Lernerautonomie und Lernstrategien Strategien fördern das Lernen

Schachbrett
Nicht nur beim Schach sind Strategien hilfreich. | Foto (Ausschnitt): © bizoo_n - Fotolia.com

Lernstrategien sind wichtige Werkzeuge zur Steuerung und Optimierung des Erwerbs und des Gebrauchs einer Fremdsprache. Ein regelmäßiges Strategietraining trägt zu mehr Selbstständigkeit der Lernenden bei. Mithilfe der konkreten Tipps und der Didaktisierung können Sie das auch selber ausprobieren.
 

Die Förderung des selbstständigen Lernens ist ein zentrales Ziel des (schulischen) Fremdsprachenunterrichts. Die Vermittlung von Lernstrategien ist eine Möglichkeit, die Selbstständigkeit der Lernenden zu fördern. Lernstrategien sind Werkzeuge, mit denen sich Lernende sowohl Wissen aneignen als auch ihre rezeptiven und produktiven Sprachverarbeitungsprozesse steuern und ausbauen können. Mit deren Hilfe können sie außerdem Probleme beim Lernen und Anwenden der Fremdsprache lösen. Aus der Forschung ist bekannt, dass der Einsatz von Lernstrategien einen signifikanten Einfluss auf die Lern- und Arbeitsleistung der Lernerinnen und Lerner haben kann. Entscheidend dabei ist allerdings, dass die Lernenden nicht nur über ein breites Repertoire an Lernstrategien verfügen, sondern diese auch kompetent und situationsangemessen einsetzen.

Beispiele für Lesestrategien

Beim Lesen eines unbekannten Textes stehen die Lernerinnen und Lerner vor individuellen Herausforderungen, zum Beispiel dem Umgang mit unbekannten Wörtern. In diesem Fall inferieren Lernende – sie erschließen sich das unbekannte Wort aus dessen Kontext –, schauen in einem (zweisprachigen) Wörterbuch nach und/oder arbeiten mit Mitlernenden zusammen. Das sind häufig in Kombination oder getrennt voneinander eingesetzte Lernstrategien zur Lösung eines Vokabelproblems beim Lesen. Der erfolgreiche Einsatz dieser Lernstrategien ist jedoch an einige Voraussetzungen gekoppelt.

Erfolgreiches Inferieren setzt beispielsweise voraus, dass der Kontext ausreichend Informationen enthält, mithilfe derer das unbekannte Wort erschlossen werden kann. Des Weiteren müssen die Lernenden über ein ausreichendes Sprachwissen verfügen, um den Kontext des Wortes zu verstehen. Zusätzlich sollten sie ihre Lösungsmöglichkeiten anhand des Textes überprüfen können. Die Verwendung eines Wörterbuches erfordert, dass die Lernenden nicht nur mit dem Umgang des Wörterbuches vertraut sind, sondern auch das gesuchte Wort in diesem finden und die für den Kontext angemessene Bedeutung auswählen. Die Kooperation zwischen Lernenden ist dann sinnvoll und gewinnbringend, wenn sie sich gegenseitig unterstützen wollen und über die nötigen Kompetenzen, wie die Sprachkompetenz, verfügen.  

Auch das Nachschlagen von unbekannten Wörtern im Wörterbuch ist eine Lernstrategie. Zwei Frauen mit Wörterbuch | Foto (Ausschnitt): © Bernhard Ludewig - Goethe-Institut

