Jugendliche lernen anders Deutschlandbezug ist entscheidend

Jugendliche lernen anders Deutsch
Jugendliche lernen anders Deutsch | Foto (Ausschnitt): © Goethe-Institut/Daniel Seiffert

Wenn Jugendliche deutsche Freunde haben, in der Schule viel über Deutschland lernen und häufig deutsche Musik und Filme im Unterricht eingesetzt werden, steigt die Motivation Deutsch zu lernen. Auch ein Studien- oder Berufswunsch in Deutschland trägt dazu bei. Das zeigt eine neue Studie des Goethe-Instituts.

Fremdsprachenunterricht ohne landeskundliche Inhalte ist heutzutage undenkbar. Wer heute eine Fremdsprache lernt, erfährt viel über die Menschen und das Land oder die Länder, in denen diese Sprache gesprochen wird. Denn Sprache als Kommunikationsmittel kann nicht ohne Bezug zu der Gesellschaft, in der die Sprecher dieser Sprache leben, vermittelt und erlernt werden (vgl. Heyd, 1991, 47). Landeskundliche Inhalte wecken nicht nur die Interessen der Lernenden und fördern die interkulturelle Kompetenz, sie werden im Unterricht außerdem auch eingesetzt, um die Motivation der Lernenden zu erhöhen (vgl. Bettermann, 2010, 1455; Huneke & Steinig, 2002, 67).

Studie zur Lernmotivation von Jugendlichen

In einer neuen Studie des Goethe-Instituts zur Lernmotivation von Jugendlichen für das Fach Deutsch wurde auch die Rolle der Landeskunde im Deutschunterricht und ihre Auswirkungen auf die Beliebtheit des Faches Deutsch untersucht (vgl. Salomo, in Vorb.). Die Studie zeigt, dass über die Hälfte der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer es als schwierig empfindet, Jugendliche zu unterrichten. Als besondere Herausforderung erleben die Lehrenden die fehlende Motivation ihrer jugendlichen Schülerinnen und Schüler.

Landeskunde steigert die Motivation

Neben der deutschen Sprache auch Landeskunde zu vermitteln, finden nahezu alle der befragten Lehrkräfte wichtig. Das bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass landeskundliche Inhalte letztendlich auch häufig im Unterricht zum Einsatz kommen. Nach Einschätzung der befragten Schülerinnen und Schüler lernt ein Drittel von ihnen nur wenig oder gar nichts über Deutschland. Drei Viertel der Jugendlichen wünschen sich, im Unterricht mehr über Deutschland zu erfahren.
Wie sinnvoll es ist, diesen Wunsch der Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen, belegt die Studie ebenfalls: Mit steigendem Anteil von Landeskunde im Unterricht wächst die Begeisterung der Jugendlichen für das Fach Deutsch (siehe Abbildung).

Wechselbeziehung zwischen Landeskunde und Unterricht Abbildung: Wechselbeziehung zwischen Landeskunde und Unterricht | © Dorothé Salomo Die Abbildung zeigt deutlich die starke Wechselbeziehung zwischen Landeskunde im Unterricht („Lernst du im Deutschunterricht viel über Deutschland?“) und der Beliebtheit des Faches Deutsch („Magst du Deutsch als Schulfach?“).

Musik und Filme fördern die Lernmotivation

Musik im Unterricht steigert die Motivation Musik im Unterricht steigert die Motivation | © Goethe-Institut/Sonja Tobias Musik und Filme im Unterricht unterstützen den Lernprozess und fördern bei jugendlichen Lernern die Motivation am Deutschlernen. Die Studie zeigt, dass Schülerinnen und Schüler mehr Freude am Deutschunterricht haben, umso häufiger Musik und Filme im Unterricht eingesetzt werden. Diese beiden Medien spielen bei Jugendlichen auch in der Freizeitgestaltung eine zentrale Rolle: 92% von ihnen hören gern Musik und 86% sehen gern Filme. Ihr Einsatz im Unterricht stößt daher auf große Zustimmung. Darüber hinaus transportieren Musik und Filme auch immer landeskundliche Inhalte – und das könnte ein weiterer wichtiger Grund für die Beliebtheit sein.
Im Vergleich führt der Einsatz des Internets im Unterricht nicht zu einer stärkeren Begeisterung für den Deutschunterricht, obwohl 89% der Jugendlichen in ihrer Freizeit gern im Internet surfen. Der bloße Einsatz der Internets bringt jedoch nicht zwangsläufig einen positiven Effekt. Es ist wichtig, das Internet sinnvoll in den Unterricht einzubetten, so dass es einen „mediendidaktischen Mehrwert“ bietet (vgl. Mayrberger). Das Internet wird im Deutschunterricht zudem häufig ohne Deutschlandbezug (z.B. als Vokabeltrainer) oder zu allgemeinen Recherchezwecken eingesetzt. Hingegen stellen deutsche Musik und Filme bereits per se einen landeskundlichen Bezug her.

Deutsche Freunde wirken sich positiv aus

Deutsche Freunde oder Bekannte fördern bei Jugendlichen die Freude am Deutschunterricht. Diejenigen Jugendlichen, die in der Studie angaben, deutsche Freunde oder Bekannte zu haben, mögen den Deutschunterricht lieber.

