Holger Wendlandt Das deutschsprachige Abitur in Ungarn: Ein zeitgemäßes Mittel der Schülerförderung

Frankfurt IDO
Foto: Goethe-Institut/Valentin Fanel Badiu

Der bilinguale Unterricht an Gymnasien hat in Ungarn eine lange Tradition. Jährlich legen circa 1000 Abiturienten ein „deutschsprachiges Abitur“ ab, wobei in der Regel zwei Prüfungsfächer in der Zielsprache Deutsch schriftlich geprüft werden. Dieser Beitrag untersucht die Wirksamkeit des zweisprachigen Unterrichts in Ungarn, sowohl in fachlicher als auch in sprachlicher Hinsicht. Dazu werden die öffentlich zugänglichen Ergebnisse eines vollständigen Abiturjahrgangs analysiert. Mögliche Gründe für die signifikant nach oben abweichenden Ergebnisse der bilingualen Schülerinnen und Schüler werden besprochen. 

Einleitung

Fremdsprachenkenntnisse haben in den vergangenen Dekaden an Bedeutung gewonnen. Die Ausweitung der EU hat zu diesem Trend beigetragen. Im „Aktionsplan für das Sprachenlernen und die Sprachenvielfalt“ wird als eine Maßnahme zur Stärkung der Sprachkenntnisse die Förderung des fremdsprachigen Fachunterrichts vorgeschlagen: „Das integrierte Lernen von Inhalten und Sprache (Content and Language Integrated Learning – CLIL), das heißt der fremdsprachige Fachunterricht, kann einen wesentlichen Beitrag zu den Sprachlernzielen der Union leisten.“ [Kommission der EU, 2003, S. 11]
In diesem Beitrag wird auf der Grundlage der Daten des Abiturjahrganges 2010 eine Übersicht über die Wirksamkeit des fremdsprachigen Fachunterrichts in der Zielsprache Deutsch [1] in Ungarn gegeben.

Das zweisprachige Abitur in Ungarn

Im Jahre 1987 wurden in Ungarn die ersten Gymnasien mit deutschsprachigem Fachunterricht eingeführt. Im Bereich der deutschen Minderheit gab es diese Unterrichtsform schon früher. Schüler, die an diesem Unterricht teilnehmen, müssen neben dem Fach Deutsch zwei weitere Abiturprüfungen in der Zielsprache Deutsch ablegen. Die Prüfungsaufgaben werden zentral gestellt. Seit 2007 werden die Einzelergebnisse aller Abiturprüfungen landesweit gesammelt und als anonymisierte Datensätze veröffentlicht. [2] Aufgrund der hohen Bedeutung der Abiturergebnisse können diese Daten als sehr zuverlässig angesehen werden.

Die Anzahl der Abiturprüfungen und Abiturienten 2010

2010 wurden insgesamt circa 2413 schriftliche Abiturprüfungen [3] in der Zielsprache Deutsch in 12 verschiedenen Fächern auf Grundstufenniveau (közöp szint) abgelegt. [4] Da der überwiegende Teil der Abiturienten genau zwei Sachfächer in der Zielsprache ablegt, kann man schließen, dass circa 1200 Schülerinnen und Schüler im Sommer 2010 ein deutschsprachiges Abitur abgelegt haben. [5]
Zum Vergleich: Insgesamt wurden im betrachteten Zeitraum nur circa 2400 Prüfungen im Fach Deutsch auf erhöhtem Niveau (emelt szint) abgelegt.

Die Auswahl der Abiturfächer

Abbildung 1 zeigt die Verteilung der deutschsprachigen Abiturprüfungen auf die gewählten Fächer.
 
Sieht man vom Fach Civilizáció ab (in diesem Fach wird schwerpunktmäßig die Landeskunde der deutschsprachigen Länder behandelt), so sind die Fächer Geschichte, Mathematik und Geographie die am häufigsten gewählten DFU – Fächer.
Interessant ist hier ein Vergleich der beiden Fächer Mathematik und Geschichte mit anderen Zielsprachen. Aus Abbildung 2 erkennt man, dass das Fach Geschichte bevorzugt in den traditionellen Minderheitensprachen gewählt wird. Hier kommt vermutlich die Tatsache zum Tragen, dass dieses Fach für die jeweilige Minderheit auch identitätsbildende Bedeutung hat. In den anderen Zielsprachen (Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch) wird am häufigsten das Fach Mathematik gewählt. Hier steht vermutlich die Bedeutung des Faches für das Sprachlernen im Vordergrund.
 
