Anja Fiedler Stadt macht satt – ernte die Stadt

  • Stadt macht satt - bepflanzte Tetrapaks © Uve Haußig/ Anja Fiedler
  • Apfel Jahreskreis © Anja Fiedler
  • Ernten von Tannenspitzen © Uve Haußig
  • Sackgärten © Anja Fiedler
  • Inszeniertes Essen © Uve Haußig
  • Gutes Stadtleben © Uve Haußig
  • Inszeniertes Essen in der Gemäldegalerie © Uve Haußig

Mit Essen die Zukunft gestalten

In der Stadt kommt das Essen aus dem Supermarkt, und man muss dafür bezahlen – denkt man! Ist aber nicht so. Vor der Haustür eines jeden Städters liegt eine Schatztruhe von Lebensmitteln und ungenutzten Ressourcen: ungenutzte Köstlichkeiten aus der Natur (Früchte, Wildpflanzen, Beeren, Honig), ein Überfluss an noch verwendbaren aussortierten Lebensmitteln, die täglich massenhaft im Müll landen. Fensterbänke, Balkone, Höfe, Parks, die sich mit Stadtgärtern (Urban gardening) in produktive Mini-Äcker verwandeln lassen.

Stadtnatur, Stadtüberfluss und Stadtgärtnern sind die drei Grundsäulen meiner Initiative „Stadt macht satt“ mit der ich unsere Städte und Essen auf eine neue Weise betrachte und denke. Ich möchte vermitteln, wie Menschen in der Stadt nachhaltig wirtschaften und handeln können. Mit meiner so genannten „Stadt macht satt“-Brille mache ich diese verschwendeten Reichtum sichtbar und zeige, was wir selbst in unserem Stadtalltag für eine bessere Zukunft tun können.

Und das ganz einfach: Am Beispiel eines Apfels erkläre ich, wie die industrielle, globale Wirtschaft funktioniert, mache Artenvielfalt erlebbar, animiere zu gesunder Ernährung und zeige wie die Versorgung von Städten in der Zukunft anders und nachhaltiger gestaltet werden könnte.

Unter dem Dach der Initiative „Stadt macht satt“ sind inzwischen viele unterschiedliche neue Projekte, Aktionen und Kunstinstallationen entstanden: So gibt es Stadtkinderköche, die mit kreativem Restekochen ihre Schule versorgen, Stadtgärtner, die mit Fenstergärten, Salatbäumen und Gemüsetürmen auf engstem Raum Pflanzen anbauen und mit Stadt-Baum-Schulen unsere Wohnungen, Parks und Städte bepflanzen und neu denken. Wie wichtig Stadtgrün auch aus sozialen Gründen ist, zeigt das Projekt „Stadtnutz(t)pflanzen- Garten am Zaun“, bei dem wir einen Bauzaun begrünten. Um Selbstversorgung, altes Wissen, Klimawandel und globale Lebensmittelproduktion geht es im Projekt Apfelschätze. Jährlich „rette“ ich Tonnen von Äpfeln und trage so dazu bei, dass sich Städter monatelang selbst damit versorgen. Mit Jugendlichen begab ich mich – und das war eine extreme „Herausforderung“! – drei Wochen lang „auf die Spuren der Nahrung“. Wir beschlossen, die ganze Zeit nur von dem zu leben, was wir finden würden. Auch für mich eine tiefgreifende Erfahrung. Mit meinen inszenierten Essen oder Ausstellungen zum Aufessen geht es neben Haltbarmachung von Lebensmitteln auch um den Erhalt von weltweiter Esskultur und Wissensschätzen. An altes Wissen knüpft sich auch mein Projekt „Skinfood“ an, bei dem ich aus Lebensmittelresten Kosmetik mache. Hier geht es vor allem um Schadstoffe und Selbstbestimmung.
 
„Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo keiner sie sieht.“  Peter Weibel 

Ich nenne meine Arbeit „Kunst in Aktion“ oder „Soziale Skulpturen“, – angelehnt an Joseph Beuys, der mit seiner Kunst Menschen anregen wollte, ihre Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Egal, ob ich mit Kindergartenkindern, mit Unternehmern oder mit unterschiedlichen Bewohnern einer Nachbarschaft arbeite: Wichtig ist mir, dass unterschiedlichste Menschen miteinander zu einem Thema ins Gespräch kommen und aus den verschiedene Perspektiven heraus eigene Fragen entstehen. Je nach Teilnehmerkreis können die Antworten zu ganz vielfältigen Themen führen: Artenvielfalt, bessere Ressourcennutzung, Wirtschaft, Stadtentwicklung, Postwachstumsgesellschaft, Klimawandel und viele weitere. Meistens entsteht aus dem konkreten Erleben, den eigenen Fragen und dem gemeinsamen Gespräch im eigenen Umfeld nachhaltige Veränderung.
 
Aus den Fragen entwickeln sich Dialoge, eigene Ideen und schließlich steht am Ende oftmals ganz konkretes Handeln der Beteiligten, die so ihren Alltag und ihre Umgebung verändern.
 
Die Idee zu „Stadt macht satt“ entstand 2010, als ich mit 17 anderen Künstler/-innen von der Initiative „ÜBER LEBENSKUNST.Schule“ eingeladen wurde, zur Frage „Was ist das gute Leben in der ökologischen Krise?“ ein Schulprojekt zu entwickeln. Daraus ist das erste Projekt mit der Schülerfirmen Gipscafé entstanden.

Inzwischen führe ich längst nicht mehr nur Projekte an Schulen und Kindergärten durch, sondern darf meine Ideen und Erfahrungen auch in Vorträgen, Lehrerfortbildungen, Kunstaktionen teilen. Ich werde eingeladen, in anderen Ländern die Geschichten von Lebensmitteln und ungenutzten Stadtpotentialen zu entdecken wie zum Beispiel bei meiner Aktion „Sauerkraut“ in Taiwan. Jedes Mal ist es ein packender Prozess, Kinder und Erwachsene auf den Geschmack nach gutem Essen zu bringen, das uns und sozusagen auch unserer Umwelt schmeckt. Es macht Freude, diese Entdeckungen zu verbreiten, Möglichkeiten zu eröffnen, unsere Wohnungen, Parks und Städte neu zu denken und zu bepflanzen.
 
In meiner Kunstaktion „Zum Glück gibt´s was zu essen“, erforschte ich mit meinen Gäste, wann Essen glücklich macht. Und nach all den Jahren meinen Projektes darf ich sagen: Essen, Gärtnern, grüne Städte machen glücklich. Wir Städter können uns nicht selbst mit allem Notwendigen versorgen, aber wo bewusst gekocht, geerntet und gepflanzt wird, gedeihen auch neue soziale, ökologische und ökonomische Ideen. Und so werden automatisch nicht nur unsere Städte, sondern so wird auch unser Handeln „grüner“.
 
Wenn auch Sie in Ihrer Schule, Nachbarschaft oder Unternehmen mit Essen Gutes für sich und die Zukunft tun wollen, freue ich mich, wenn „Stadt macht satt“ Sie inspirieren könnte, selbst aktiv zu werden.

Stadt macht satt - Logo © Anja Fiedler  


Stadt macht satt wurde von der UNESCO 2012/2013 und von der ZEIT-Stiftung 2014 als vorbildliches Projekt ausgezeichnet, Kindern und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln zu vermitteln.
 

Über die autorin

Anja Fiedler © Lidia Tirri Anja Fiedler ist Künstlerin, Kulturmanagerin und Social Entrepreneur. Sie verortet ihre Arbeit an der Schnittstelle von Kunst, Gesellschaft und Wirtschaft. Ihre Passion ist es, unterschiedlichste Menschen in Projekten zusammenzubringen, um neue Blickweisen, Ideen und Synergien zu schaffen. Insbesondere beschäftigt sie sich mit Ideen für einen anderen Umgang mit Ressourcen, neue Formen des Wirtschaften und Arbeitens sowie Gemeinwohl- und Bildungskonzepten.