Studien zur Erwachsenenbildung
Potenzial bleibt oft ungenutzt

Bei den Lesekompetenzen liegt Deutschland im Mittelfeld.
Bei den Lesekompetenzen liegt Deutschland im Mittelfeld. | © Joujou / pixelio.de

Das „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“ (PIAAC) soll die Alltagskompetenzen Erwachsener international vergleichbar machen. Josef Schrader, wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) erklärt, warum der internationale Vergleich gar nicht so spannend ist und wie man die Ergebnisse der Studie besser nutzen könnte.

Herr Schrader, als im Oktober 2013 die Auswertung der PIAAC-Studie vorgestellt wurde, war die Ernüchterung in den deutschen Medien groß. Im internationalen Vergleich lag Deutschland in zwei von drei Kompetenzbereichen nur im Mittelfeld.

Das stimmt, aber es gibt hier zwei Perspektiven: In den Medien wird sehr stark der internationale Vergleich betont. Da liegt Deutschland wie bei der PISA-Studie (Programm zur internationalen Schülerbewertung) wieder nur im Mittelfeld. Die Lesekompetenzen sind etwas unter dem Durchschnitt, die Mathematikkenntnisse sind etwas über dem Durchschnitt. Für das technologiebasierte Problemlösen, den dritten Kompetenzbereich, fehlt der internationale Vergleich, weil nicht genügend Länder mitgemacht haben. Wenn man genau hinschaut, gibt die Studie aber keine Antwort auf die Frage, warum Deutschland im Mittelfeld liegt. Hier fehlt es an hinreichend differenzierten Kontextinformationen zu den Bildungssystemen und den Lernerbiografien der Studienteilnehmer. Daher ist der internationale Vergleich aus meiner Sicht nicht so interessant. Zumal die Unterschiede der Mitgliedsstaaten der OECD, die sich da beteiligt haben, zwar statistisch signifikant, aber in der Regel recht klein sind. Das deutet darauf hin, dass alle diese Staaten recht ähnliche Formen der Ausbildung und Berufsvorbereitung etabliert haben.

Soziale Herkunft spielt noch immer eine wichtige Rolle

Und die zweite Perspektive?

Josef Schrader, wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) Josef Schrader, wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) | © Josef Schrader Viel spannender ist aus meiner Sicht die Frage, wie sich die alltagsrelevanten Kompetenzen zwischen den Altersgruppen, den sozialen Gruppen oder zwischen Personen mit unterschiedlichen Migrationserfahrungen unterscheiden. Und dann sieht man deutlich, dass die jüngeren Gruppen in diesen Tests viel besser abschneiden als die Älteren, und dass diejenigen mit Migrationshintergrund größere Schwierigkeiten haben als die ohne. Aus der nationalen Perspektive sind das erste Hinweise darauf, wo Bildungsangebote im Lebenslauf von der Frühpädagogik bis zur Weiterbildung ansetzen könnten oder ansetzen sollten, um dazu beizutragen, dass alle Personengruppen die alltagsrelevanten Kompetenzen verfügbar haben, die sie benötigen, um ein selbständiges Leben in einer modernen Informations- und Wissensgesellschaft zu führen.
 

Die Bildungsstudien PIAAC und CiLL

Das Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) ist von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) initiiert worden und hat das Ziel, Alltagskompetenzen von Erwachsenen international vergleichbar zu machen. Hierfür wurden in Deutschland rund 5.000 Personen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren repräsentativ ausgewählt und ihre Kompetenzen in Form einer Haushaltsbefragung von Herbst 2011 bis Frühjahr 2012 erfasst. Im Fokus standen dabei Lesekompetenzen, alltagsmathematische Kompetenzen und technologiebasiertes Problemlösen. In der Ergänzungsstudie CiLL (Competencies in Later Life) wurden diese Kompetenzen auch für die Altersstufe der 66- bis 80-Jährigen untersucht.

Was bedeutet das konkret?