Anzahl der Prüfungen in Mathematik und Geschichte
© Holger Wendlandt
Anzahl der Prüfungen in Mathematik und Geschichte nach Sprachen.

„Geht es um die Frage der Förderung von Toleranz und Verständnis für die jeweils andere Kultur [...] dann bieten sich derartige [gesellschaftswissenschaftliche] Fächer an. Geht es allerdings primär um die Vermittlung sprachlicher Fertigkeiten, eignen sich eher Fächer, die sich leicht über Bilder, durch direkte Demonstration veranschaulichen lassen.“ (De Cilla, 1994, S. 17)

Die fachlichen Ergebnisse

Wesentlich für die Einschätzung des Erfolges des zweisprachigen Unterrichts sind die Ergebnisse, die die Schüler dieser Klassen im Vergleich zu muttersprachlich unterrichteten Schülern erzielen. Da das ungarische Abitur ein Zentralabitur ist und alle Ergebnisse gesammelt und veröffentlicht sind, ist ein Vergleich möglich. Die Abbildung 3 vergleicht die Durchschnittsergebnisse der schriftlichen Abiturprüfung 2010 (Grundstufenniveau) der deutschsprachig beziehungsweise muttersprachlich (ungarisch) unterrichteten Schüler. 
 
Abiturergebnisse in ausgewählten Fächern
© Holger Wendlandt
Abiturergebnisse in ausgewählten Fächern

Man erkennt, dass die Ergebnisse der bilingualen Schüler in der Regel deutlich über dem Durchschnitt liegen. Am größten ist der Unterschied im Fach Mathematik (14,7 Prozent). Eine analoge Tendenz zu besseren Ergebnissen findet man auch, wenn man die Ergebnisse der Fachmittelschulen miteinander vergleicht. Sie gilt (fast) durchgängig für alle Zielsprachen. Beispielhaft sind in Abbildung 4 die Ergebnisse im Fach Mathematik in den verschiedenen Zielsprachen dargestellt (jeweils Grundstufenniveau). [6] Ähnliche Ergebnisse findet Á. Vámos für den Abiturjahrgang 2008 [Vámos, ohne Jahr, S. 7f). Die vorliegenden Daten zeigen also, dass die fachlichen Leistungen der zielsprachig unterrichteten Schüler (fast) durchgehend über dem Ergebnisdurchschnitt der muttersprachlich unterrichteten Schüler liegen.
 
Ergebnisse im Fach Mathematik nach Sprachen
© Holger Wendlandt
Ergebnisse im Fach Mathematik nach Sprachen

Eine erste Vermutung über die Gründe wäre, dass ein höheres Durchschnittsalter der zielsprachig unterrichteten Schüler [7] zu besseren Ergebnissen führt. Aus den zur Verfügung stehenden Daten kann man jedoch eine muttersprachliche Parallelgruppe mit einer vergleichbaren Altersstruktur isolieren. Es zeigt sich, dass sich die Ergebnisse dieser Parallelgruppe nicht wesentlich von denen der ungarischen Gesamtgruppe unterscheiden. Daraus kann man schließen, dass das Alter keine (entscheidende) Rolle spielt.

Die sprachliche Anforderung

Welche Auswirkung hat der Unterricht in einer Zielsprache auf die Sprachkompetenzen der Schüler? Für Deutschland gibt es empirische Untersuchungen zur sprachlichen Wirksamkeit des bilingualen Unterrichts in der Zielsprache Englisch. Hier sind insbesondere die DESI – Studie sowie die DEZIBEL – Studie zu nennen, die beide zu dem Ergebnis kommen, dass die Sprachkenntnisse der Schüler im bilingualen Unterricht deutlich über denen ihrer Mitschüler liegen. Aus Ungarn sind keine empirischen Untersuchungen dieser Art bekannt. Man kann aber davon ausgehen, dass der Unterricht auch hier ähnliche Wirkungen erzielt.
 
