Claudia Maria Riehl im Gespräch Chance durch Mehrsprachigkeit

Mehrsprachigkeit fördern, statt sie einzudämmen
Mehrsprachigkeit fördern, statt sie einzudämmen | © lassedesignen - Fotolia.com

Hartnäckig hält sich die These, die Mehrsprachigkeit von Einwanderern wäre ein Hinderungsgrund für eine erfolgreiche Integration. Mehr Deutsch und weniger Herkunftssprache, so die pauschale Forderung. Doch dieser Ansatz widerspricht dem aktuellen Stand der Forschung.

Frau Riehl, deutsche Politiker diskutierten kürzlich die Forderung, Migrantinnen und Migranten sollten auch zuhause Deutsch sprechen. Was halten Sie als Sprachwissenschaftlerin von dieser Idee?

Diese Idee ist aus vielen Gründen absurd. Sie widerspricht so ziemlich allem, was wir in der Mehrsprachigkeitsforschung schon seit langem als Konsens ansehen. Man wollte hier offensichtlich eine bestimmte Wählerklientel bedienen und merkte etwas zu spät, dass das, was man da forderte, eigentlich wenig sinnvoll ist.

Die Logik hinter dem Vorstoß ist ja, die Herkunftssprache zurückzudrängen, damit mehr Kapazitäten für das Erlernen der deutschen Sprache zur Verfügung stehen.

Und genau das ist, nach allem was wir heute wissen, grundfalsch. Besonders für mehrsprachige Kinder ist es essenziell, zunächst mit der Herkunftssprache der Eltern aufzuwachsen. Es geht dabei ja nicht nur um Wortschatz und Grammatik. Kinder erschließen sich die Welt über die Sprache ihrer Eltern. Deshalb ist es auch so wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat, mit seinen Kindern die Sprache zu sprechen, die er am besten beherrscht. Eine gut verinnerlichte Muttersprache befördert das Erlernen weiterer Sprachen.

Mehrsprachigkeit ist also ein klarer Vorteil!

Ganz genau. Mehrsprachigkeit ist kein Defizit, sondern eine Bereicherung. Wir wissen aus vielen Studien, dass mehrsprachige Kinder in ihren kommunikativen und sprachlich-strategischen Fähigkeiten einsprachigen Kindern oftmals überlegen sind. Aus der Neurologie wissen wir, dass die für eine bestimmte Sprache benötigten Hirnareale bei mehrsprachigen Kindern kompakter organisiert sind. Das heißt im Grunde, für jede neu gelernte Sprache muss in der Folge weniger Gehirnsubstrat aktiviert werden. Darüber hinaus scheint Multilingualität die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitskontrolle zu begünstigen. Mehrsprachige Kinder können besser zwischen verschiedenen Anforderungen „umschalten“, weil sie genau diesen Mechanismus mit dem ständigen Wechsel zwischen zwei oder mehreren Sprachen trainieren.

Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass viele mehrsprachige Kinder Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Da haben Sie natürlich Recht, aber das hat im Grunde nichts mit der Mehrsprachigkeit an sich zu tun. Viele Kinder mit Migrationshintergrund stammen aus sozial schwachen Schichten mit unterdurchschnittlichem Bildungsniveau. Hier haben wir dann die Situation, dass diese Kinder oftmals nicht einmal die eigene Muttersprache richtig lernen, weil die sprachliche Kompetenz der Eltern auch in dieser nicht ausreichend ist. Diesen Kindern fällt es dann tatsächlich oft verhältnismäßig schwer, Deutsch zu lernen.

Wie könnte man hier gegensteuern?

Indem wir Mehrsprachigkeit fördern, statt sie einzudämmen. Wir sollten eine zweisprachige Erziehung bereits im Kindergarten anbieten, um jene Kinder zu unterstützen, die nicht die Möglichkeit haben, ihre eigene Muttersprache zuhause fehlerfrei zu erlernen. Man muss diesen Kindern die Chance geben, in beiden Sprachen aufzuwachsen. Denn nur dann können sie die Vorteile der Mehrsprachigkeit für sich nutzen.

Inwieweit wird das in der Praxis schon umgesetzt?

Es gibt, national wie international, eine ganze Reihe nachahmenswerter Programme. Nehmen Sie beispielsweise das Konzept der Staatlichen Europaschulen in Berlin mit durchgehendem zweisprachigen Unterricht ab der ersten Klasse. In Nordrhein-Westfalen gibt es einige Grundschulen, die bilingualen Unterricht anbieten, und zwar in einem von vielen Experten als ideal empfundenen Verhältnis der Schülerschaft: jeweils ein Drittel Einsprachige in der Herkunftssprache, ein Drittel Bilinguale und ein Drittel Schüler aus einsprachig deutschen Familien.

Also sind wir einigermaßen gut aufgestellt?

Nein, leider sind das nur Einzelfälle, und außerdem ist die Situation von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Bayern zum Beispiel lässt das Angebot an bilingualer Bildung doch noch sehr zu wünschen übrig. Ideal wäre es, wenn man es schaffen würde, eine durchgängige sprachliche Bildung zu ermöglichen. Wenn also jemand in einem deutsch-italienischen Kindergarten war, sollte er auch die Möglichkeit haben, eine bilinguale Grundschule und später dann eine weiterführende Schule zu besuchen.

Um noch einmal kurz auf den eingangs erwähnten Vorschlag zurückzukommen, dass Migranten auch zuhause Deutsch sprechen sollten: Könnte man das nicht auch als Symptom einer nicht unberechtigten Angst vor misslungener Integration ansehen?

Natürlich kann man verstehen, dass Menschen Angst haben vor einer Parallelgesellschaft, vor Abschottung bestimmter Milieus. Andererseits muss man sehen: Seit der zweiten Generation sind Einwanderer ja Teil unseres deutschen Bildungssystems und werden auch in diesem sozialisiert. In der Regel ist es ja so, dass das Deutsche die Herkunftssprache dominiert und nicht umgekehrt. Wer eine gelungene Integration über Sprachkompetenz anstrebt, sollte deshalb nicht versuchen, den Gebrauch von Herkunftssprachen einzudämmen, sondern im Gegenteil stärker zu fördern. Übrigens nicht nur bei den Migrantinnen und Migranten, sondern auch bei der Mehrheitsgesellschaft.

Wie meinen Sie das?

Wir wollen ja eine kulturelle Abschottung verhindern. Die Herkunftssprache ist aber Teil der kulturellen Identität. Wenn Sie hier eher eindämmend dagegen agieren, provozieren Sie genau solche Tendenzen. Wenn Sie sich dagegen dafür einsetzen, dass die Mehrheitsbevölkerung auch Migrantensprachen – zumindest in Grundzügen – erlernt, wirken Sie diesem Trend effektiv entgegen. Letztlich geht es um die Öffnung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber anderen Sprachen und Kulturen. Mehrsprachigkeit ist kein Handicap von Einwanderern mit Integrationsproblemen, sie ist eine der Grundvoraussetzungen für eine moderne Gesellschaft.
 

Claudia Maria Riehl © Claudia Maria Riehl Claudia Maria Riehl
ist die Leiterin des Instituts für Deutsch als Fremdsprache und der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit (IFM) an der LMU München. Sie ist Mitunterzeichnerin der Sprachwissenschaftlichen Stellungnahme des IFM zum CSU Leitantragsentwurf „Integration durch Sprache“.