Stressprävention im Lehrberuf Den Lehreralltag engagiert und ausbalanciert meistern

Den Lehreralltag meistern
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Den Lehreralltag mit verschiedensten Stundenanforderungen und Lerngruppen Tag für Tag, Schuljahr für Schuljahr zu meistern, braucht sichere Strukturen und Haltungen, die Lehrkräfte motiviert durch den Berufsalltag tragen. Wie ist das dauerhaft möglich? Was genau unterstützt nachhaltige Burnout-Prävention im Lehrberuf?

Jede Lehrkraft kennt das hohe Maß an fast pausenloser Konzentration sowohl auf den Unterrichtsverlauf als auch gleichzeitig auf die Lerngruppe. Und das in jeder einzelnen Stunde, die nicht selten mit unvorhersehbarem Stress und Störungen einhergeht. So verwundert es nicht, dass Arbeitsmediziner am Schulvormittag vielfach höchste Kreislaufwerte feststellen, die noch lange in den Nachmittag hineinwirken, vergleichbar mit denen von Führerscheinprüflingen .Was kann auf Dauer davon entlasten?

Multi-Tasking beschränken -  Highlights nicht verpassen!

Das parallele Agieren beim Multi-Tasking ist für das Gehirn Stress pur. Multi-Tasking verhindert, dass Sie das, was Sie geschafft haben, wirklich registrieren können. Deshalb kann Ihr  persönliches Belohnungssystem gar nicht erst anspringen. Intervenieren Sie deshalb aktiv:  Fordern Sie z. B. bei Schüleranfragen ein konsequentes Nacheinander ein und erledigen sie alles nach dem Eins-nach-dem-Anderen-Prinzip, am besten mit unterstützender To-Do-Liste! Um zudem stressende Zwischendurchregelungen in Pausen zu reduzieren, richten Sie sich einen zeitlichen Puffer vor dem Unterrichten ein, um alle Absprachen und Materialien für den Unterrichtstag in Ruhe vorbereiten zu können. Neben dem bewussten Nacheinander sollten Sie im Schulalltag keinesfalls Ihre persönlichen Highlights versäumen. Halten Sie bei besonders positiven Ereignissen (Stundenthema kommt an, Methodik klappt, alle Schüler arbeiten intensiv mit) also Ihren inneren Film unbedingt an, um diese Momente für sich verbuchen und so richtig genießen zu können. Sie sind das Wertvollste und damit Stärkendste an Ihrem Beruf! Und Ihr Gehirn dankt es Ihnen, indem es sich immer besser für Positives sensibilisiert (Neuroplastizität). (Berufs)-„Glück“ ist also auch eine Frage Ihrer Wahrnehmung!

Routinen trainieren und als Lerncoach agieren!

Ein wichtiger Gesundheitsfaktor für den Lehrerberuf ist ein gelungenes Klassenmanagement. Sind Routinen und Regeln miteinander erarbeitet, vereinbart und gut eingeübt, führt das zu stressmindernden, weil störungsfreien Abläufen für alle, Tag für Tag. Es lohnt sich also unbedingt - wenn es auch nicht immer gerade spannend ist – Regeln gleich zu Beginn genauestens miteinander zu vereinbaren und Routinen regelrecht zu trainieren, indem Sie sich  für ihre Einhaltung bedanken, Übertritte aber konsequent sanktionieren. Diese Strukturen ermöglichen ein klar geregeltes kooperierendes Arbeitsbündnis miteinander, die beste Grundlage für erfolgreiches Lehren und Lernen. Ein gesunder Lehrer braucht also neben seiner fachlichen „Leidenschaft“ vor allem eine hohe Sozialkompetenz mit engem „Draht“ zu seinen Schülern, denen er auch mal notwendige Grenzen setzt. (81% der gering belasteten Lehrer verfügen über eine gute Beziehungsfähigkeit!) Agiert eine Lehrkraft zudem verstärkt als wegweisender Coach, indem er die Selbstverantwortung seiner Schüler altersgerecht anregt (Freiarbeit, Wochenplanarbeit, Portfolios, Klassenrat), unterstützt das als weiterer Faktor seine Gesundheit. Ihm eröffnen sich damit nämlich wertvolle Rückzugsmomente zum Durchatmen, aber auch lernfördernde Einzelkontakte zu Schülern.

Für einen effektiven und realistischen Arbeitsstil sorgen!

