zu Engpässen oder verschärft die Situation, beispielsweise im Gesundheitswesen. Die Goethe-Institute versuchen diesem Braindrain entgegenzuwirken – auch mit dem Projekt STAYnet, einem Netzwerk zur Unterstützung von jungen Menschen beim Übergang von Schule zu Beruf. Dr. Petra Köppel-Meyer ist als Leiterin der Spracharbeit mit Regionalauftrag in Südosteuropa für die Aktivitäten im Rahmen der Vorintegration verantwortlich und erklärt: „Wir tragen zum Gelingen der Mobilität bei, indem wir Menschen, die Interesse an einer Migration nach Deutschland haben, seriös beraten und informieren, anstatt Fachkräfte zu akquirieren oder mit falschen Vorstellungen für das Leben in Deutschland zu werben. Wir helfen den Migrant*innen, gut informierte Entscheidungen zu fällen – und vermitteln auch den Arbeitgebern in Deutschland, dass sie sich um ihre potentiellen Arbeitskräfte bemühen, ihnen attraktive Angebote unterbreiten und sie auch beim Erwerb der deutschen Sprache unterstützen sollten. Mit unserem Projekt STAYnet tragen wir gleichzeitig dazu bei, dass junge Menschen auch Perspektiven in ihren Heimatländern in Betracht ziehen.“

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