Neben der Schulbildung und den Arbeits- und Lebenserfahrungen spielt die soziale Herkunft nach wie vor eine große Rolle. Und das kann man durch Weiterbildung nur schwer kompensieren. Hier muss man im Grunde mit Frühförderung und frühpädagogischen Angeboten dafür sorgen, dass solche herkunftsbedingten Bildungs- und Kompetenzunterschiede möglichst schnell ausgeglichen werden. Wir müssen Menschen aus benachteiligten Familien mit zusätzlichen pädagogischen Angeboten erreichen.

Anregungspotenzial für das alltägliche Handeln

Und wo setzt die Weiterbildung an? Fast 20 Prozent der Erwachsenen fehlt es an grundlegenden Fähigkeiten im Lesen und der Alltagsmathematik.

Die PIAAC-Studie bestätigt hier Ergebnisse aus anderen Studien: Es nehmen insbesondere diejenigen an Weiterbildungen teil, die eine gute Ausbildung haben und gut ins Erwerbssystem integriert sind. Geringqualifizierte haben dagegen kaum Zugangsmöglichkeiten zu Weiterbildungsangeboten, weswegen die Unterschiede in den Kompetenzen mit zunehmendem Alter größer werden. In der Bildungspolitik gibt es im Moment Initiativen, insbesondere die Angebote im Bereich der Grundbildung und der Alphabetisierung auszuweiten. Da läuft zum Beispiel bereits das Förderprogramm „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Allerdings werden aus meiner Sicht Studien wie PIAAC und CiLL und ihre Ergebnisse nicht breit genug vermittelt und nicht intensiv genug diskutiert. Es wird zu wenig darüber nachgedacht, wie man solche Ergebnisse auf eine Art und Weise vermittelt, dass sie Anregungspotenzial für das alltägliche Handeln der Programmplaner und der Lehrkräfte in der Weiterbildung haben. Dieser Transferprozess bleibt häufig auf der Strecke und deswegen bleibt das Potenzial dieser Studien aus meiner Sicht häufig ungenutzt.

Geringqualifizierte haben kaum Zugangsmöglichkeiten zu Weiterbildungsangeboten. Geringqualifizierte haben kaum Zugangsmöglichkeiten zu Weiterbildungsangeboten. | © Manfred jahreis / pixelio.de Was wäre ein Lösungsansatz?

Ich denke, dass zunächst alle Akteure gefordert sind, darüber nachzudenken, wie sie solche Transfer- und Kommunikationsprozesse optimieren können. Das ist natürlich auch eine Aufgabe des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung – wir bemühen uns, in dem Bereich sehr aktiv zu sein. Die Träger- und Berufsverbände sind gefordert, weil sie natürlich den besten Kontakt zu den Akteuren vor Ort haben. Aber ich denke, dass auch die Bildungspolitik gefordert ist, darüber nachzudenken, ob jenseits der Förderung solch großer empirischer Studien eben auch Projektideen für den Transfer ihrer Ergebnisse finanziert und gefördert werden können.

Das hört sich nicht so an, als sei das Konzept des lebenslangen Lernens in der Gesellschaft bereits verankert.

Man muss das lebenslange Lernen im Zusammenhang denken und tradierte Trennlinien zwischen den Bildungsbereichen überwinden. Wenn man sich vor diesem Hintergrund die Strategien der Bildungspolitik anschaut, dann werden sie dieser Tatsache aus meiner Sicht noch nicht hinreichend gerecht. Bildungspolitik findet sehr zerstreut und auf unterschiedliche Ministerien verteilt statt und wird häufig nicht koordiniert. Besonders drastisch sieht man das bei den Personen mit sehr geringen grundlegenden Qualifikationen. Da ist unklar, wer sich zuständig fühlt. Ist das eine Aufgabe der Schulen, dafür zu sorgen, dass diese Personengruppen besser unterrichtet werden? Ist es eine Aufgabe der Arbeitsverwaltung, kompensatorisch zu wirken, nachdem diese Personen die Schule mit zu geringen Kompetenzen verlassen haben? Oder ist es Aufgabe der Weiterbildung? Da gibt es keine koordinierte bildungspolitische Strategie, sondern unterschiedliche Ressorts und Zuständigkeiten und mehr oder weniger isolierte Aktivitäten. Das ist eine große Herausforderung und nicht von heute auf morgen zu lösen.