Fremdsprachenlernen Eine Frage des Alters?

Alter ist eine von zahlreichen Variablen, die das Sprachenlernen beeinflussen.
Alter ist eine von zahlreichen Variablen, die das Sprachenlernen beeinflussen. | © Claudia Paulussen/Shutterstock

Das Lernen einer Fremdsprache ist das beste Gehirntraining überhaupt. Wie gut eignen wir uns aber mit 20, 50 oder 70 Jahren eine Fremdsprache an? Und welche Aspekte sollten Lehrende im Unterricht dabei berücksichtigen?

Mit den Erkenntnissen, dass das Lernen einer Fremdsprache einerseits das beste Gehirntraining überhaupt ist und dass andererseits Lernen bis ins hohe Alter möglich ist (Bischofberger/Schmidt-Hieber 2006), nimmt das Interesse am Fremdsprachenlernen im Alter zu. Was aber ist ein „älterer Lernender“? Ein aktiver, lerngewohnter und multilingualer 70-Jähriger kann oftmals erfolgreicher eine Fremdsprache lernen als ein lernungewohnter, am Lernen desinteressierter 20-Jähriger. Alter ist folglich nur eine Variable von vielen und weniger relevant als beispielsweise Lernerfahrung, Sprachlehrerfahrung und Motivation. Dennoch gibt es einige Aspekte, die Lehrende im Unterricht berücksichtigen sollten.

Grundsätzlich lernen Kinder am authentischsten die Aussprache einer Sprache – das wird oftmals fälschlich mit perfektem „Spracherwerb“ gleichgesetzt. Lernende zwischen 20 und 30 Jahren profitieren beim Lernen von ihren Lernroutinen, d.h. sie verfügen noch über viele (Sprach)Lernstrategien. 50-Jährige haben einen großen Wissens- und Erfahrungsfundus, an den sie beim Sprachenlernen anknüpfen können. Sie sind meist recht flexibel und kommen auch mit aktuellen kommunikativen Ansätzen der Sprachvermittlung klar, wobei viele zunehmend kognitiv lernen, also systematische Erklärungen, z.B. im Bereich der Grammatik, dem „entdeckenden“ Lernen vorziehen.

70-Jährige verfügen über einen großen Wissens- und Erfahrungsfundus und haben in der Regel mehr Zeit, sich dem Sprachenlernen zu widmen. Durch Fleiß und gute zeitintensive Vorbereitung sind sie in intergenerationellen Kursen den jüngeren Lernenden oftmals im Bereich der Grammatik und dem Wortschatzlernen überlegen. Kommunikative Methoden sind ihnen jedoch häufig fremd, so dass sie an diese erst langsam herangeführt werden müssen. Ihre Lernbiografie setzt Sprachenlernen noch mit Grammatik lernen und Übersetzung gleich.

Ältere Lernende und ihre Lernbiografie

Grundsätzlich haben alle Menschen ihren eigenen bevorzugten Lernstil unabhängig vom Alter (vgl. Grein Neurodidaktik 2013: 27-32). Jüngere können also eher grammatikorientiert und Ältere stärker spielebegeistert sein. Gemein haben die meisten älteren Lernenden jedoch ihre Lernbiografie (vgl. Grein Lernbiografie 2013), die durch ihre Schulzeit geprägt ist. Hier wurde nicht nach Kompetenzen geschaut („Das kann ich schon!“), sondern nach dem Fehler, der vermieden werden sollte. Oberstes Ziel des Fremdsprachenunterrichts war nicht die „kommunikative Handlungskompetenz“, sondern die Beherrschung der Grammatik.

Gerade zu Beginn eines Kurses tun sich die Lernenden oftmals schwer damit, von den Routinen der Wort-für-Wort-Übersetzung und der Fokussierung auf die Grammatik abzuweichen. Angst vor Fehlern lässt sie oft sehr lange überlegen, wie sie etwas formulieren. Aussagen wie „Sie müssen nicht jedes Wort verstehen, erschließen Sie den Inhalt aus dem Kontext“ können viele nervös machen.

Ältere Lernende und der Lernprozess

Lernen findet statt, wenn zwischen Neuronen (Nervenzellen) feste Verbindungen, also neuronale Netzwerke, entstehen. Jedes Neuron verfügt über zahlreiche Nervenfasern, an deren Ende sich sogenannte Synapsen befinden, die „Reize“ (Informationen) und Neurotransmitter (z.B. Dopamin und Noradrenalin) an die nächste Synapse und damit an das nächste Neuron weiterleiten. Mit zunehmendem Alter werden Informationen (Reize) weniger schnell weitergeleitet. Der Lernende kann zwar noch genauso viel lernen, aber Informationen nicht mehr so schnell verarbeiten. Er braucht also länger, um Informationen zu „speichern“ – der Lernprozess vollzieht sich langsamer.

