Alltäglicher Sprachgebrauch Subjekt, Prädikat, Objekt, Alter!

Die deutsche Sprache scheint von ihren Sprechern immer weiter verkürzt zu werden.
Die deutsche Sprache scheint von ihren Sprechern immer weiter verkürzt zu werden. | Foto: © Wilhelm Busch/gemeinfrei

Sprachwandel ist ein natürliches Phänomen. Denn Sprachen, die täglich gebraucht werden, behalten Gebrauchsspuren zurück. Aber hat es wirklich seine Richtigkeit, wenn man das Gefühl hat, die Sprache werde immer weiter simplifiziert?

Seien wir ehrlich: Sprachen wandeln sich, wenn sie benutzt werden. So ist das nun einmal. Wörter wie „flugs“ oder „Mannequin“ sind aus dem deutschen Sprachgebrauch so gut wie verschwunden, und Goethe würde sich nicht schlecht darüber wundern, wie wir reden, wenn er es hören könnte. Ein Sprecher versucht, mit möglichst wenig Aufwand ein Ziel zu erreichen, wenn er etwas sagt. Er will überzeugen, informieren, unterhalten oder seinem Befinden Ausdruck verleihen.

Fortschritt durch Wandel?

Wenn das auch mit wenigen Worten geht, umso besser. Denn die linguistischen Konversationsmaximen besagen, man solle nur sagen, was informativ, wahr und wichtig ist, und das klar und deutlich. Die deutsche Sprache scheint von ihren Sprechern immer weiter verkürzt zu werden, was auch nicht generell negativ ist. Dass man zum Beispiel Endungen verkürzt, scheint problemlos annehmbar: „Ich mach’ das Fenster auf“ klingt nicht viel anders als „ich mache das Fenster auf“. Und dass man heute sagt „es ist viertel nach sechs“ und nicht mehr, wie noch in den 1950er-Jahren, „es ist viertel nach sechs Uhr“, ist sehr verständlich und tut den Ohren des Hörers nicht weh. Und daran, dass kaum jemand den Unterschied zwischen „derselbe/dieselbe/dasselbe“ und „der gleiche/die gleiche/das gleiche“ kennt, hat man sich auch mit der Zeit gewöhnt. Auch wenn es nicht möglich ist, dass meine Freundin „denselben“ Pullover hat, den ich gerade trage, denn derselbe Pullover ist mein Pullover. Ihn gibt es nur ein einziges Mal. Sie besitzt den gleichen.

Trotz der Gewöhnung an sprachliche Veränderungen, die ursprünglich aus Varianzen entstanden sind, graut es manchem oftmals, wenn er sich auf der Straße umhört. Der Genitiv scheint immer weiter zu verschwinden und der Hut meines Vaters ist nun der Hut von meinem Vater.

Na, wo sind sie denn?

Aber wohin sind nur all die Präpositionen verschwunden? Laut wissenschaftlichen Untersuchungen gibt es im Deutschen fast 300 Präpositionen und man kann ohne Umschweife zugeben, dass deren Verwendung nicht immer einfach ist. Dennoch: Eine Präposition gibt das Verhältnis zwischen Personen, Dingen und Sachverhalten an. Und es ist doch nun einmal wichtig zu wissen, ob ich in das Kino gehe oder nur an das Kino. Oder um das Kino, oder auf das Kino(dach). Oder, oder, oder. Was soll man also mit einer Aussage wie „Ich geh Kino“ anfangen? Nicht auszudenken, was passiert, wenn man seine Verabredung verpasst, weil man nicht vor, sondern hinter dem Restaurant wartet. Und es ist doch etwas anderes, ob man bis um sechs Uhr arbeitet oder bis nach sechs Uhr.

Neulich hörte ich ein Mädchen in der Straßenbahn am Telefon sagen „Ich bin Bernauer Straße!“. Und ich dachte: „Ach so! Du bist also die Bernauer Straße ... Das ist ja interessant!“. Natürlich verstand ich, nachdem ich mein Gefühl der Befremdlichkeit überstanden hatte, dass sie sagen wollte, sie sei an der Haltestelle „Bernauer Straße“. Aber wieso sie es nicht so gesagt hat, verstehe ich bis heute nicht.

Gehören Beleidigungen jetzt zum guten Ton?

Und was ist aus der guten, alten Subjekt-Prädikat-Objekt-Satzstellung geworden? Manchmal findet sie sich noch, dann aber oft mit dem Anhängsel „Alter!“, welches dem Sinn des Satzes nichts an Information hinzufügt, aber trotzdem besonders in der Jugendsprache sehr häufig vorkommt. „Ich geh’ ins Schwimmbad, Alter!“ Freunde sagen das ständig zueinander, und dabei ist es egal, ob sie nur eine oder gleich mehrere Personen ansprechen. Hinter der Benutzung dieses Anhängsels verbirgt sich eine soziokulturelle Motivation. Und es gibt viele verschiedene Gruppen, zum Beispiel Jugendliche, die ihre eigene Sprache, sogenannte Soziolekte, benutzen. Trotzdem fände ich es wenig charmant, wenn man mich „Alte“ nennt! „Ey, Alter!“ hört man sowohl als freundliche Begrüßung, als auch als Beschimpfung. Wie soll man denn da die Orientierung behalten? Und den Konversationsmaximen entspricht dieses „Alter“ auch nicht.

Verben, eine überbewertete Wortart?

Ebenfalls sehr verbreitet ist das Phänomen, Artikel weg zu lassen. Und sogar Verben sind einigen Sprechern im Lauf der Zeit scheinbar verloren gegangen. Sie begnügen sich mit dem Hilfsverb, und wenn mich am Tisch jemand fragt „Kann ich mal bitte die Marmelade?“, dann frage ich – zugegebenermaßen etwas gemein – zurück „Was denn? An die Wand schmeißen?“ Die sich hier abzeichnende Veränderung im Gebrauch der Modalverben ist eine weitere Varietät, die unsere Sprache zwar verwandeln, dabei aber lebendig halten wird. Und wie sagt man so schön? Man gewöhnt sich an alles und Fortschritt entsteht durch Wandel.