Alphabetisierung Lernungewohnte lernen anders

Alphabetisierung
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Für Migranten, die in ihren Heimatländern gar keine oder nur geringe Schulerfahrungen sammeln konnten, beginnt das Erlernen einer Fremdsprache mit der Alphabetisierung, also dem Lesen und Schreiben lernen. Lehrkräfte, die in Alphabetisierungskursen arbeiten, brauchen spezielle Kenntnisse und methodische Verfahren, um diese Lernenden erfolgreich zu unterrichten.

Wie funktioniert das Lernen, wenn Lesen und Schreiben als Lernunterstützung nicht benutzt werden können?

 
Stellen Sie sich vor, jemand liest Ihnen aus dem Beipackzettel eines Medikamentes die Inhaltsstoffe vor, zum Beispiel Butylscopolaminiumbromid,  und sie sollen mit Ihrer schreibungewohnten Hand mitschreiben. Sie werden, wie die meisten, die mit den Fachbegriffen keinen Inhalt verbinden, nachfragen und schließlich das Wort in Silben zerlegt aufschreiben. Sie werden am Schriftbild sehen, dass es Ihnen schwerfällt, auf der Linie zu schreiben und dass einzelne Buchstaben wie b, p oder auch s möglicherweise gespiegelt sind.
 
Was hier passiert, ist ganz normal: Zum einen hilft es ungemein, wenn wir die Wörter, die wir lesen und schreiben, kennen. Zum anderen schlägt die ungeübte graphomotorische Koordination kuriose Haken. Schreibflüssigkeit ist eine Übungssache - ein bisschen wie Fahrradfahren.
 
Erwachsene Lernende, die noch nie in ihrem Leben eine Schule besucht haben, stehen jedoch noch vor weiteren Herausforderungen. Sprachbewusstsein und das  grundsätzliche Verständnis von Schriftlichkeit sind auch in der Muttersprache nicht ausgebildet worden. Die Vorläuferkenntnisse von Schriftlichkeit aber sind für den Schriftspracherwerb enorm wichtig. Es ist wenig erfolgversprechend, schriftungewohnte Lernende sofort mit der Buchstabeneinführung und Buchstabsynthese, das heißt dem Zusammenziehen der Buchstaben zu Silben und Wörtern,  zu konfrontieren.
 

Erst Sprechen dann Schreiben

Grundsätzlich gilt: die Mündlichkeit führt. Sprechen und Zeigen sind die relevanten Aktivitäten. Tafelbilder oder Lesetexte zur Lernunterstützung stehen praktisch am Ende und nicht wie oft üblich am Anfang der Lernkette. Es geht darum, die Lernenden erst einmal mündlich mit Sprachmaterial auszustatten, um damit schließlich das Lesen und Schreiben zu erlernen.
 

Das Hören lernen

Was man nicht hören kann, kann man nicht sagen. Aus diesem Grund wird auf die phonologische Bewusstheit so großen Wert gelegt. Für den niedrigschwelligen DaZ-Unterricht gilt grundsätzlich die Prämisse der Anschaulichkeit, so dass sich zum Training der phonologischen Bewusstheit die Arbeit mit Bild-, Buchstaben- und Wortkarten anbietet.

 Beispiel für Wort-Bild-Karten

 Beispiel: Differenzierung ich- und ach-Laut

Vokalkarten

Auch leere Karten sollten zum Einsatz kommen, um das Konzept „Wort“ zu veranschaulichen. So kann man bei einfachen Sätzen wie „Ich komme aus Deutschland.“ sprechbegleitend zu jedem Wort eine Karte legen. Die Lernenden können dies nachahmen oder zeigen, wo sich das Wort „komme“ befindet.

 

Lernen durch Bewegung

Außerdem wird das Lernen anschaulicher, wenn beim Lernen „gehandelt“ werden kann. Dieses „Sprachhandeln“ beginnt im Alpha-Unterricht bereits damit, dass die Lernenden eine entsprechende Bild- oder Buchstabenkarte hochheben, heraussuchen, sortieren oder aufkleben.

Blog – Artikel über Total Physical Response

Auch das bewusste Verknüpfen von Lerninhalten mit Gestik unterstützt den Lernprozess. Das beginnt bei Gesten für Vokale, geht über das Schreiben in der Luft oder auf dem Rücken des Lernpartners hin zu bewusstem Einsatz von Pantomime. Auch der Raum kann mit seinen Ecken und Wänden zur Lernunterstützung genutzt werden.

Übungen zur Schreibgeläufigkeit

 

Lernen in „Brocken“

Beim Lernen in „Brocken“ geht es um ökonomische Varianten der Informationsaufnahme. Nützliche „Brocken“ sind Silben, der Sichtwortschatz und Chunks.
 
Sichtwortschatz bedeutet die Verankerung von Wortbedeutung und schriftlicher Gestalt des Wortes im Gedächtnis oder auch mentalen Lexikon. Das Wort muss nicht mehr lautierend erlesen werden, sondern wird im Ganzen erfasst. Geeignete Wörter sind solche mit persönlicher Relevanz (der eigene Name, die Namen der Kinder), Geschriebenes in der Umwelt, Typografien von Markennamen oder auch kurze Wörter wie mit, und, aber.
 
Chunks wiederum (wörtlich übersetzt Brocken) sind häufig gebrauchte Formulierungen, Sequenzen oder Sprachmuster wie „Wie geht es Ihnen?“ oder „Es regnet.“ Beim Lernen mit Chunks kommt die häufig gut ausgeprägte Fähigkeit der Lernenden, zu memorisieren, zum Tragen. Allerdings nur, und das zieht sich wie ein roter Faden durch das Thema, wenn die Lernenden einen persönlichen Bezug zu den Lerninhalten finden können.
 
Für Lehrkräfte in Alphakursen ist es wichtig, sich immer wieder die besonderen Lernvoraussetzungen von Lernungewohnten bewusst zu machen.Aus diesem Grund bietet es sich an, mit allem, was die Lernenden mitbringen, zu arbeiten: Das ist ganz zu Beginn der eigene Name und geht schließlich über die Familie und den Alltag hinaus weiter. Lernungewohnte Teilnehmende sollten immer in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit abgeholt werden, indem die Lerninhalte mit dem unmittelbaren Alltag zu tun haben. Oder anders ausgedrückt: lieber aktives Sprachhandeln als Büffeln.
 

Literatur

  • Feldmeier, Alexis: Die Alphabetisierung von Erwachsenen nicht deutscher Muttersprache. In: Bundesverband Alphabetisierung e.V. (Hrsg.). 25 Jahre Alphabetisierung in Deutschland. Barcelona (u.a.), 2005
  • Hubertus, Peter: Primäre Analphabeten auf dem Weg zur Schrift. In: Alfa-Forum 78/2011
  • Kuhnecke, Anke: Einfach gut Alpha! Deutsch für die Integration. telc. 2018
  • Kuhnecke, Anke: Einfach gut Alpha! Deutsch für die Integration Schreibübungsheft. telc. 2019
  • Pracht, Henrike: Wissen über Wörter. Zum Lernbereich 'Phonologische Bewusstheit - Sprachbewusstheit - Aussprache' in der zweitsprachlichen Alphabetisierungsarbeit. Deutsch als Zweitsprache, 2007
  • Schramm, Karin: Alphabetisierung erwachsener Ausländer in der Zweit- oder Zielsprache Deutsch. In: Deutsch Lernen, 1995