Willkommensmoderatoren Mittler zwischen Sprachen und Kulturen

Jeanette Nitschka
Jeanette Nitschka | Foto (Ausschnitt): © Privat

Das Goethe-Institut hat interkulturelle Trainings für Lehrende entwickelt. Die Teilnehmenden einer Pilotgruppe vermitteln als Moderatoren für Willkommenskultur und DaZ, wie die Integration von Kindern und Jugendlichen mit anderen Kulturen und Herkunftssprachen funktionieren kann.

Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht. Zusammen mit dem Erwerb von Sprachkompetenzen ist es grundlegend für gesellschaftliche Integration und Teilhabe. Die Schulpflicht in Deutschland gilt für alle Kinder und Jugendliche, auch für geflüchtete ungeachtet ihres Aufenthaltsstatus. Andere Kulturen sowie ungleiche Sprach- und Wissensstände bei Schülerinnen und Schülern stellt Schulen und Lehrende vor neue Herausforderungen, insbesondere im ländlichen Raum. Im Unterschied zu den städtischen Ballungsräumen befinden sich Strukturen für interkulturelles und sprachsensibles Lernen hier noch im Aufbau – sowohl im Bereich der Lehrerausbildung als auch in der Schul- und Unterrichtsorganisation. Angesichts der hohen Zahlen von Geflüchteten sind aber alle Bundesländer und Regionen bei der Aufnahme und Integration gefragt.

Interkulturalität gestalten lernen

In Sachsen-Anhalt füllen 22 Moderatorinnen und Moderatoren für Willkommenskultur und DaZ diese Lücke. Bei Bedarf beraten und unterstützen sie Schulen und Lehrkräfte bei der interkulturellen Öffnung und Sprachbildung von Sprachanfängern oder Kindern mit Deutsch als Zweitsprache. Jeder Moderator hat eigene Schwerpunktthemen: zum Beispiel zur Gestaltung einer schulischen Willkommenskultur, wie man den Sprachstand von Schülern diagnostizieren kann oder wie man auch im Fachunterricht sprachliche Bildung vermittelt. Eine Schule kann aus den unterschiedlichen Angeboten wählen. Da die Moderatoren selbst als Lehrkräfte in Grund-, Sekundarschulen, in berufsbildenden oder Förderschulen in den Bereichen DaZ oder Unterrichtsentwicklung tätig sind, kennen sie die Probleme aus eigener Erfahrung. Auf Initiative des Bildungsministeriums in Sachsen-Anhalt haben sie darüber hinaus an einer Qualifizierung am Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung LISA in Halle teilgenommen, darunter ein interkulturelles Training des Goethe-Instituts.

Genau beobachten und viele Möglichkeiten einbeziehen

„Interkulturell handeln heißt, mit unterschiedlichen Menschen umzugehen, nicht nur mit unterschiedlichen Kulturen, Nationen oder Religionen“, erklärt die Sprach- und Kultur-Trainerin Anne Sass, die dieses interkulturelle Coaching zusammen mit dem Goethe-Institut entwickelt und mit der Pilotgruppe in Halle durchgeführt hat. Deshalb sei interkulturelle Sensibilisierung grundsätzlich und überall in Deutschland wichtig, in Schulen mit hohem Migrantenanteil genauso wie in Schulen mit nur wenigen Kindern mit Migrationshintergrund. Für Lehrende bedeute dies in einem ersten Schritt, sich eigener Wahrnehmungsmuster bewusst zu werden, um in der Begegnung mit Schülern wertende Haltungen zu vermeiden. Erst dann sei man in der Lage, in einer heterogenen Gruppe vorurteilsfrei zu beobachten, zu kommunizieren und miteinander zu kooperieren.

Wie das funktioniert, haben die Willkommensmoderatoren in Sachsen-Anhalt mit Anne Sass anhand von Rollenspielen und eigenen Fallbeispielen trainiert. Die erworbenen Kenntnisse und Methoden geben sie nun in schulinternen Seminaren an andere Lehrende weiter. Etwa, dass sich Konflikte oft mittels genauer Beobachtung, Vermeidung von vorschnellen Interpretationen und Perspektivwechsel auflösen können. So wie im Fall einer Grundschulklasse mit zwei geflüchteten Schülern: Die beiden brachten zum Frühstück wiederholt Weißbrot mit, obwohl eine Regel besagte, dass in der Klasse nur Vollkornbrot gewünscht sei. Kinder wie Eltern konnten nicht verstehen, warum diese einfache Regel nicht eingehalten wurde. Eine Auseinandersetzung mit den Hintergründen führte zu gegenseitigem Verständnis, indem zum einen überlegt wurde, an welcher Stelle die Kommunikation nicht geklappt hatte und zum anderen Ernährungsgewohnheiten aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wurden. „Die eine gültige Lösung gab es allerdings nicht“, erzählt Anne Sass. „Auch interkulturelle Trainings liefern keine Rezepte, weil es die nicht gibt. Jeder Fall ist anders und muss neu betrachtet werden. Wenn eine Person zum Beispiel häufig zu spät kommt, ist das nicht unbedingt einer kulturellen Prägung zuzuschreiben, sondern kann ebenso an ihrer Persönlichkeit oder der privaten Situation liegen.“