Schüleraustausch zwischen amerikanischen und deutschen Jugendlichen. Schüleraustausch zwischen amerikanischen und deutschen Jugendlichen. | © Goethe-Institut/Daniel Seiffert Während der Jugendphase ist das Interesse an Gleichaltrigen groß und damit einhergehend das Bedürfnis, mit den Freunden zu kommunizieren. Zweifelsohne ist dies einer der Gründe, weshalb Jugendliche mit deutschen Freunden stärker am Deutschunterricht interessiert sind. Das ist jedoch ganz bestimmt nicht der einzige Grund – vor allem da von jungen Leuten oftmals das Englische als „Lingua franca“ genutzt wird. Vielmehr sind Jugendliche stärker motiviert, eine Fremdsprache zu lernen, wenn sie diese in authentischen Situationen anwenden können. Außerdem führen persönliche Kontakte mit Sprechern einer Kultur häufig dazu, dass negative Vorurteile abgebaut werden. Und das macht sich schließlich auch in Bezug auf die Lernmotivation bemerkbar.

Zukunftspläne in Deutschland steigern die Motivation

Erwachsene lernen in der Regel, um bestimmte – meist berufliche – Ziele zu erreichen und das Gelernte unmittelbar anzuwenden. Kinder und Jugendliche hingegen eignen sich Kenntnisse und Fähigkeiten an, um sie zu einem späteren Zeitpunkt im Leben zu nutzen (vgl. Schaie & Willis, 2000). Daher ist den jugendlichen Schülerinnen und Schülern die aktuelle Bedeutung von Deutschkenntnissen nicht immer bewusst. Das Jugendalter ist zudem gekennzeichnet von einer intensiven Suche nach Orientierung und Sinngebung im Leben (vgl. Hurrelmann, 2010). Dabei hinterfragen Jugendliche häufig auch den Sinn (oder Unsinn?) hinter dem Deutschlernen.
Wenn Jugendliche jedoch konkrete – wenn auch spätere – Ziele mit dem Deutschlernen verbinden, ist das Interesse für den Deutschunterricht nachweislich höher. Die Studie zeigt: Die Motivation für Deutsch wird mit steigendem Wunsch der Schülerinnen und Schülerin in Deutschland zu studieren oder zu arbeiten größer.

Was können Lehrende im Unterricht berücksichtigen?

Lehrende können die Freude ihrer jugendlichen Schülerinnen und Schüler am Deutschlernen steigern, wenn sie:

  • im Unterricht häufig landeskundliche Inhalte vermitteln – dazu gehören insbesondere deutsche Musik und Filme,
  • den Kontakt mit deutschsprachigen Schülerinnen und Schülern fördern, z.B. durch E-Mail-Kontakte mit deutschen Schulklassen, Schüleraustausche etc. und
  • den Lernenden vermitteln, welche Möglichkeiten sich mit dem Lernen der deutschen Sprache verbinden, z.B. Studium oder Arbeit in einem deutschsprachigen Land.

 

„Was tun mit…unmotivierten Jugendlichen?“ (Youtube.com)
 

Hintergrund

Über ein Jahr lang war Dorothé Salomo im Auftrag des Goethe-Instituts an verschiedenen Sekundarschulen weltweit unterwegs, um die Lernmotivation von Jugendlichen für das Fach Deutsch zu untersuchen. Im Rahmen dieser Studie hat sie über 4000 Schülerinnen und Schüler sowie 500 Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer mit Hilfe eines Fragebogens befragt. Die Teilnehmenden kamen aus den folgenden Ländern: Ägypten, Bosnien und Herzegowina, Brasilien, China, Frankreich, Indien, Indonesien, Italien, Kamerun, Mexiko, Niederlande, Polen, Russland, Spanien, Tschechische Republik, Türkei und USA.

 

Literatur

Bettermann, Rainer: Sprachbezogene Landeskunde. In Hans-Jürgen Krumm / Christian Fandrych / Britta Hufeisen / Claudia Riemer (Hrsg.): Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Ein internationales Handbuch. De Gruyter Mouton, 2010.
 
Heyd, Gertraude: Deutsch lehren: Grundwissen für den Unterricht in Deutsch als Fremdsprache. Diesterweg, 1991.
 
Huneke, Hans-Werner & Steinig, Wolfgang (Hrsg.): Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung. Erich Schmidt Verlag, 2002.
 
Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. (10. Auflage) Juventa, 2010.
 
Mayrberger, Kerstin: Digital, mobil und vernetzt.Magazin Sprache, Goethe-Institut, Juli 2014.
 
Salomo, Dorothé: Deutschland, Deutschlernen und Deutschunterricht aus der Sicht von Jugendlichen und Lehrkräften in verschiedenen Ländern weltweit. Eine empirische Studie. Goethe-Institut 2014.
 
Schaie, K. Warner & Willis, Sherry L.: A stage theory model of adult cognitive development revisited. In Robert L. Rubenstein et al. (Hrsg.): The many dimensions of aging: Essays in honor of M. Powell Lawton. Springer, 2000.