Prüfen und Testen Sprachentesten im Migrationsbereich

Prüfung als Nachweis der Sprachkenntnisse
Prüfung als Nachweis der Sprachkenntnisse | © Goethe-Institut/Bernhard Ludewig

Die Migrationspolitik hat sich in zahlreichen europäischen Ländern in den vergangenen zehn Jahren erheblich verändert. Geäußert hat sich dies vor allem in der Einführung von neuen und strengeren Regeln und Maßnahmen im Bereich der Immigration und Integration. Ein Teil der Neuerungen betrifft die Anforderungen an die Sprachkompetenzen der Einwanderungs- und Niederlassungswilligen. Evelyne Pochon und Peter Lenz haben die aktuelle fachwissenschaftliche Literatur zum Sprachentesten im Migrationsbereich ausgewertet und stellen einige Ergebnisse ihrer Studie (Pochon-Berger & Lenz, 2014) vor.
 

Von der Einreise bis zur Einbürgerung werden zunehmend mehr Etappen mit sprachlichen Anforderungen versehen. Die Anforderungen steigen tendenziell, und es werden vermehrt formelle Testverfahren eingesetzt; gleichzeitig ist das Sprachkursangebot gewachsen. Bezüglich der Umsetzung sind in den verschiedenen Staaten bedeutende Unterschiede festzustellen. Sie betreffen beispielsweise die Zeitpunkte, zu welchen Nachweise erbracht werden müssen (erstmals bereits bei der Einreise?), die getesteten Fertigkeiten (auch Schreiben?) und besonders auch die Höhe der Anforderungen. Diese werden oft als Niveaus auf der europäischen Referenzskala angegeben. Die Vorgaben variieren aktuell je nach Land und Anlass (Einreise, Niederlassung, Einbürgerung) zwischen A1-minus und B1-plus, wobei für unterschiedliche Anforderungsniveaus interessanterweise oft ähnliche Begründungen vorgebracht werden (aktuelle Niveauangaben in Extramiana, Pulinx, & Van Avermaet, 2014).

Sprachtests als politische Instrumente

In der Fachliteratur zum Thema Sprachentesten im Migrationsbereich fällt der hohe Anteil an Studien auf, die grundlegende Kritik an sprachlichen Anforderungen und Prüfungen üben. Untersuchungen zu eher technischen Aspekten von Prüfungen sind dagegen selten. Die „kritischen Sprachentester“ (z. B. Hogan-Brun, Mar-Molinero, & Stevenson, 2009; Shohamy, 2006) beleuchten die Neuerungen im Bereich der sprachlichen Anforderungen unter dem Gesichtspunkt „Sprache und Macht“. Sie weisen beispielsweise darauf hin, dass sich hinter den Vorgaben bezüglich der Beherrschung einer (National‑)Sprache die bekannte Ideologie „eine Nation – eine Sprache“ steckt, ohne dass dies allerdings offengelegt wird. Hinter Sprachprüfungen erkennen sie die Absicht, unter dem Deckmantel der Integrationsförderung den Zugang zur Gesellschaft zu regulieren, oder den Versuch, durch Ausgrenzung bestimmter Gruppen den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren.

Kritik an der Aussagekraft

Kritische Aufmerksamkeit erfahren in der ausgewerteten Literatur der Inhalt und die Aussagekraft der Tests und Prüfungen im Migrationsbereich (z. B. Balch u. a., 2008; Krumm, 2007). Ein oft kritisierter Punkt ist die Verwendung der europäischen Referenzniveaus als Zielvorgabe. Zum einen betreffen die Referenzniveaus das klassische Fremdsprachenlernen für Schule, Tourismus und (qualifizierte) Arbeit, sie haben also nicht genug mit den Kommunikationsbedürfnissen der meisten Migrantinnen und Migranten zu tun. Stattdessen sollten die Bedürfnisse ermittelt und zum Ausgangspunkt für jedes Testkonstrukt (d.h. die Kompetenzvorstellung hinter einem Test) genommen werden. Weiter wird kritisiert, dass Anforderungsniveaus häufig durch politische Behörden erlassen werden, die nicht über die nötige Sachkenntnis verfügen. Das Resultat waren oft überhöhte und pauschalisierende Anforderungen, wo differenzierende Anforderungsprofile angemessen gewesen wären und auch der Gebrauch verschiedener Sprachen im mehrsprachigen Alltag hätte in Betracht gezogen werden sollen.

Prüfungszweck weitgehend verfehlt

Verschiedentlich wird der Bezug zwischen dem allgemein formulierten Prüfungszweck, der praktischen Umsetzung und den realen Konsequenzen der Prüfung in Frage gestellt (z. B. Strik, Böcker, Luiten, & Oers, 2010). Als Zweck einer Sprachprüfung zur Erlangung einer Niederlassungserlaubnis wird typischerweise deklariert, dass sie zusammen mit der Vorbereitung die Integration fördern soll und/oder dass sie darüber Auskunft geben soll, wie gut ein Individuum in der Gesellschaft sprachlich funktionieren kann. In der Literatur findet sich wenig, was den Schluss zuließe, dass diese Ansprüche auch eingelöst werden, aber einiges, was dagegen spricht. Die Vorbereitungskurse werden teilweise als nützlich anerkannt, teilweise als aufwändig empfunden, vor allem wenn diese zu einem späten Zeitpunkt (etwa vor der Einbürgerung) besucht werden müssen. Positiv wird vermerkt, dass der obligatorische Kursbesuch Frauen, die ihre häusliche Umgebung sonst nicht verlassen können, wertvolle Kontakte ermöglicht (z. B. Kiwan, 2008).
Den Prüfungen selbst wird eher eine abschreckende als eine integrative Wirkung zugeschrieben: Statistische Zahlen zeigen, dass höhere Integrationsstufen (z. B. die Einbürgerung) seltener angestrebt werden, wenn dafür eine Prüfung abgelegt werden muss. Jene, die eine Prüfung nicht bestehen, erleben einen Rückschlag in ihren Integrationsbemühungen. In der Literatur wird auch darauf hingewiesen, dass durch den formellen Charakter der Prüfungen bestimmte, bildungsferne Gruppen ausgeschlossen werden.

