Lernerautonomie und digitale Medien Interaktiver, authentischer, individueller

Digitale Medien schaffen Individualität.
Digitale Medien schaffen Individualität. | Foto: © Syda Productions – Fotolia.com

Digitale Medien halten auch verstärkt im Fremdsprachenunterricht Einzug. Neben dem reinen Sprachlernpotenzial ist die Förderung der Lernerautonomie ein Vorteil eines verstärkten Medieneinsatzes. Doch was genau sind die Stärken digitaler Medien im Hinblick auf Lernerautonomie?

Der angenommene, aber nur teils empirisch belegte Mehrwert digitalen Medieneinsatzes ist im Vergleich zu analogem Lernen im Fremdsprachenunterricht vielfältig. Häufig werden mobile Endgeräte im Unterricht als Wissens- und Materialquelle genutzt. Die Arbeit mit digitalen Medien stärkt jedoch nicht nur die allgemeine Medienkompetenz, sondern kann die Lernenden auch zu authentischen und eigenständigen Sprachhandlungen in der Fremdsprache motivieren. Außerdem kann durch die Verwendung von digitalen Medien im Unterricht auch die Lernerautonomie gefördert werden.
                                                            
Lernerinnen und Lerner werden zunehmend in alle den Lernprozess betreffende Entscheidungen von der Planung über die Umsetzung bis zur kritischen Evaluation des eigenen Arbeitens miteinbezogen. Auf diese Weise lernen sie Fragen nach dem Was?, Wie? und Warum? (Dam 1995) selbst zu stellen und zu beantworten. Hierbei ist das Wissen um die Verantwortung für das eigene Lernen und die Bereitschaft dieser nachzukommen bereits der erste Schritt Richtung Autonomie. Daher sollte das Ziel unseres unterrichtlichen Handelns sein, eine Lernumgebung und -atmosphäre zu schaffen, in der Lernende motiviert sind, sich mit ihrem eigenen Lernen in der Fremdsprache auseinanderzusetzen. Richtig eingesetzt, können digitale Medien hierbei einen großen Beitrag leisten.

Potenzial der digitalen Medien

Abgesehen von organisatorischen Vorteilen, wie der vereinfachte Zugang, die Speicherung und das Wiederabrufen von Informationen, existieren vor allem pädagogische Vorteile. Lernen ist nicht mehr nur auf den Kursraum beschränkt, sondern kann mithilfe von mobilen Endgeräten und Apps überall und zu jeder Zeit stattfinden. Gekoppelt an wirkungsvolle Aufgaben können sie authentische Lernumgebungen schaffen, in denen reale Lernziele mit Unterstützung lebensnaher Materialien gemeinsam verwirklicht und hinterher authentisch bewertet werden.

Autonomie ist auch die Wahl des Lernorts. Autonomie ist auch die Wahl des Lernorts. | Foto: © Eleven studio – Fotolia.com Um diese Ziele zu verwirklichen, steht eine Fülle digitaler Medien mit zahlreichen Anwendungen zur Verfügung. Nehmen wir als Beispiel das Einüben unbekannter Wörter in der Fremdsprache: Mit Tools wie Quizlet und VLE glossary können Lernende neue Vokabeln mit Definitionen auf virtuellen Lernkarten versehen und sie auf diese Weise individuell, aber für alle zugänglich, einüben. Danach können Lernende das neu erlernte Vokabular in interaktiven Quiz (Kahoot) einüben und in lerngruppenspezifische Wortwolken (Wordle) integrieren.
 
Auch bei der Entwicklung der fremdsprachlichen Schreibkompetenz lohnt sich der Einsatz von digitalen Medien, weil er die Umsetzung kollaborativer Schreibprozesse, innerhalb derer Lernende alle Schritte gemeinsam durchlaufen und sich in ihren individuellen Lernfortschritten unterstützen, fördert. Google Docs, Lucidpress – eine Drag and Drop App Anwendung zur einfachen Erstellung von Inhalten – edublogs oder blogger sind nur einige wenige Beispiele.
 
Gemeinsam ist fast allen Tools, dass sie im Sinne des autonomen Lernens Chancen bieten, auf die individuellen Bedürfnisse einzelner Lernerinnen und Lerner einzugehen, ohne die Lerngruppe und ihre gemeinsamen Ziele aus den Augen zu verlieren (Dal- Bianco und Moore-Walter 2017).