Weiterführend ist in diesem Zusammenhang die Einschätzung des Sprachniveaus der Abiturprüfung. Dazu muss man wissen, dass die Abituraufgaben für die Zielsprachenschüler Übersetzungen aus einer ungarischen Vorlage sind. Damit ist einerseits sichergestellt, dass vergleichbare fachliche Anforderungen gestellt werden. Andererseits sind dadurch aber auch die sprachlichen Anforderungen vergleichbar und liegen in beiden Fällen auf muttersprachlichem Niveau (die Übersetzungen werden von einem Lektor auf allgemeinsprachliche und fachsprachliche Korrektheit durchgesehen).
 
Die schriftlichen Abituraufgaben sind in allen Fächern stark textbasiert. Das ist schon am Umfang der Prüfungsaufgaben zu erkennen: Im Fach Geschichte haben allein die Aufgabenstellungen einen Umfang von 39 Seiten [8], im Fach Geographie sind es 16 und im Fach Biologie 12 Seiten. Einige Aufgaben basieren auf Texten, die zum Teil einen Umfang von mehr als einer halben Seite haben. Schon die Formate der Aufgaben verlangen also eine hohe Sprachkompetenz.
 
In Einzelfällen kommt es dazu, dass die sprachliche Komponente für die Schüler eine Lösungshilfe bieten kann. Die folgende Aufgabe aus dem Geschichtsabitur 2010 zeigt ein Beispiel: Die Teilaufgaben b) und c) können allein durch die Beachtung des vorgegebenen Artikels richtig gelöst werden. Solche Fälle bilden aber die Ausnahme.
 
Abituraufgabe
© Holger Wendlandt
Beispiel einer Abituraufgabe Geschichte 2010

Aufschlussreich ist im Fach Geschichte ein Vergleich der Ergebnisse der beiden Testteile „Aufgaben mit kurzen Antworten“ und „Essay-Aufgaben“. [9] Dabei zeigt sich, dass das Verhältnis der bei diesen Aufgaben durchschnittlich erreichten Rohpunkte für muttersprachliche und deutschsprachige Abiturienten gleich ist. [10] Daraus kann man folgern, dass die Sprachfertigkeiten der zielsprachigen Schüler ähnlich verteilt sind wie die der muttersprachlichen Schüler.
 
Aufgrund der kompetenzorientierten Ausrichtung des Abiturs ist der sprachliche beziehungsweise textbasierte Anteil auch im Fach Mathematik vergleichsweise hoch. So gibt es auch hier Aufgabenstellungen, die mehr als eine halbe Textseite umfassen. Zur Bewältigung der Aufgaben ist auch in diesem Fach ein hohes Maß an Textverständnis erforderlich.

Rückblick und Ausblick

Das zweisprachige Bildungsangebot in Ungarn entspricht den Leitlinien europäischer Sprachenpolitik. Es ist zeitgemäß, aber auch anspruchsvoll.

Worin liegen die Ursachen für die überdurchschnittlichen Ergebnisse? Sie sie sind einerseits dem zweisprachigen Lernen inhärent [vgl. dazu Wolff, 1996], sie liegen in der Kompetenz und dem Engagement der Lehrer [11] und sie liegen häufig in einem anregenden und fördernden Schulprofil. Nicht zu vergessen sind jedoch die Schüler, die sich mit einem hohen Arbeitseinsatz den an sie gestellten Herausforderungen stellen und auf diese Weise überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen.
 
Vor diesem Hintergrund kann man diese Bildungsgänge als ein Mittel der Begabtenförderung verstehen. Damit sind sie ein wichtiges Angebot in der aktuellen Bildungslandschaft und deshalb in jeder Hinsicht aufrechtzuerhalten und zu fördern.
 
