Bilder machen Leute Der Lehrer ist nicht immer der Gärtner

Wer bin ich: Dompteur oder Entertainer?
Wer bin ich: Dompteur oder Entertainer? | Foto (Ausschnitt): © Mikesch - plainpicture

Die Lehrperson als Gärtnerin, Schauspieler oder Entertainerin? Die Analyse solcher Metaphern ist für eine verbesserte Fremd- und Selbstwahrnehmung von Lehrenden ausgesprochen wichtig.

In einer Studie von 1996 – sie trägt den sprechenden Titel The free educational prison: metaphors and images – sollten Lernende über die Lehrerrolle nachdenken. Über 7.000 Metaphern wurden zusammengetragen und kategorisiert. Während die Lehrenden sich zumeist unter dem Aspekt des Umsorgens, allenfalls Formens wahrnahmen, sah es bei den Lernenden ganz anders aus: Sie verstanden sich als Opfer von Kontrolle und Steuerung. Auch in einer zweiten Studie, How teachers in different educational contexts view their roles (2003) widersprachen die Bilder von Tierpflegerin, Dirigent und Ladenbesitzerin auf der Seite der Lehrenden der Sicht von Puppenspieler, Richterin und Dompteur, wie sie Lernende in ihren Köpfen hatten.

Gefährliche Metaphern

Weil pädagogische Kompetenzen als solche nicht greifbar sind, versucht man sie durch Metaphern dingfest zu machen. Das ist legitim, solange man sich der Reduktion auf konkrete Bilder bewusst ist. Gefährlich werden Metaphern aber dann, wenn sie nicht mehr von den Lehrkräften selbst gebraucht werden, um sich über ihre Rolle klar zu werden, sondern wenn Politik und Forschung technizistische Metaphern verwenden, die Steuerung und Kontrolle dessen versprechen, was sich nicht steuern und kontrollieren lässt: pädagogische Kompetenz.

Lehrer mit Schraubenzieher Foto: © David-W- / photocase.de Technizistische Metaphern im pädagogischen Bereich sind verhängnisvoll, weil sie erstens suggerieren, man müsse an Schulen nur an gewissen Stellschrauben drehen, um die gewünschten Effekte zu erzielen, die nun gerade nicht technizistisch zu verstehen sind. Zweitens aber, und weit gefährlicher, kommt es zu einer Konzentration auf verwaltungsbezogene Routineaufgaben, da diese sich besser überprüfen lassen als die ursprünglich gewünschten pädagogischen Kompetenzen.

Unscharfe Bilder

Ob Metaphern individuell (Gärtnerin, Animateur, Schauspielerin) oder im bildungspolitischen Diskurs gebraucht werden: Ihre Leistung besteht darin, Komplexitäten wie „Unterricht“ oder „Persönlichkeit“, die sich nicht auf den Begriff bringen lassen wollen, durch ein Bild zu fassen. Aber solche Bilder sind zum einen unscharf hinsichtlich der jeweiligen bildungspolitischen Aufgaben: Das staatliche Schulwesen ist im Gegensatz zum privaten Schulwesen verantwortlich für ein flächendeckendes Schulangebot, für Integration und besonderen Förderbedarf. Zum anderen normieren Metaphern individuelle Rollenerwartungen, die dann oft gar nicht zu erfüllen sind. Gut belegen lässt sich das am eben schon erwähnten Begriff der „Persönlichkeit“: Versteht man den Begriff in psychologischer Hinsicht, so wird schnell klar, dass es nicht ausgezeichnete Persönlichkeitsmerkmale oder eine bestimmte Merkmalskombination „der“ Lehrendenpersönlichkeit gibt, sondern dass mit unterschiedlichen Profilen zu rechnen ist, die je nach Kontext als erfolgreich eingestuft werden können. Schwingen nun aber ethische Kategorien bei „Persönlichkeit“ mit, so wird es gerade unter moralphilosophischen Gesichtspunkten mehr als problematisch.

Lebendige Metaphern

Damit Metaphern wie „Lehrperson“ überhaupt funktionieren, „lebendig“ sind, dürfen sie uns nicht bewusst sein, sie müssen ihre Wirkungskraft von selbst entfalten. Durch Metaphern können wir aber auch stolpern, wenn es sich bei ihnen rhetorisch gesprochen um eine Phantasmagorie handelt, die Überblendung zweier oder mehrerer Bilder. Den Lehrberuf zeichnet nun aber mindestens die Überblendung von Stoffvermittlung (Verkäufer), Klassenführung (Dirigentin) und Betreuung (Tierpfleger) aus – und darum kann er auch leicht zur Höllenfahrt werden. Will man aber die bösen Dämonen dieser Welt durch den tapferen Geist der Forschung besiegen, ist nicht zuletzt auch eine Analyse der Bilder und Begriffe dieses Berufes gefordert.