Klassifizierung von Lernstrategien

Aus dem oben skizzierten Beispiel lassen sich drei Kategorien von Lernstrategien herausarbeiten: Metakognitive Lernstrategien dienen der Planung – zum Beispiel die Auswahl geeigneter Lernstrategien –, der Überwachung – beispielsweise die Überprüfung, ob ein im Wörterbuch gefundenes Wort zum Text passt –  und der Evaluation des Lern- bzw. Arbeitsprozesses – wie etwa die abschließende Bewertung und Anpassung der Arbeitsergebnisse. Wenn Lernende bei der direkten Arbeit mit Lernmaterialien Strategien anwenden, nennt man diese kognitive Lernstrategien. Beispiele dafür sind das Inferieren, das Unterstreichen wichtiger Aspekte eines Textes, die Rückkopplung an Welt- und Vorwissen, die Verwendung eines Wörterbuches oder auch das Schreiben einer Zusammenfassung. Sozial-affektive Lernstrategien setzen Lernende ein, um entweder kooperativ eine Aufgabe oder ein Verständnisproblem zu lösen (soziale Strategien) oder eigene Gefühle wie Angst, Frustration und Demotivation zu kontrollieren (affektive Strategien).

4 Schritte für die Strategievermittlung

Die Vermittlung von Lernstrategien zielt darauf ab, dass die Lernenden ein möglichst breites Repertoire an Lernstrategien erwerben und befähigt werden, diese dem jeweiligen Lerngegenstand angemessen anzuwenden. Als Lehrkraft ist es erforderlich, neben kognitiven und sozial-affektiven insbesondere metakognitive Lernstrategien zu fördern. Dadurch können die Lernenden ihren Lernprozess und ihren Strategieeinsatz planen, reflektieren und flexibel anpassen. Lehrende sollten das Strategietraining regelmäßig und systematisch in den Unterricht integrieren und bei der Vermittlung hinsichtlich spezifischer Fertigkeitsbereiche, wie zum Beispiel Lesestrategien oder Vokabellernstrategien, fokussieren.
Zur Vermittlung von Lernstrategien haben sich vier aufeinander aufbauende Schritte bewährt.
  • Bewusstmachung: Anhand eines konkreten Lerngegenstandes, beispielsweise dem Umgang mit unbekannten Wörtern beim Lesen, werden bereits bekannte Lernstrategien bewusstgemacht. Dazu eignen sich Diskussionen, gezielte Fragen oder Partnerinterviews im Anschluss an die Bearbeitung einer Aufgabe.
  • Präsentation und Modellierung: Nachdem sich die Lehrkraft für ein bis zwei zu fördernde Lernstrategien entschieden hat, präsentiert und modelliert sie diese, indem sie die einzelnen Planungs-, Durchführungs- und Kontrollschritte verbalisiert.
  • Üben: Im Rahmen kognitiv anspruchsvoller Aufgaben erproben die Lernenden ihr Strategiewissen und reflektieren über deren Einsatz.
  • Transfer und Evaluation: Die Lernerinnen und Lerner wenden die Strategien in weiteren Aufgaben an und reflektieren deren Einsatz mithilfe von Portfolios, Evaluationsbögen oder einer regelmäßigen Selbstbeobachtung mit Erfahrungsaustausch.
Wenn Sie Lust haben, in Ihrem Unterricht Lernstrategietraining durchzuführen, können Sie sich an diesem Unterrichtsablaufplan orientieren: Es lohnt sich, denn ein regelmäßiges Strategietraining trägt schrittweise zu mehr Selbstständigkeit und Freude beim Lernen bei.
 

Literatur

Bimmel, Peter/Rampillon, Ute (2000): Lernerautonomie und Lernstrategien (= Das Fernstudienangebot Deutsch als Fremdsprache; 23). Berlin: Langenscheidt.
 
Chamot, Anna Uhl/Barnhardt, Sarah/Beard El-Dinary, Pamela/Robbins, Jill (1999): The learning strategies handbook. White Plains: Longman.
 
Finkbeiner, Claudia/Knierim, Markus/Smasal, Marc/Ludwig, Peter (2012): Self-regulated cooperative EFL reading tasks: students’ strategy use and teachers’ support. In: Language Awareness 21. Jg., H.1-2, S. 57-83.
 
Griffiths, Carol (2013): The strategy factor in successful language learning. Bristol: Multilingual Matters.
 
Smasal, Marc (2010): Lernstrategien im Fremdsprachenunterricht. Ein Workshop für die fächerübergreifende Aus- und Weiterbildung von Fremdsprachenlehrkräften. In: Profil 2. Jg., S. 171-188.