Neue Wörter Die Welt der Neologismen

Sascha Lobo
Sascha Lobo | Foto: © Reto Klar

Die deutsche Sprache produziert laufend neue Wörter, sogenannte Neologismen. Doch bevor ein Wort tatsächlich Eingang in den Duden findet, kann es einige Jahre dauern und zudem sind einige Kriterien zu erfüllen.

Sprachwissenschaftler halten sich mit Angaben darüber, wie viele Wörter die deutsche Sprache denn nun tatsächlich habe, bekanntlich gerne zurück. 200.000, 300.000 oder gar 500.000? Schwer zu sagen, ist stets zu hören, schließlich sei Sprache kein starres Gebilde, sondern im Gleichschritt kultureller und gesellschaftlicher Entwicklungen ständigem Wandel unterlegen. Täglich finden neue Wörter Eingang in die deutsche Sprache, während andere verschwinden. Besonders kreativ ist die Jugend, wenn es darum geht, neuen Wortschatz in Umlauf zu bringen. Noch mehr Vokabular findet die adoleszente Leserschaft jetzt in dem Taschenbuch Wortschatz: 698 Worte für alle Lebenslagen, das die Zeitschrift Neon in Zusammenarbeit mit Sascha Lobo rausgebracht hat. Ob einige von ihnen das Zeug zum Duden-Eintrag haben – das ist hier die Frage.

Wie neue Wörter entstehen

Die lexikalische Produktionswut des Deutschen scheint bemerkenswert. Fremdschämen, twittern und Abwrackprämie sind nur drei der vielen neuen Wörter, die es 2009 in die aktuelle Ausgabe des Dudens geschafft haben. Reicht der bestehende deutsche Wortschatz etwa nicht aus? Dr. Doris Steffens, seit 1997 am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim auf Neologismen – so die wissenschaftliche Bezeichnung für neues Wortgut – spezialisiert, sieht einen kommunikativen Bedarf als ursächlich.

„Neologismen entstehen immer da, wo neue Gegenstände oder Sachverhalte benannt werden wollen und zeichnen sich dadurch aus, dass sie vom Sprecher für eine Weile als ungewohnt empfunden werden.“ Wird ein Wort in einer Sprachgemeinschaft irgendwann so häufig verwendet, dass es nicht mehr als neu auffällt, ist auch seine Karriere als Neologismus vorbei. „Die meisten Wörter gehen allmählich in den Allgemeinwortschatz ein.“ Bis es allerdings so weit ist, kann es gerne zehn Jahre dauern. Es gebe aber auch Fälle, in denen Journalisten einem Wort über Nacht zu beachtlicher Bekanntheit verhelfen – wie etwa zur Bundestagswahl 2005 mit dem Begriff „Jamaika-Koalition“ für das Zusammenspiel der Grünen mit CDU (schwarz) und FDP (gelb) geschehen. Trauriger Umkehrschluss: Hat ein Wort seinen kommunikativen Zweck erfüllt, etwa weil der benannte Gegenstand keine Relevanz mehr hat, kann es auch wieder in Vergessenheit geraten.

Typen von Neologismen

Aufgrund ihres technischen Fortschritts erwiesen sich gerade die 1990er-Jahre als produktives Jahrzehnt, in dem bevorzugt aus dem Englischen entlehnt wurde, was dem Deutschen im anbrechenden Computerzeitalter zur Beschreibung gängiger Abläufe noch fehlte. Stolpert der Sprecher dabei über die Frage, ob es nun der, die oder das Notebook heißen muss? „In der Regel richtet sich der Artikel nach der deutschen Entsprechung“, weiß Steffens. Solche Unsicherheiten fallen bei jenen Neologismen, die durch Bedeutungswandel eines bereits existierenden Wortes entstehen, glücklicherweise weg. Meist tritt ein Wort erstmals dann als Neologismus – als sogenannte Neubedeutung – in Erscheinung, wenn es in Zusammenhängen auftaucht, in denen die ursprüngliche Bedeutung irritiert. Steffens: „Das Verb knicken hat zum Beispiel so eine Entwicklung durchlaufen.“ (früher: knicken = falten, heute auch: das kannst du knicken = das kannst du vergessen). Im Deutschen sind besonders Komposita mit reichlich Potenzial zum Neologismus ausgestattet, aber auch neue Verbbildungen erregen Aufmerksamkeit. Paradebeispiel: Nachdem 2005 das nach dem Wirtschaftsexperten Peter Hartz benannte Arbeitslosengeld Hartz IV eingeführt wurde, lieferte das Verb hartzen eine griffige Bezeichnung für „von Arbeitslosengeld II leben“.

Jugend – unerschöpfliche Quelle neuer Wörter

Apropos Jugend. Kaum eine soziale Gruppe ist aktiver, wenn es darum geht, neuen Wortschatz zu erfinden oder Vorhandenes umzudeuten. Schließlich schafft eine „eigene“ Sprache nicht nur ein Gefühl von Zugehörigkeit, sie ist außerdem ein Mittel, sich von der älteren Generation abzugrenzen. Findet ein jugendsprachliches Wort dann Eingang in die Allgemeinsprache, lässt es die Jugend häufig wieder fallen und setzt ihre Suche nach unverbrauchtem Wortmaterial fort. Der Lust auf sprachliches Neuland widmet die Zeitschrift Neon bereits seit März 2010 eine Wortschatz-Kolumne. Die Taschenbuch-Version Wortschatz: 698 Worte für alle Lebenslagen bringt den Prozess der Wortschatzgenerierung nun abermals in Fahrt. Autor Sascha Lobo hat sich hierfür Wörter wie simsulieren, krankfeuern oder Plomp samt Definition ausgedacht – ein 190 Seiten starkes Füllhorn an pfiffigem Vokabular das, wie auf der Rückseite zu lesen ist, mit dem Anspruch am Markt auftritt, ein kleiner Duden für die Zukunft zu sein.

Aufnahmekriterien für den Duden

Derart verheißungsvolle Klappentexte bringen die Dudenredaktion allerdings nicht aus der Fassung. „Der Duden will den tatsächlichen Sprachgebrauch dokumentieren, nicht die theoretisch grenzenlosen Möglichkeiten sprachlicher Kreativität“, klärt Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Leiter der Dudenredaktion, auf. Vielmehr sei es so, dass neue Wörter von einer Sprachgemeinschaft tatsächlich gebraucht werden müssen, um es unter die 135.000 aktuell im Duden geführten Stichwörter zu schaffen. „Sie müssen in unserer elektronischen Sammlung von Texten, dem Dudenkorpus, häufig vorkommen, in unterschiedlichen Quellen wie Zeitungen oder Büchern nachweisbar sein und über einen gewissen Zeitraum auftreten – also keine Eintagsfliegen sein,“ benennt Scholze-Stubenrecht die Aufnahmekriterien. Da haben die Neuschöpfungen aus Wortschatz: 698 Worte für neue Lebenslagen ja noch Einiges vor sich. Sei’s drum, unterhaltsam ist das Buch nämlich allemal.