Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Bildungspolitik und Sprachenlernen
"Mit Bilingualität zu besseren Mathe-Kenntnissen!"

Kleiner Junge vor Tafel
Kleiner Junge vor Tafel | © Getty Images

​Sprachenlernen trainiert das Gehirn. Wenn Kinder schon früh in zwei Sprachen lernen, entwickeln sich ihre Sprachkompetenzen. Sie werden aber auch auf anderen Gebieten kognitiv leistungsfähiger – in Mathematik zum Beispiel. Warum ein Paradigmenwechsel nötig ist und wie er gelingen kann, erklären Prof. Dr. Michaela Sambanis und Prof. Dr. Heiner Böttger. Sie stützen sich dabei auf die Erkenntnisse der Gehirnforschung und Ergebnisse aus eigenen Studien.

Von Dr. Paula Scholeman und Stefanie Eisenreich

​Herr Böttger, in Deutschland spricht man Deutsch und darum müssen alle Kinder in der Schule erstmal die deutsche Sprache lernen. Ist das nicht eine grundsolide Sache?

Böttger: In Deutschland tun wir oft so, als ob alle Kinder Deutsch als erste Sprache lernen. Die erste Sprache ist aber in der Regel die Muttersprache und das ist eben nicht immer die deutsche. Die Sprachwissenschaftlerin Rita Franceschini hat mit bildgebenden Verfahren festgestellt, dass bilingual aufwachsende Kinder schon mit zwei Monaten – also vorsprachlich - wissen, da gibt es so etwas wie eine Papa- und eine Mamasprache. Sie können sie natürlich nicht benennen, aber im Gehirn zeigen sich unterschiedliche Aktionspotenziale, wenn die Eltern ihre jeweilige Sprache sprechen. Laut Franceschini ist übrigens auch dann von bilingualem Aufwachsen auszugehen, wenn die Familie neben der Hochsprache einen stark ausgeprägten Dialekt wie das Schwyzerdütsch spricht.
 

Was bedeutet diese Mehrsprachigkeit?

Sambanis: In Deutschland gibt es in manchen Gegenden den muttersprachlichen Unterricht, zum Beispiel dort, wo viele türkische oder griechische Kinder wohnen. Dann bekommen diese Kinder ein- oder zweimal pro Woche muttersprachlichen Unterricht, damit sie ihre Sprache nicht vergessen, und vor allem auch schreiben und lesen lernen können. Die Sprachen bleiben aber in der Regel entkoppelt von der Schulsprache und den schulischen Fremdsprachen. Das ist ein Problem, denn man muss Sprachförderung als eine Querschnittsaufgabe betreiben, auch in andere Fächer integrieren, damit die Mehrsprachigkeit mit unterschiedlichen Aktivitäten verbunden ist.

Böttger: Die Mehrsprachigkeit dieser Kinder nicht anzuerkennen, heißt im Grunde, sie von ihrer Kultur abzuschneiden und sie zudem sprachlich verarmen zu lassen. Denn es hat ja schon eine kognitive Entwicklung mit dem muttersprachlichen Erwerb stattgefunden. Die Kinder brauchen eine Sprache, mit der weitere kontrastiert werden können. Das ist die Muttersprache. Es ist wichtig, dass in dieser Sprache vorgelesen wird, dass Unterricht oder andere Aktivitäten auch in dieser Sprache stattfinden. Tut man dies, kann man nach den aktuellen Forschungsbefunden sagen: Diese Kinder wären – verglichen mit monolingual Aufwachsenden - potenziell die besseren Sprachenlerner und nach unseren Erkenntnissen im Mittel auch die besseren Mathematiker. 

„Das bilinguale Setting führt zu einem Mehr an kognitiver Leistung”

Moment, Sie sagen, dass zweisprachige Kinder potentiell besser in Mathematik sind als einsprachige?

Heiner Böttger ist Professor für Englischdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sein Forschungsinteresse konzentriert sich aktuell auf Mehrsprachigkeit und die Language educational neurosciences. Professor Heiner Böttger | © Böttger Böttger: Ja, der Hinweis kommt aus dem von mir wissenschaftliche begleiteten und konzipierten Projekt “Lernen in zwei Sprachen - Bilinguale Grundschule Bayern”. Im Projekt lernten und lernen Kinder ab der ersten Klasse in zwei Sprachen – Deutsch und Englisch - und haben etwa neun bis elf Stunden Fachunterricht in der Fremdsprache. Fünf Jahre lang haben wir in Mathematik, Deutsch und Englisch Vergleichstests gemacht, um zu sehen, wie diese Kinder im Vergleich zu Kindern in ganz Deutschland abschneiden.

Was zeigen die Ergebnisse?
 
Böttger: Es gibt in Deutsch keinen Leistungsverlust, trotz bis zu 9 Stunden weniger an deutschsprachigem, unterrichtlichen Input. Im Gegenteil: Das Lernen in zwei Sprachen führt zu einem Mehr an Sprachvermögen und Sprachsensibilität. Diese Kinder haben darüber hinaus bessere mathematische Fähigkeiten. Sie sind im standarisierten Vergleichstest DEMAT in Mathematik besser als der Bundesdurchschnitt und zwar nicht nur ein wenig, sondern signifikant.

 
Wie erklären Sie das aus neurologischer Sicht?
 