Unterricht mit digitalen Medien umdrehen

Im Großen und Ganzen geben uns digitale Medien die Gelegenheit, Unterricht neu zu denken. Im Sinne des Flipped Classroom Prinzips können sich Lernende theoretische Unterrichtsinhalte mit Erklärvideos und Begleitmaterialien in ihrem eigenen Tempo selbst aneignen. Im Präsenzunterricht werden diese Grundlagen gezielt besprochen und entsprechend den Bedürfnissen der Lernenden eingeübt. Vor allem im Fremdsprachenunterricht lassen sich so Freiräume für kommunikative und interaktive Lernarrangements schaffen, weil die Lehrkraft weniger Unterrichtszeit für die Inhaltsvermittlung verwenden muss. Video- und Audioaufzeichnungen, zum Beispiel von der Lehrkraft oder den Lernenden selbst erstellte YouTube-Tutorials oder Websites, bieten sich an, um Inhalte von Lernenden eigenständig erarbeiten zu lassen. Dies wirkt nicht nur besonders motivierend auf die Lernenden, sondern führt auch zu einer tieferen Wissensverarbeitung und zeigt zudem, ob etwas wirklich verstanden wurde. Bei der Erstellung der Videos und/oder Websites können die Lernenden sowohl eigene Schwerpunkte setzen und gestalterisch kreativ werden als auch verschiedene methodische Ansätze ausprobieren. Diese Entscheidungsfreiheit beeinflusst die Entwicklung der Lernerautonomie positiv. Nach der Übungsphase im Unterricht, beispielsweise durch problemorientierte Lernaufgaben, erfolgt eine weitere Phase der außerschulischen Wissensverarbeitung durch Podcasts, Blogs oder Online-Diskussionsforen.

Beispiel: digitales kollaboratives Schreiben

Das Online-Lexikon Wikipedia gehört zu den weltweit bekanntesten Internetseiten und ist auch im Fremdsprachenunterricht vielseitig verwendbar. Im Gegensatz zu einem klassischen, analogen Lexikon bietet Wikipedia viele Vorteile, wie die hyper- und multimediale Darstellung von Informationen, die nicht zuletzt das Bewusstsein der Lernenden für die Wichtigkeit und Verlässlichkeit von Quellen schult. Eine auf Wikipedia basierende Aufgabe ist die gemeinsame Erstellung eines oder mehrerer Wikipedia-Artikel in der Fremdsprache. Entweder können die gesamte Lerngruppe oder, je nach Interesse seitens der Lernenden, Kleingruppen diese erstellen. Sollten innerhalb der Lerngruppe keine Ideen für eigene Lemmata vorhanden sein oder diese bereits existieren, hält die Seite Wikipedia-Artikelwünsche eine große Anzahl von Themen bereit. Hat sich eine Gruppe für ein Thema entschieden, geht sie an die (internetbasierte) Recherchearbeit. Die Ergebnisse können die Lernenden in einer webbasierten Textdatei, wie Google Docs, sammeln und sie den restlichen Lernenden mit einer PowerPoint-Präsentation vorstellen. Feedback kann sowohl persönlich im Anschluss an die Präsentation, aber auch online direkt in Google Docs erfolgen. Auch Tools wie Vocaroo – eine Anwendung für Tonaufzeichnungen – oder MailVu bieten sich für ein adressatengerechtes Feedback an. Anschließend können die Artikel bei Wikipedia hochgeladen werden. Durch solche Aufgaben nehmen Lernerinnen und Lerner an realen Sprachsituationen teil, die ihre Kompetenzen schulen und gleichzeitig aufgrund ihrer authentischen Mitteilungssituationen motivierend wirken können.

Guter Medieneinsatz erfordert Lernerautonomie

Bei richtigem Einsatz bieten digitale Medien auf der einen Seite viele Optionen, Lernprozesse interaktiver und authentischer zu gestalten. Auf der anderen Seite ermöglicht ihre Integration aber auch, sich an die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Einzelnen anzupassen. Die besondere Herausforderung bei der Förderung von Lernerautonomie in medienunterstützten Lernumgebungen liegt jedoch darin, dass ihr erfolgreicher Einsatz oft genau diejenigen Fertigkeiten und Kompetenzen erfordert, die die digitalen Medien entwickeln sollen. So erfordert der starke kollaborative Charakter digitaler Medien von Lernenden eine Vielzahl von Fertigkeiten und Kompetenzen, zum Beispiel die Gestaltung eigenständiger Arbeitsprozesse oder die anschließende Organisation und Bewertung der Zusammenarbeit in der Gruppe, die durch die Arbeit mit mobilen Endgeräten und Tools erst geschult wird. Nicht zuletzt erfordert die Verwendung von digitalen Medien ein Umdenken hinsichtlich der Rolle von Lehrenden und Lernenden in institutionellen Lernumgebungen.
 

LiteratuR

Dam, Leni (1995): Learner autonomy 3. From theory to classroom practice. Dublin: Authentik.
 
Dal-Bianco, Veronica/Moore-Walter, Lawrie (2017): Tools and Collaborative Tasks for Enabling Language Learning in a Blended Learning Environment. In: Ludwig, Christian/Van de Poel, Kris (Hg.): Collaborative Learning and New Media: New Insights into an Evolving Field. Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 107-131.