Welches Deutsch? Kommunikative Zwecke und Kontexte Sprachkompetenz vermitteln

Sprachkompetenz vermitteln
Sprachkompetenz vermitteln | Illustration: Melih Bilgil

In Sprachgemeinschaften bestehen im Hinblick auf typische Arten des Sprechens und Schreibens mehr oder weniger feste Erwartungen. Welche Rolle spielen verschiedene Zwecke und Kontexte sprachlicher Kommunikation dabei? Und was bedeutet dies für die Wahl des angemessenen Stils?

Abstract

Die Erwartungen an „richtiges“ Sprechen und Schreiben variieren je nach Sprachsituation und kommunikativer Absicht. Die Kenntnis solcher Erwartungen ist ein wichtiger Bestandteil des Sprachenerwerbs und ein zentraler Ausdruck der so genannten kommunikativen Kompetenz, die nötig ist, damit eine Fremdsprache überhaupt authentisch eingesetzt werden kann. Dieser Beitrag erläutert das Verhältnis zwischen Sprache und Situation an mehreren Beispielen des Deutschen.

Wer gut Deutsch spricht, kann auf zahlreiche Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks zurückgreifen. In der Sprachwissenschaft wird diese Vielfalt als „vertikale“ und „horizontale“ Ausdifferenzierung beschrieben. Ersteres meint die ganze Bandbreite sprachlicher Varietäten von der Standardsprache bis zu regionalen und sozialen Dialekten, die sich je nach Reichweite und gesellschaftlichem Ansehen auf unterschiedlichen Niveaus („vertikal“) bewegen. Die horizontale Differenzierung hingegen bezeichnet die stilistische Ausfächerung der deutschen Gegenwartssprache je nach Zweck und Kontext der Kommunikation. Beide Achsen sind für Lernende von Deutsch als Fremdsprache (DaF) wichtig; ab einem bestimmten Kompetenzniveau wird die Beherrschung der „horizontalen“ Ebene zwingend erwartet und in Prüfungen auch abgefragt.

SPRACHE UND SITUATION

Um die „horizontale“ Stilvielfalt des Deutschen im DaF-Unterricht zu vermitteln, müssen die jeweiligen Situationstypen und die dabei zu erwartenden sprachlich-kommunikativen Mittel gleichermaßen berücksichtigt werden. Dazu gehört, die Abhängigkeit bestimmter Arten des Sprechens und Schreibens von spezifischen Kontexten und kommunikativen Zwecken aufzuzeigen und darauf aufmerksam zu machen, dass viele sprachliche Ausdrucksformen im Bewusstsein der Sprecher mit typischen Gebrauchssituationen verbunden sind. Die Kenntnis solcher Erwartungen gehört zum Fremdsprachenerwerb unbedingt dazu. Sie ist zentrales Element der so genannten kommunikativen Kompetenz, die die grammatische Kompetenz stets begleiten und ergänzen muss, damit eine Fremdsprache in verschiedenen Situationen authentisch eingesetzt werden kann.

Zur Beurteilung von kommunikativen Situationen ist es wichtig, folgende Faktoren zu berücksichtigen: Wer wird angesprochen beziehungsweise angeschrieben (Adressat)? Kommunizieren Freunde, Familienmitglieder, Geschäftspartner oder Unbekannte miteinander (Rollenverhältnis)? Wie privat oder öffentlich ist die Situation? Worüber wird kommuniziert (Thema)? Wird gesprochen, geschrieben, fernmündlich oder digital kommuniziert (Medium)? Anhand solcher Kriterien lassen sich Situationen kommunikativer Nähe (beispielsweise ein privates Gespräch unter gut vertrauten Partnern) von solchen der kommunikativen Distanz (eine Anhörung, ein amtliches Schreiben, ein Fachtext oder ähnliches) unterscheiden.

NÄHE UND DISTANZ

Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass kommunikative Nähe auf allen Ebenen der sprachlichen Strukturbildung andere sprachliche Ausdrucksmittel hervorbringt als kommunikative Distanz. In der Aussprache sind unter anderem Verschmelzungsformen („hat's“ statt „hat es“) und Auslassungen von unbetonten Vokalen („ich brauch'“ statt „brauche“) typische Marker von Nähe. In der Morphologie haben unter anderem Richtungsadverbien in informellen Gesprächen reduzierte Formen („rein“ statt „herein“ oder „hinein“, „rüber“ statt „herüber“ oder „hinüber“).

