Grammatische Variation Fehler oder Variante?

Heißt es „Schweinebraten“ oder „Schweinsbraten“?
Heißt es „Schweinebraten“ oder „Schweinsbraten“? | Foto: Tomas Banisauskas © iStockphoto

Zugsverbindung oder Zugverbindung? Die Parks, die Pärke oder die Parke? Alles richtig, betont Stephan Elspaß. In einem internationalen Forschungsprojekt untersucht der Germanistik-Professor die Variantengrammatik des Standarddeutschen.

Ob in Deutschland oder der Schweiz, ob hoch im Norden, weit im Westen oder tief im Süden – als Universitätsdozent hat Stephan Elspaß schon in den verschiedensten Regionen des deutschsprachigen Raums gelebt und unterrichtet. Wenn er in Zürich morgens die Zeitung aufschlug, las er immer mal wieder von einem „Entscheid“ der Schweizer, während in der Münsteraner Zeitung eher von „einer Entscheidung“ der Deutschen die Rede war.

„Für“ wider „auf“

Wenn seine Kollegen sich mittags in der Mensa das Tagesgericht bestellten, wurde mal vom „Schweinebraten“ und mal vom „Schweinsbraten“ gesprochen. Und während seine Studenten in Kiel häufiger „für ihre Prüfungen lernen“ mussten, lernte man in Augsburg regelmäßig „auf eine Prüfung“. Als Germanist bemerkte Elspaß schnell, dass in den verschiedenen Regionen nicht nur unterschiedliche Wörter und eine unterschiedliche Aussprache, sondern teilweise auch unterschiedliche grammatikalische Formen verwendet werden – und zwar offenbar immer wieder und von ganz unterschiedlichen Sprechern und Schreibern. Damit stand für ihn fest: Es handelt sich hier weder um dialektale Formen noch um Versprecher oder Verschreiber, sondern um unterschiedliche grammatische Varianten des Standarddeutschen.

Forscher sind am Formen-Sammeln

In einem großen Forschungsprojekt wollen Stephan Elspaß (Augsburg), Christa Dürscheid (Zürich) und Arne Ziegler (Graz) mit ihren Teams diese grammatischen Varianten des Standarddeutschen jetzt systematisch unter die Lupe nehmen. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Belgien, Luxemburg, Südtirol und der Schweiz werden drei Jahre lang deutschsprachige Zeitungen aus den verschiedenen Ländern nach solchen Formen durchforstet, um diese dann zu beschreiben und in einem Handbuch zu dokumentieren. Dabei interessiert das Forscherteam auch, wie grammatische Varianten des Standarddeutschen entstehen und sich weiterverbreiten. Lässt sich historisch zurückverfolgen, wie und warum diese Formen entstanden sind? Und in welchem Verhältnis stehen die Standardsprachen zu den Dialekten der jeweiligen Region?

„Ein gutes Beispiel ist der sogenannte ‚am-Progressiv‘ im Deutschen“, erklärt Elspaß. „Diese Form wird häufig auch als rheinische Verlaufsform bezeichnet und war auch schon im 19. Jahrhundert den ganzen Rhein entlang bis in die Schweiz verbreitet. Inzwischen kann man aber in fast allen deutschsprachigen Gebieten hören, dass jemand ‚am Schlafen‘ oder ‚ am Essen‘ ist.“ Elspaß vermutet, dass ganz unterschiedliche Faktoren zur Verbreitung dieser Form beigetragen haben: „Offenbar fehlt im Deutschen eine Progressivform, wie wir sie etwa im Englischen haben. Aus ihrem Bedürfnis heraus, den Verlauf einer Handlung grammatisch auszudrücken, haben Sprecher lange Zeit die sogenannte tun-Fügung verwendet: ‚Ich tu kochen‘ oder ‚ich tu telefonieren‘. Diese Form war aber stigmatisiert und wurde den Schülern schon in der Schule von ihren Lehrern ausgetrieben, der ‚am-Progressiv‘ jedoch offenbar nicht so sehr, so dass er sich als Alternative in immer mehr Regionen durchsetzen konnte.“

Sick-Fans sehen das wohl anders

Natürlich sind Elspaß und seine Kollegen sich darüber bewusst, dass ihr Forschungsgegenstand in manchen Kreisen auf Skepsis oder sogar Widerstände stößt. „Seit Aufkommen der Schulgrammatik gibt es im deutschsprachigen Raum eine starke Homogenitätsideologie in Bezug auf den Standard. Viele glauben, es könne nur eine korrekte grammatische Form geben, alles andere wird als Fehler betrachtet“, erklärt Elspaß. Gerade viele Gebildete reagieren in seiner Wahrnehmung sehr abwehrend auf Formen, die von ihrer Vorstellung des Standarddeutschen abweichen: „Ich behaupte einmal polemisch, dass das die typischen Bastian-Sick-Leser sind: Sie meinen, die deutsche Sprache besonders gut zu beherrschen, und glauben deshalb, andere verbessern zu können.“

Gerade bei Menschen, die süddeutsche, österreichische oder schweizerische Varianten des Standarddeutschen gebrauchen, kann das zu einem gewissen sprachlichen Minderwertigkeitsgefühl führen. Elspaß und seine Kollegen möchten da mit ihrem Forschungsprojekt entgegensteuern: „Wir denken: Wenn eine Form von vielen kompetenten Schreibern in gedruckten Texten verwendet wird, kann sie nicht falsch sein. Indem wir dokumentieren, welche Formen in den Zeitungen verwendet werden, führt das auch zur Rehabilitation derjenigen, die diese Formen verwenden und denen zu Unrecht unterstellt wird, sie könnten kein ,richtiges Deutsch‘ schreiben.“