Die Rahmenbedingungen sind in vieler Hinsicht verbesserungsfähig. In der Lehrerfortbildung zum Beispiel fördert seit vielen Jahren die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) [12] den Deutschsprachigen Fachunterricht. Hier ist eine stärkere Unterstützung von ungarischer Seite zu wünschen.
 
Und auch in Hinblick auf den Wert und die Darstellung dieser Bildungsgänge nach außen gibt es Entwicklungsmöglichkeiten. Beispielhaft sei das Projekt „CertiLingua-Exzellenzlabel“ [13] erwähnt. Eine ähnliche Initiative in Ungarn könnte das Ansehen und die Bedeutung der zweisprachigen Bildungsgänge aufwerten.
 

Anmerkungen

[1] Hierfür wird häufig auch das Akronym „DFU“ verwendet: Deutschsprachiger Fachunterricht.
[2] https://www.ketszintu.hu/publicstat.php
[3] In dieser Zahl enthalten sind auch die Abiturprüfungen im Fach Nationalitätenkunde, obwohl sie ein eigenes Format haben.
[4] Auf dem Oberstufenniveau gab es 2010 lediglich 25 Prüfungen im Fach Geschichte und 2 im Fach Mathematik. 
[5] Davon ca. 360 an einer Fachmittelschule.
[6] In der Zielsprache Russisch fallen die Ergebnisse gegen den Trend aus. Hier muss man aber berücksichtigen, dass im betreffenden Abiturzeitraum in dieser Sprache nur 4 Abiturarbeiten geschrieben wurden.
[7] In den Fächern Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch legen fast alle Schüler das Abitur Mathematik nach 13 Schuljahren ab, da sie in der Regel ein Sprachvorbereitungsjahr absolvieren. 
[8] Der Umfang der Abituraufgaben im Fach Geschichte ist auch darin begründet, dass alle Quellen sowohl in der Zielsprache als auch in der Muttersprache abgedruckt sind.
[9] Die Essay – Aufgaben erfordern produktive Sprachfähigkeiten. Die Sprachrichtigkeit ist ein Teilkriterium für die Bewertung. 
[10] Der durchschnittliche Quotient für die ungarischen Abiture hat im Jahre 2010 den Wert 1,66, der für die deutschsprachigen Abiture beträgt 1,62.
[11] Aus meiner persönlichen Einschätzung als langjähriger Fachberater der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in Ungarn. 
[12] Über die Aktivitäten im Bereich Mathematik s. unter: Deutschsprachiger Fachunterricht 
Fachgruppe für Physik, Mathematik und Informatik

[13] CertiLingua

 

Literatur

De Cilla, Rudolf (1994): Was heißt hier eigentlich bilingual? Formen und Modelle des bilingualen Sachfachunterrichts. In: Koschat, Franz / Wagner, Gottfried (Hrsg.): Bilinguale Schulen – Lernen in zwei Sprachen. Bundesministerium für Unterricht und Kunst. Wien 1994. S.11–23.
 
Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2003): Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt: Aktionsplan 2004 – 2006. Brüssel.
 
Vámos, Ágnes: The function of foreign language at the school-leaving examination and language-of-education pedagogy in bilingual education. Unveröffentlichtes Manuskript. Ohne Jahr.
 
Wolff, Dieter (1996): Bilingualer Sachfachunterricht: Versuch einer lernpsychologischen und fachdidaktischen Begründung. (Vortrag am 21.11.1996 an der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal. Unveröffentlichtes Manuskript). 

 

Über den Autor

Holger Wendlandt ist Lehrer für Mathematik und Physik und hat viele Jahre an Schulen im Ausland unterrichtet. Von 2006 bis 2011 arbeitete er als Fachberater für den deutschsprachigen Fachunterricht in Ungarn und war Regionaler Fortbildungskoordinator der ZfA für die Länder Kroatien, Rumänien, Slowakei und Ungarn. Zurzeit unterrichtet er an einem Gymnasium in Norddeutschland sowie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Holger Wendlandt hat umfangreiche Erfahrungen in der Lehreraus- und Lehrerfortbildung, als Lehrbuchautor und ist seit einigen Jahren als externer Berater für frühes Deutsch für das Goethe-Institut tätig.