So belegt die Dissertation von Sabine Marsch, Metaphern des Lehrens und Lernens. Vom Denken, Reden und Handeln bei Biologielehrern (2009), wie Metaphern konstruktivistische Perspektiven des Lehrens und Lernens vermitteln. Metaphern als Werkzeuge in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung können uns also darüber aufklären, wie ein Mensch die Welt sieht und denkt. Um uns und andere aufzuklären, müssen wir deshalb fragen, welches die grundlegenden Metaphern unserer Kultur sind, die unser Handeln bestimmen. Metaphern sind wie ein Tanker im Ozean, sie lassen sich kaum steuern, bewahren uns aber auch vor kurzlebigen Änderungswünschen und sind daher wie die Schule selbst nicht einfach nur abzuschaffen.

Lehrer mit Glühbirne Foto: © David-W- / photocase.de

Vom Sinn der Metaphernanalyse

So ist beispielsweise im Hinblick auf Berufsleitbilder eine Analyse solcher Metaphern nützlich, denn durch sie lassen sich individuelle Differenzen zwischen verschiedenen (schulischen) Kontexten beziehungsweise sozio-kulturellen Umwelten ermitteln. Theoretisch ließe sich sogar erforschen, welche Metaphern in der Selbstbeschreibung künftiger Lehrpersonen Aufschluss über ihr späteres Berufsverständnis geben: Sage mir, welche Metapher du gebrauchst, und ich sage Dir, welchen Erfolg du haben wirst.

Gegen solche Voraussagbarkeit spricht freilich folgende Beobachtung: Zwei divergenten Studien zum Gebrauch von Metaphern durch Lehrende war zwar gemeinsam, dass in beiden die Metaphern „Schiffskapitän“, „Gärtnerin“ und „Kompass“ auftauchten. Aber ein und dieselbe Metapher lässt sich ganz verschiedenen Konzepten zuordnen, das heißt die Relation einer Metapher zu einem bestimmten Konzept wie „Wissensanbieter“ ist nicht eindeutig. Sehr schön dargestellt haben das Birgit Lehmann und Hermann Ebner in ihrer Analyse dieser Studien: ‚Ein Lehrer ist wie...‘: Mit welchen Metaphern umschreiben Studierende der Wirtschaftspädagogik die Tätigkeit von Lehrpersonen? (2011).

Um die Brille zu sehen, muss man sie ablegen

Metaphern also sind ambivalent: Nur sie sind die Brillen, durch die wir sehen können, dass Handlungsbedarf besteht. Wenn man sehend handeln will, sollte man seine Brille besser nicht absetzen. Darin haben die „Praktiker“ recht. Aber wenn Brillen Menschen stolpern lassen oder in die Irre führen, ist es kein Luxus oder gar Fehler, sondern eine Notwendigkeit, sie selbst in den Blick zu nehmen. Und darin haben nun allerdings die „Theoretikerinnen“ recht.
 

Literatur

 

Ben-Peretz, Miriam/Mendelson, Nili/Kron, Friedrich W. (2003): How teachers in different educational contexts view their roles. In: Teaching and Teacher Education 19. Jg., H. 2, S. 277–290.

Hattie, John (2008): Visible learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London: Routledge.

Inbar, Dan E. (1996): The free educational prison: metaphors and images. In: Educational Research 38. Jg., H. 1, S. 77–92.

Lehmann, Birgit/Ebner, Hermann G. (2011): "Ein Lehrer ist wie...": Mit welchen Metaphern umschreiben Studierende der Wirtschaftspädagogik die Tätigkeit von Lehrpersonen? In: Faßhauer, Uwe/Aff, Josef/Fürstenau, Bärbel/Wuttke, Eveline (Hg.): Lehr-Lernforschung und Professionalisierung. Perspektiven der Berufsbildungsforschung. Opladen: Budrich, S. 135-145.

Marsch, Sabine (2009): Objekt-Metadaten. Metaphern des Lehrens und Lernens. Dissertation, FU Berlin