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Schreibwerkstätten für Jugendliche
Schreibwerkstatt Łódź
mit Dagmara Kraus

Vom 27. bis 29. Februar 2020 wurde der zweite Teil der Weltenschreiber-Lyrik-Werkstatt in Łódź durchgeführt. Schüler*innen des Liceum Ogólnokształcące Politechniki Łódzkiej konnten noch einmal persönlich mit der Autorin Dagmara Kraus zusammentreffen. Die Schüler*Innen haben in der Zwischenzeit ihre Gedichte weiterentwickelt. Ferner arbeiten sie zusammen mit der Autorin an einem Hörbuch. 

Ergebnisse der Schreibwerkstätten

2. Schreibwerkstatt vom 27.-29.02.2020

Altes BootFoto (Ausschnitt): Lamzin Владимир © Colourbox

​Von Dagmara Kraus

Vom 27. bis 29. Februar 2020 habe ich die zweite (von zwei) Schreibwerkstätten mit Łódźer Schüler*innen im Alter von 16 bis 18 Jahren geleitet. Diesmal stand die Idee im Vordergrund, gemeinsam ein Stadtgedicht aus nach Übungsvorlagen zu entwickelnden Texten und vor Ort einzusammelnden Klängen zu komponieren. Als Ausgangspunkt diente uns der Name der Stadt, genauer eine mit dem Stadtnamen zusammenhängende Paradoxie: „Łódź“ bedeutet „Boot“. Aber warum heißt die Stadt, bekannt vor allem für ihre Film- sowie ehemals für ihre Textilindustrie, „Boot“, obwohl sie weder über einen Meerzugang noch über einen größeren Fluss verfügt?  

Wer nach Łódź kommt, spürt, dass in dieser Stadt etwas verborgen ist. Die Mietshäuser, Denkmäler einer besseren Zeit, scheinen mit ihren geräumigen Hauseingangstoren wie mit riesigen Ohrmuscheln einem unterirdischen Geheimnis zu lauschen. Vielleicht hören sie sich die Geschichten an, die das Wasser unter ihnen erzählt, denn tatsächlich verlaufen die Flüsse, die der Stadt einst, als sie noch Dorf war, ihren Namen gaben, heute beinahe ausschließlich untertägig. Versteckt unter dichter Bebauung, murmeln sie als Zeugen einer wechselhaften Stadtgeschichte vor sich hin. Oberirdisch gibt es kaum mehr Spuren von Wasser, weshalb schnell der Eindruck entsteht, das Stadtboot Łódź sei gestrandet. Mit seinen kilometerlangen Häuserzeilen, die beinahe steinernen Molen gleichen, den roten Fabrikruinen und zahllosen verwunschenen Brachen liegt Łódź wie eine verwüstete Arche auf dem Trockenen.  
 
Könnte es uns gelingen, fragte ich mich im Vorfeld der Werkstatt, das Boot Łódź mittels Texten erneut zu Wasser zu tragen? Die Frage initiierte eine Spurensuche, die in eine kleine Archäologie des Wassers münden sollte, der Flüsse, die ich mit den Schüler*innen gemeinsam und binnen der kurzen, uns zur Verfügung stehenden Zeit literarisch dokumentieren wollte, um der untergründigen Fließbewegung etwas abzugewinnen, abzuschöpfen, und es in Wort und Klang umzugießen. Schließlich bietet Łódź seinen Bewohnern überall, auf seinen Wappen, Wandgemälden und Schachtdeckeln Boote mit bereitgestelltem Ruder zum Einsteigen an, Sinnbilder des städtischen Aufbruchsgeistes, einer Sehnsucht nach Welt, die sich, wie ich feststellte, auch in den Gedichten der Schüler*innen, meist auf dem Sprung ins Ausland, manifestierte:

Mitte der Welt
 
Genau hier hat meine lebenslange Schifffahrt angefangen. 
Vom Zentrum bringt mich das Boot überallhin.
Martyna W.
 
 
Ich fahre mit dem Boot
durch das Meer der Baumwolle
Die Sterne führen mich
[...]
Sie führen das Boot
mit dem die Baumwolle fährt
[...]
Das Boot fährt durch die Sterne
Das Meer unten ist jetzt sicher
Die Baumwolle wächst ruhig
Der Hafen schläft wie immer
Jan S.
 