Böttger: Das hat etwas mit der Plastizität des Gehirns zu tun, also dem Aufbau und der Verstärkung der neuronalen Strukturen durch die höhere Anforderung beim Verarbeiten zweier Sprachen und der damit schnelleren kognitiver Entwicklung. Es ist dabei eigentlich völlig egal, welche zwei Sprachen man nun nimmt: Deutsch und Polnisch, Hochdeutsch und Schwyzerdütsch - das bilinguale Setting führt im Ergebnis zu einem Mehr an kognitiver Leistung und dann eben auch folglich dazu, dass die Kinder wesentlich besser in Mathematik sind.


Riskiert man nicht, die Kinder zu überfordern? Gerade bei komplexeren Sprachen?
 
Univ.-Prof. Dr.Michaela Sambanis ist Lehrstuhlinhaberin für die Didaktik des Englischen an der Freien Universität Berlin. Sie verbindet Neurowissenschaften mit Didaktik und schlüsselt Wissensbestände für die Praxisanwendung auf. Univ.Prof. Dr. Michaela Sambanis | © Sambanis Sambanis: Bei einem Projekt in einer Grundschule verwendeten wir in Englisch und Französisch dieselben Inhalte und die gleichen Aktionsformen. Eine Überforderung durch Französisch war nicht zu erkennen. Die Kinder konnten sich teilweise sogar komplexer äußern als auf Englisch. Das kindliche Gehirn hat natürlich mit dem Französischen erstmal eine größere Herausforderung – die beiden Artikel un und une statt nur a beispielsweise. Aber das Gehirn verarbeitet das, wenn es methodisch altersgemäß aufbereitet, herausfordernd und mit Freude umgesetzt wird. Mit der richtigen Methode können junge Lernende sich der Herausforderung stellen, sie meistern und daran wachsen. 

„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel.“

Also mehr kognitive Leistung durch Mehrsprachigkeit. Was müsste sich im Bildungssystem ändern, um diese Erkenntnis umzusetzen?
 
Böttger: Dieses überkommene System der Volksschule, Mittelschule und Oberschule – auch wenn man es anders benennt - hält sich hartnäckig. Das ist ein bildungshierarchisches System, das zudem noch stark separiert, das in feste Kategorien teilt, das Bildungschancen schon früh ungleich werden lässt. Und auch die Kinder nach Alter in Klassen einzuteilen, ist nach dem aktuellen Stand der Forschung, bzw. eigentlich schon ziemlich lange, hinfällig.
Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Und das beginnt im Grunde im Kindergarten. Wie sind Erzieherinnen und Erzieher aber ausgebildet? Nach einer speziellen, universitären oder fachhochschulischen Ausbildung müssten sie mehr wissen, mehr können, besser Sprachen integrieren können. Es müsste dazu eine spezielle sprachendidaktische Bildung im Programm sein, die bilinguales Betreuen möglich macht.

 
Müsste sich auch die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer ändern, damit sie mit dieser Mehrsprachigkeit umgehen können?
 
Böttger: Ja, aber das geschieht nicht. Alle Lehrkräfte müssten eigentlich Kompetenzen für Deutsch als Zweitsprache oder Deutsch als Fremdspracheerwerben. Allein, um auch selbst die eigene Sprache als Deutsche erklären und lehren zu können. Wir müssen die Lehrenden befähigen, wesentlich früher andere, individuellere Aufgabenformate und dazu passende Testformate zu entwickeln. Denn was wir momentan tun, ist einfach den Lernenden alles sehr explizit zu vermitteln und es dann – ich übertreibe jetzt mal, denn das müssen wir in der Didaktik manchmal tun – mit Lückentexten abzuprüfen. In den Schulaufgaben wird meist nur reproduktives Wissen getestet und benotet. Kreativität? Transfer? Dafür bräuchte es ganz andere Aufgabenformate, die implizit sind und bei denen Performanz möglich wird. Wir aber klammern uns jedoch noch viel zu oft fest an den alten, scheinbar bewährten Testformen.

 
Das System, die Ausbildung, die Aufgaben- und Testformate – was ist sonst noch nötig für einen Paradigmenwechsel?
 
Böttger: Der Schlüssel dazu sind die Eltern. Die Eltern werden nicht mitgenommen, man erklärt ihnen nicht, dass es für ihre Kinder gut wäre, zwei Sprachen zu lernen. Ein richtiger Paradigmenwechsel ist deshalb auch momentan nicht in Sicht. Wir wüssten wie es geht, aber es ist uns nicht möglich, die Erkenntnisse auf die gesellschaftliche Ebene zu bringen. Eine Ausnahme und ein großer Erfolg: In Bayern wurde die Bilinguale Grundschule jetzt als Profilelement institutionalisiert. Ein Quantensprung, meine ich.

Sambanis: Momentan hört die ganze Nation auf Virologinnen und Virologen. Hoffentlich erkennt man bald: Mensch, da gibt es welche, die zu Didaktik forschen. Lasst uns die doch auch mal hören und ernst nehmen!
 

Interviewpartner:

Heiner Böttger ist Professor für Englischdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sein Forschungsinteresse konzentriert sich aktuell auf Mehrsprachigkeit und die Language educational neurosciences.

​INTERVIEWPARTNERIN:

Univ.-Prof. Dr.Michaela Sambanis ist Lehrstuhlinhaberin für die Didaktik des Englischen an der Freien Universität Berlin. Sie verbindet Neurowissenschaften mit Didaktik und schlüsselt Wissensbestände für die Praxisanwendung auf.

Top