Testvalidität vermehrt nachweisen

In der publizierten Literatur fehlen Untersuchungen zu eher technischen Aspekten von Sprachprüfungen im Migrationsbereich weitgehend. Dies ist bloß ein Symptom für ein umfassenderes Problem: Im Umfeld der meisten Sprachprüfungen im Migrations- und Integrationsbereich konnte sich bisher keine umfassende Validierungskultur durchsetzen, in welcher die Qualität der Prüfungen laufend sichergestellt und dokumentiert wird. Im europäischen Kontext konnte die ALTE (Association of Language Testers in Europe) dazu beitragen, dass bei der Prüfungsentwicklung und der Standardisierung der Durchführung grundlegende Qualitätsstandards beachtet werden.

Prüfungen brauchen Qualitätsstandards Prüfungen brauchen Qualitätsstandards | © Bernhard Ludewig / Goethe-Institut „Validierungskultur“ bedeutet aber mehr: Sie impliziert zuallererst, dass die auftraggebende Behörde, Prüfungsentwickler und Anbieter ihre Rechenschaftspflicht in Bezug auf die Prüfung akzeptieren und entsprechend handeln. Was diese Rechenschaftspflicht für Prüfungsentwicklung und Prüfungseinsatz bedeutet, wird in Validierungsmodellen detailliert beschrieben. Das wohl bekannteste und am konkretesten ausgearbeitete Modell stammt von Bachman und Palmer und trägt die Bezeichnung Assessment Use Argument (AUA) (Bachman & Palmer, 2010). Mittels einer umfassenden Argumentationskette soll gezeigt werden, dass es legitim ist, eine bestimmte Prüfung für ihren vorbestimmten Zweck einzusetzen, beispielsweise also über die Niederlassungsberechtigung mitzuentscheiden. Das AUA-Modell umfasst im Prinzip alle Faktoren in Prüfungsentwicklung und ‑einsatz, welche die Gültigkeit eines Prüfungsergebnisses in Frage stellen können. Dazu gehören etwa die Abstimmung zwischen Prüfung und Prüfungsziel, die Durchführungsbedingungen oder auch die Entscheidungsprozesse, bei denen die Gefahr der Parteilichkeit besteht.
Validität nachweisen bedeutet insbesondere auch Transparenz, besonders gegenüber einer Fachöffentlichkeit, die imstande ist, die Stichhaltigkeit von Nachweisen einzuschätzen. Wenn beispielsweise beansprucht wird, dass eine Prüfung für die Integration von Fremdsprachigen einen Nutzen bringt, dann soll dies auch mittels Wirkungsstudien gezeigt werden; wenn Aufgabenformate für bildungsferne Kandidaten geeignet sein sollen, dann müssen auch Belege vorgelegt werden, die zeigen, dass das tatsächlich der Fall ist. Die Liste ließe sich fast beliebig weiterführen. Insgesamt hat unsere Studie gezeigt, dass im politisch und menschlich sensiblen Bereich der Migration beim Aufbau eines Validitätsbewusstseins und einer Validierungskultur noch großer Handlungsbedarf besteht.

 

Zugrunde liegende Studie

 

Weiterführende Literatur

  • Bachman, L. F., & Palmer, A. S.: Language assessment in practice: developing language assessments and justifying their use in the real world. Oxford [etc.]: Oxford University Press, 2010.
  • Balch, A., Corrigan, M., Gysen, S., Kuijper, H., Perlmann-Balme, M., Roppe, S., Zeidler, B.: Sprachtests für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Staatsbürgerschaft – ein Leitfaden für Entscheidungsträger. Council of Europe: Language Policy Division, 2008.
  • Extramiana, C., Pulinx, R., & Van Avermaet, P.: Linguistic integration of adult migrants: policy and practice. Draft report on the 3rd Council of Europe survey. Council of Europe, 2014.
  • Hogan-Brun, G., Mar-Molinero, C., & Stevenson, P. (Hrsg.): Discourses on language and integration: critical perspectives on language testing regimes in Europe. John Benjamins Publishing Company, 2009.
  • Kiwan, D.: A journey to citizenship in the United Kingdom. International Journal on Multicultural Societies, 10(1), 60–74, 2008.
  • Krumm, H.-J.: Profiles instead of levels: the CEFR and its (ab)uses in the context of migration. The Modern Language Journal, 91(4), 667–669, 2007.
  • Shohamy, E.: Language policy: hidden agendas and new approaches. London; New York: Routledge, 2006.
  • Strik, T., Böcker, A., Luiten, M., & Oers, R. van: The INTEC Project: synthesis report. Integration and naturalisation tests: the new way to European citizenship. Nijmegen: Centre for Migration Law, Radboud University Nijmegen, 2010.