Aus mehreren Perspektiven versuchten wir, uns der Stadt zu nähern, beschrieben und erschrieben uns Łódź, begingen das große Boot und belauschten es in seinen Kirchenschiffen, Troparien und an seinen Einfallstraßen. Anfangs dachte ich noch, wir könnten unverhofft einen der Flüsse freilegen, etwa die kleine Łódka, das „Bötchen“, das trotz der augenfälligen Schieflage als „kleines Boot“ das große Łódź-Boot trägt, um auf ihm vom Ufer der Stadt abzulegen. Doch Łódź zog uns immer tiefer in seinen Walfischbauch hinein. In ihm begegneten wir seinen Marktschreiern, Sukkulentenpflegern, rückenschwimmenden Fischen, einem bronzenen Reymont mit Ährengebinde, dessen Geschichte so recht niemand mehr kannte und zuletzt der Stadtheiligen Faustyna, die uns eine seltsame Geschichte erzählte, die am Beginn unseres Hörgedichts steht – ein Auszug daraus hier.

Martyna schreibt:
 
Ende Februar hat in Łódź in dem Liceum Ogólnokształcące Politechniki Łódzkiej der zweite Teil der Weltenschreiber-Lyrik-Werkstatt stattgefunden. Diesmal haben wir an einem Hörbuch zusammengearbeitet. An diesen Tagen waren wir in einer ganz anderen Welt - in der Welt des Tones. Wir gucken jetzt ganz anders auf die Stadt und sind dessen bewusst, wie viel davon abhängt, wie die Worte ausgesprochen werden. Eigentlich können wir sogar sagen, dass uns Augen, eigentlich genau Ohren, geöffnet wurden.

 
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1. Schreibwerkstatt Ende November 2019

  • Weltenschreiber in Lodz Artur Zwierzchowski © Goethe-Institut
    Impressionen vom Projekt Weltenschreiber in Łódź
  • Weltenschreiber in Lodz Artur Zwierzchowski © Goethe-Institut
    Impressionen vom Projekt Weltenschreiber in Łódź
  • Weltenschreiber in Lodz Artur Zwierzchowski © Goethe-Institut
    Impressionen vom Projekt Weltenschreiber in Łódź
  • Weltenschreiber in Lodz © Goethe-Institut
    Impressionen vom Projekt Weltenschreiber in Łódź
  • Weltenschreiber in Lodz Artur Zwierzchowski © Goethe-Institut
    Impressionen vom Projekt Weltenschreiber in Łódź
  • Weltenschreiber in Lodz Artur Zwierzchowski © Goethe-Institut
    Impressionen vom Projekt Weltenschreiber in Łódź
  • Weltenschreiber in Lodz Artur Zwierzchowski © Goethe-Institut
    Impressionen vom Projekt Weltenschreiber in Łódź

Von Dagmara Kraus

Ende November bin ich für drei Tage am Liceum Ogólnokształcące Politechniki Łódzkiej gewesen und habe dort eine im ersten Teil auf zunächst insgesamt 13 Unterrichtsstunden angelegte Weltenschreiber-Lyrik-Werkstatt mit Schüler*innen leiten dürfen. Die Teilnehmer*innen stammten aus allen drei Liceumsklassen (Alterstufe 16–18 Jahre) und waren von den beiden am Projekt beteiligten und über die Veranstaltung dauerhaft präsenten Deutsch-Lehrerinnen Frau Świca und Frau Michalak unter den Deutsch-Lernenden der Schule für die Werkstatt ausgewählt worden. Zur Unterstützung war Frau Ostaszewska aus Warschau angereist, die unsere Werkstatt vonseiten des Goethe-Instituts der Hauptstadt organisiert hatte und sie auch vor Ort auf höchstsympathische Art betreute.

Das Sprachniveau der Schüler*innen war überraschend gut – kein Wunder, dass einige von ihnen Deutsch-Olympioniken* sind. Unter den älteren Teilnehmer*innen war die Aufgeschlossenheit naturgemäß größer als bei den jüngeren, die mir anfangs mit Zurückhaltung begegneten. Die Schüchternheit legte sich aber im Lauf der Veranstaltung, sodass wir späterhin rege diskutierten und die Schüler*innen aller Art Fragen stellten. Ich bin mir sicher, dass wir uns im kommenden Frühjahr – die Fortsetzung der Werkstatt ist für März 2020 geplant – ganz ohne Anfangsschüchternheit wiedertreffen werden, um uns dann schreibend der Stadt, ihren besonderen Orten und ihrer Geräuschkulisse zuzuwenden.
 