Eine Aufgabe für alle

In den vergangenen Monaten waren die Moderatorinnen und Moderatoren in vielen Schulen in Sachsen-Anhalt unterwegs, von kleinen Dorfschulen mit nur wenigen neuen Schülern bis zu großen Schulen mit ausreichend Neuankömmlingen für die Einrichtung eigener Vorbereitungsklassen. „Vor allem die Themen Willkommenskultur, interkulturelle Kompetenz oder Islam verstehen waren in Reaktion auf die Ankunft zahlreicher geflüchteter Schüler stark nachgefragt“, berichtet Dr. Dorothé Salomo vom LISA in Halle. Sie koordiniert das Projekt, das im Sommer 2017 ausläuft, und sieht viele Entwicklungspotenziale. „Die Arbeit der Moderatoren ist ein gutes 'Erste-Hilfe'-Angebot, aber größere Veränderungen sind notwendig. Ob in Sachsen-Anhalt oder in anderen Bundesländern, Schulen sehen Interkulturalität und Sprachbildung häufig noch nicht als gesamtschulische Aufgabe, die nicht nur DaZ-Lehrende, sondern alle betrifft. Deshalb planen wir in Zukunft unter anderem mehr Fortbildungen zu sprachsensiblem Fachunterricht. Denn nach dem Willkommenheißen kommt die zielgruppengerechte Vermittlung von schulischen Inhalten.“
 

Erfahrungsberichte

Stephan MünchhoffStephan Münchhoff (Jahrgang 1973), Lehrer in einer Förderschule
Fächer: Deutsch, Sonderpädagogik, Deutsch als Zielsprache

„Ich stehe Schulen und Lehrkräften zur Verfügung, um Lösungswege für den DaZ-Unterricht sowie den sprachsensiblen Fachunterricht zu entwickeln. Sie lernen bei mir diagnostische Verfahren für Kinder nicht deutscher Muttersprache kennen und wie man individuelle Lernziele ableitet. Unter anderem lassen sich gängige Methoden aus dem Unterricht an Förderschulen übertragen. Zum Beispiel die Entwicklung eines Förderplans für einzelne Schüler, der eine schrittweise Förderung der Fertigkeiten Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben vorsieht. Nicht alle müssen in allen Bereichen gleich schnell lernen. Auch handlungsbegleitendes Sprechen kann eine gute Methode für die Sprachentwicklung sein, etwa beim Beschreiben von Vorgängen in Kochrezepten, Anleitungen oder Versuchsprotokollen. Es fällt Schülern leichter, etwas sprachlich auszudrücken, wenn sie es selbst gemacht haben.“

Yvonne Al-Jorafi Yvonne Al-Jorafi (Jahrgang 1965), Lehrerin in einer integrierten Gesamtschule
Fächer: Hauswirtschaft, Kunsterziehung, Planen, Bauen und Gestalten, Werken, Technik, Wirtschaft, Sonderpädagogik

„Ich sensibilisiere Lehrende für den Umgang mit Flüchtlingen und Schülerinnen und Schülerinnen mit Migrationshintergrund durch Einblicke in eine andere Sprache, Kultur und Religion. Wir setzen uns mit kulturellen Werten und Überzeugungen von Schülern mit arabischen Wurzeln auseinander, so dass diese im Unterricht berücksichtigt werden können. Vor allem zu den Themen Kopftuch und Ramadan haben Lehrende Fragen. Oder ich zeige Möglichkeiten auf, wie man muslimischen Familien die Notwendigkeit vermittelt, dass auch Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen. Ich empfehle, das Gespräch mit Schülern und Eltern zu suchen und die Eltern aktiv in die Schule einzubinden. Auch der Unterricht kann sich für andere Sprachen und Kulturen öffnen – durch Referate oder die Auseinandersetzung mit Vorurteilen -, um die Grundlagen für Interkulturalität zu legen.“

Jeanette Nitschka, PorträtJeannette Nitschka (Jahrgang 1981), Lehrerin in einer Grundschule
Fächer: Mathematik, Deutsch, Englisch

„Ich zeige Möglichkeiten auf, wie man durch die Förderung interkultureller Kompetenz einen Schulalltag gestaltet, der die Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler ermöglicht. Die Grundschule unterscheidet sich von anderen Schulformen insofern, als dass die Sprachvermittlung nicht die zentrale Herausforderung bei der Integration von Flüchtlingskindern ist. Die Sprache erlernen sie in der Regel schnell. Zu Konflikten kommt es aber bei Missverständnissen und Vorurteilen. Lehrende fühlen sich davon oft überfordert, doch Kinder mit anderen Sprachen und Kulturen sind kein neues Problem, sondern nur ein weiterer Aspekt auf dem Weg zur Inklusion. Bei der Ankunft eines neuen Kindes steht zunächst die Aufnahme in der Gruppe an erster Stelle, in dem man ihm mit Offenheit begegnet. Im Unterricht kann man mit Bildern und Realien arbeiten, um Sprache und Wissen zu vermitteln.“