In der Syntax zeichnet sich kommunikative Nähe unter anderem durch eine Vorliebe für nebengeordnete Sätze, viele satzwertige Ausdrücke (“Einfach toll!“) und syntaktische Konstruktionen wie die Links- und Rechtsversetzung, bei der das Subjekt vor- bzw. nachgestellt und durch ein Pronomen ersetzt wird. Sätze wie „Mein Kumpel, der ist Rennfahrer“ oder „Das sieht ja hübsch aus, dieses Täschchen!“ sind typisch für spontane Gespräche. Auch die Strukturierung der Rede kann sich situationsbezogen stark unterscheiden. Im Kontext der Nähe dienen hierzu zahlreiche Gliederungspartikel („also“, „naja“, „so“), während in Situationen der Distanz Adverbien wie „einerseits“ und „andererseits“ oder Ausdrücke wie „im Folgenden“ üblich sind. Stilistische Differenzierungen dieser Art sind im Deutschen bei allen Sprecherinnen und Sprechern zu beobachten. Ein Stil der Nähe ist dabei keinesfalls „schlechter“ als einer der Distanz, sondern die in vielen Situationen erwartete und daher angemessene kommunikative Wahl.

Ein anderer Bereich stilistischer Ausdifferenzierung ist die Fachkommunikation unter Experten. Kennzeichen hierfür sind Sprachmittel wie Fremdwörter („Enzephalitis“), Komposita („Intonationskonturen“) oder Abkürzungen („TCP/IP“), aber auch Wortbildungsmittel wie Nominalendungen („-ierung“), eine eher schriftsprachliche Syntax mit Hypotaxen oder komplexen Nominalphrasen sowie Textsorten wie Fachaufsätze und Gutachten. Dabei kommt Fachspezifik nicht nur im distanzierten Umfeld von Vorlesungen oder Wissenschaftstexten zum Tragen. Auch ein kollegiales Fachsimpeln in der Kneipe kann die genannten Merkmale aufweisen – und gleichzeitig durch Mittel der kommunikativen Nähe aufgelockert sein. Sprachmittel von Distanz und Nähe sind hier kein Gegensatz, sondern verbinden und ergänzen sich im konkreten Fall.

SPRACHVIELFALT UND MEDIUM

Selbst in einem stark normierten Sprachbereich wie der Interpunktion kommt stilistische Ausdifferenzierung vor. Besonders im Internet weist die Zeichensetzung oft große Unterschiede zur geschriebenen Standardsprache auf. Zumeist zeugt dies nicht von einer Unkenntnis der Regeln. Vielmehr geschieht es aus dem Bedürfnis heraus, in getippten Dialogen mit Hilfe der Interpunktion kommunikative Nähe auszudrücken. Frage- und Ausrufezeichen werden gerne mehrfach gesetzt, um Anteilnahme zu signalisieren („waaaas?????!!“). In den sozialen Medien werden Mitteilungen gern ohne Punkt oder mit gleich drei Punkten abgeschlossen, was andeuten soll, dass das Geschriebene flüchtig formuliert und nicht ganz verbindlich zu verstehen ist. Solche Phänomene sind für DaF-Lernende interessant, weil sie zeigen, dass neue kommunikative Kontexte zu sprachlichen Innovationen führen – und dadurch zu einem vielfältigeren Gebrauch der deutschen Sprache.

Wie vielfältig das Deutsche ist, zeigt sich täglich auch in den „traditionellen“ Medien. Während im früheren Rundfunk die Hochsprache professioneller Sprecher herrschte, ist heute in Radio und Fernsehen eine ganze Bandbreite an Varietäten und Stilen des Deutschen zu hören. Morgensendungen werden oft von mehreren Moderatoren in lockerem Gesprächston gehalten; in so genannten Reality-Sendungen kommen verschiedene Dialekte und Gruppensprachen vor. Journalisten und Moderatoren inszenieren hierdurch eine Nähe zu ihren Hörern und bieten ihnen so verstärkt Identifikationsmöglichkeiten an. Für DaF-Lernende sind solche Sendungen interessant, weil sie zahlreiche Einblicke in die Vielfalt der deutschen Sprache eröffnen.
 

Literatur

Androutsopoulos, Jannis: Online-Gemeinschaften und Sprachvariation. Soziolinguistische Perspektiven auf Sprache im Internet. Zeitschrift für Germanistische Linguistik 31:2, 2003, S. 173-197

Fandrych, Christian / Thurmair, Maria: Textsorten im Deutschen. Linguistische Analysen aus sprachdidaktischer Sicht, Tübingen 2011

Koch, Peter; Wulf Oesterreicher: „Schriftlichkeit und Sprache“. In: Günther, H./ Ludwig, O. (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Handbücher für Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Berlin/ New York. Bd. 1. 1994, S. 588-604