Da Lehrerarbeit ein Stoßgeschäft ist (Zeugnisse, Korrekturen) mit gefühlt 1000 zu berücksichtigenden Kleinigkeiten, sind fehlende Strukturen sowie ein Arbeiten nach Dringlichkeit echte Stressfallen! Neben Checklisten ist es wichtig, Umfangreiches  in verkraftbaren Häppchen zu erledigen und dafür rechtzeitig Zeiten zu blocken. Effektivitätssteigernd ist besonders für die Unterrichtsvorbereitung, Aufwand und Nutzen ins rechte Verhältnis zu setzen. Ein Beispiel: Wenn Sie bereits für eine Unterrichtsstunde einen anständigen Arbeitsbogen sowie ein bewährtes Einstiegsmedium gefunden haben, so würde die Stunde wohl ohne viel Zusatzaufwand ganz ordentlich laufen. Sobald Sie aber nun trotzdem anfangen, den Arbeitsbogen gründlich zu überarbeiten und vielleicht noch nach einem neuen Medium im Internet suchen, dann ist Ihr Aufwand sehr viel höher und die Stunde möglicherweise nicht viel besser. Da Sie aber in der Regel 26 Stunden pro Woche zu planen haben, können Sie sich diesen Aufwand im Detail einfach nicht leisten. Perfektionismus ist der beste Nährboden für einen Burn-out im Lehrerberuf. Planen Sie deshalb Ihre Unterrichtswoche in Gänze in der Grobstruktur durch, und zwar zu ungestörten Zeiten ohne mediale Ablenkung. Das ist nicht nur äußerst effektiv, sondern gibt Ihnen wohltuende Sicherheit für die ganze Schulwoche, in der bestimmt noch genug nebenbei zu erledigen ist.

Für Distanz und stützende Netzwerke sorgen!

Der Arbeitsplatz zu Hause und das Gefühl, nie fertig zu sein, erschweren die Distanz von Arbeit und Privatem und erzeugen schnell ein schlechtes Gewissen. 2/3 der Lehrer können schlecht abschalten, was die so dringend benötigte Regeneration erschwert. Deshalb braucht es klare Trennlinien: räumliche (extra Arbeitsbereich zu Hause), zeitliche (tägliches Arbeitszeitlimit) und mediale (extra Dienstmail). Verschwimmen Schule und Privates zu sehr ineinander, gerät der Mensch leicht in einen gefährlichen Dauerfunktionsmodus, der den inneren Kontakt zu eigenen Bedürfnissen deckelt und damit Erschöpfung stark befördert. Die wichtigsten Bollwerke gegen das Ausbrennen sind neben der klaren Trennung stützende kollegiale und private Netzwerke. Besonders das Verständnis, aber auch die praktische und fachkompetente Hilfe von Kollegen ist in schulischen Problemlagen geradezu unbezahlbar! Allerdings brauchen beide Systeme Pflege, also ein sich ergänzendes Geben und Nehmen, sollen diese in besonderen Stresszeiten tragen. Bitte reservieren Sie ausreichend und regelmäßig Zeit für Ihre „Lieben“!  

Achtsam bleiben und den eigenen Sinn im System suchen!

Da Sie als Lehrperson ein enorm bedeutsamer Anteil des Lernerfolges Ihrer Schüler sind, ist es wichtig, dass Sie immer auch achtsam für sich bleiben. Ihre Schüler merken nämlich sofort, wenn sie schlecht drauf sind und reagieren entsprechend. Leben Sie also nicht gegen sich selbst! Ein Beispiel: Sie verabreden ein Elterngespräch nach 6 Stunden Unterricht gegen 14 Uhr in Ihrem absoluten Tagestief. Sollte das Gespräch nun auch noch schwierig werden, müssen Sie sehr viele Stressenergien aufwnden, um konzentriert zu agieren. Der Körper wird danach mit großer Erschöpfung reagieren, die so nicht nötig gewesen wäre, wenn sie das Gespräch zu Ihren Topzeiten geführt hätten. Lehrer nämlich, die bereit sind, sich immer wieder zu verausgaben, sind besonders vom Burn-out bedroht.  Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund oft knapper Ressourcen im Bildungssystem. Statt die Erwartungen aller erfüllen zu wollen, sollten Sie als Lehrer sich eher darauf fokussieren, wo Ihre besonderen Glücksmomente in Ihrem Beruf liegen und diese ausbauen. Bei mir war es lange Jahre die Rolle der „Klassenmutti“ einer Grundschulklasse, danach die der Mediatorin als Feuerwehr für die Konfliktfälle verschiedenster Schulen. Wo finden Sie Ihren besonderen Sinn im System? Warum sind Sie Lehrer geworden? Solange Sie darauf die richtige Antwort haben, kann Ihnen der Schulstress kaum etwas anhaben.

 

Literatur zum thema

Heyse, Helmut (2011), Herausforderung Lehrergesundheit. Handreichungen zur individuellen und schulischen Gesundheitsförderung, Seelze: Klett Verlag

Rohnstock, Dagmar (2018), 99 Tipps Burn-out vermeiden. Berlin: Cornelsen Verlag

Rohnstock, Dagmar; Roller, Claudio (2013), Schulkonflikte meistern. Mediative Kompetenzen für Lehrende. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren

Rohnstock, Dagmar (2012), Zeit- und Selbstmanagement für Lehrende, Berlin: Cornelsen Verlag

Wesselborg, Bärbel (2018), Lehrergesundheit. Eine empirische Studie zu Anforderungen und Ressourcen im Lehrerberuf aus verschiedenen Perspektiven, Baltmannsweiler, Schneider Verlag Hohengehren