Im höheren Alter wird es schwieriger, Dopamin zu produzieren und weiterzuleiten. Dopamin ist ein „Motivations“-Neurotransmitter. Es bedarf daher mehr Anstrengung, damit Glücksgefühle bei älteren Menschen ausgelöst werden. Dies korreliert mit der zunehmenden Produktion von „Stresshormonen“, d.h., ältere Lernende werden oftmals schneller nervös, vor allem, wenn sie mit ungewohnten Aufgabenformen konfrontiert werden.

Ältere Lernende und weitere biologische Veränderungen

Mit zunehmendem Alter lassen vor allem die beiden Wahrnehmungskanäle „Ohr“ und „Auge“ nach, d.h. dass man auf ausreichende Lichtverhältnisse achten muss und auch bei der Wahl des Lehrwerks auf das Layout achten sollte.
Lehrwerk und Materialien sollten eine ausreichend große Schrift aufweisen. Lehrwerk und Materialien sollten eine ausreichend große Schrift aufweisen. | © Blend Images/Shutterstock Im Bereich des Hörens muss akzeptiert werden, dass nur sehr wenige ältere Menschen fremde, neue Phoneme (Laute und Lautkombinationen) noch adäquat hören können. Das was man nicht richtig hören kann, kann man auch nicht „richtig“ aussprechen. Das sogenannte „selektive“ Hören wird schwieriger, d.h., dass authentische Hörtexte mit Hintergrundgeräuschen oftmals problematisch sind. Die Hintergrundgeräusche erscheinen genauso laut wie die relevanten sprachlichen Texte und erschweren das Zuhören.

Was sollten Lehrende im Unterricht berücksichtigen?

Grundsätzlich sollten Lehrende kommunikative und handlungsorientierte Ansätze langsam, aber konsequent, in das Unterrichtsgeschehen integrieren, aber auch respektieren, dass Grammatik und Übersetzungen Sicherheit bieten. Ein vollständiger Verzicht auf Grammatikerläuterungen und Grammatikaufgaben ist unwahrscheinlich. Dem Wunsch nach Übersetzungen von einzelnen Wörtern muss man ebenfalls an manchen Stellen folgen, um Frustrationen zu vermeiden.

Geschwindigkeit und Progression muss – wie bei allen Lernenden – der Zielgruppe angepasst werden. Besonders wichtig sind häufige Wiederholungseinheiten, in denen die bereits erworbenen Kompetenzen betont werden (kann-Formulierungen).

Der Sinn und die Vorteile von spielerischen Aufgabentypen muss erläutert werden. Auch hier wird es Lernende geben, die sich auch nach längerer Zeit nicht mit dem spielerischen Lernen anfreunden können.

Lehrwerk, Materialien und Tafelbild sollten eine ausreichend große Schrift aufweisen, die Lichtverhältnisse adäquat sein. Im Klassenraum ist auf eine gute Akustik zu achten. Hörtexte sollten möglichst ohne Nebengeräusche sein und der Hörtext in schriftlicher Form vorliegen, damit man ihn bei Bedarf mit- oder nachlesen kann.

Bei der Ausspracheschulung muss man akzeptieren, dass fremde Laute von den meisten Lernenden nicht mehr „richtig“ gehört, und damit auch nicht problemlos artikuliert werden können. Das heißt nicht, dass man auf ein Aussprachetraining komplett verzichten sollte, aber eine größere Toleranz zeigen muss.

Alter ist eine von zahlreichen Variablen, die das Sprachenlernen beeinflussen. Alle Lernenden – so auch die älteren – sind Individuen mit ihren eigenen Vorlieben beim Sprachenlernen.
 

Literatur

Bischofberger, Josef & Schmidt-Hieber, Christoph: Adulte Neurogenese im Hippokampus. Perspektiven der Hirnforschung. In: Neuroforum 3/2006 , S. 212-221, 2006.
 
Grein, Marion: Neurodidaktik: Grundlagen für Sprachlehrende. Reihe: Qualifiziert unterrichten. Hueber Verlag, 2013.
 
Grein, Marion: Lernbiografie als Einflussgröße für Lernmethoden. In Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.): Deutsch als Zweitsprache, 01/2013, S. 5-13, Schneider Verlag Hohengehren, 2013.
 
Grein, Marion: Fremdsprachenlernen im Alter. In Elisabeth Feigl-Bogenreiter (Hrsg.) Mehrsprachig statt Einsilbig: Sprachen lernen bis ins hohe Alter. Verband Österreichischer Volkshochschulen, S. 5-29, 2013.
 
Grotjahn, Rüdiger; Schlak, Torsten & Berndt, Annette: Der Faktor Alter beim Spracherwerb: Einführung in den Themenschwerpunkt. In Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 1/2010, S.1-6, 2010.