Meine Textaufgaben bestanden im Wesentlichen aus Gedichten nach „contraintes“, „Regelzwängen“ à la Oulipo und dazu passenden Lektüren solcher beispielhaften Gedichte, die ich in die Werkstatt einbrachte. Damit habe ich mit den Teilnehmer*innen ein ähnliches Werkstatt-Modell erprobt wie mit den Studierenden meiner bisherigen Werkstätten. Die Schüler*innen hatten aufgrund der Zweitsprache eine zusätzliche Schwierigkeit beim Schreiben zu überwinden. Um den Teilnehmenden die Angst vor dem Fehlermachen zu nehmen, lasen wir einleitend zusammen Ernst Jandls Gedicht „von einen sprachen“. Dann entstand die erste Collage aus Gedichten Christine Lavants. Daraufhin bat ich darum, ein Gedicht aus quasi-poetologischer Perspektive zu schreiben. Dies sollte unter Anwendung des Konjunktivs und mithilfe einer zu wiederholenden Wendung nach dem Vorbild eines gemeinsam gelesenen Gedichtes von Helga M. Novak geschehen. In späteren Stunden schrieben wir Bildgedichte, Akronym-Porträts aus Namen, füllten lückenhafte Gedichte auf, ergänzten Textschnipsel und bastelten „Janzungen“ (gemeint sind Texte nach Textbauprinzipien Angelika Janz‘), um uns schließlich an einer Pastiorschen Vokalise die Zähne auszubeißen.
 
In meiner Werkstatt-Anlage folge ich Alfred Liedes Buchtitel „Dichtung als Spiel“ und fürchte mich nicht vor Unsinn. So besteht mein Ansatz wesentlich aus verschiedenartigem Spielen mit Sprache – stets vor dem Hintergrund des Gedankens, dass „Inspiration“ durch bestimmte Textherstellungsmanöver – also künstliche, jeweils stark formgebundene Schreibanlässe – befördert werden kann und dass sich beim experimentellen Durchführen solcher Verfahren wie von alleine Textideen einstellen, die zu Gedichten führen können, was paradoxerweise durch die spontane Abweichung von einer vorgegebenen Regel geschieht. Für Werkstätten, in denen man unter Beobachtung und im Klassenverband kaum den authentischen Schreibakt simulieren kann, scheinen sich solcherart Aufgaben besonders gut zu eignen. Nolens volens bringt das so geartete Gesellschaftsspiel Persönliches zutage, da es trotz Formstrenge und Kalkül im Unterbewussten schürft. Man braucht die Schüler*innen darum m.E. nicht explizit zu den im gemeinen Deutschunterricht gern verteilten Aufgaben der Erfahrungsschreiberei anzuleiten, da das Schreiben nach Regeln in vielerlei Hinsicht ein Art Hebammenwirkung hat.
 
Als Nebeneffekt eröffnet derart „reguliertes“ Schreiben einen leicht enthöhten, angstfreien Blick auf die Literatur, da es sie aus der Perspektive der Werkstatt zu beleuchten versucht. Die im Rahmen meiner Veranstaltungen zurate gezogenen Fremdtexte werden vor diesem Hintergrund deshalb auf ihre Machart hin gelesen und stets nach einer solchen befragt. Besonders interessant erscheinen dabei solche Texte, die über ein poetologisches Begleitprogramm verfügen und den Schüler*innen dadurch Auskunft über die in einem Text angewandten Tricks und Kniffe geben können (vgl. Roussels Verfahren). 
 
Dass bei solcher Art riskantem Vorgehen vielleicht kein einziges gutes Gedicht entsteht oder allenfalls Keimlinge von späteren Gedichten mit unbestimmbarer Inkubationsphase, ist nicht wesentlich. Was für mich zählt, ist das Sprachdenken und seinen Fokus zu schärfen und Schüler*innen nebenbei ein nützliches Vokabelwerkzeug an die Hand zu geben, da contrainte-basiertes Schreiben kaum anders als unter Benutzung von Wörterbüchern praktiziert werden kann. 

* In Polen werden seit Jahrzehnten sog. „Olympiaden“ in sämtlichen Fächern für Schüler*innen veranstaltet, Fächer-übergreifende Wettkämpfe des Wissens, deren Höchstplatzierte großes Ansehen genießen.
Am 22.11.2019 besuchte die polnische Projektgruppe Weltenschreiber das Goethe-Institut in Warschau.
Während des Besuchs konnten die TN der Projektgruppe die Installation „VRwandlung“ sehen. In der „VRwandlung“, die auf der Erzählung von Franz Kafka basiert, kann man dank VR-Technologie als riesenhaftes Insekt in einem originalgetreu rekonstruierten Zimmer erwachen. Dieses Erlebnis beeindruckte alle!

Danach fand ein Treffen mit Jugendlichen aus Deutschland statt, die über das alltägliche Leben der Jugendlichen und Studium in Deutschland erzählten und Fragen der Schülerinnen und Schüler beantworteten. Im nächsten Teil des Treffens lernten wir uns besser kennen.

Frau Karin Ende, Leiterin der Spracharbeit stellte das Goethe-Institut im Rahmen eines kurzen Workshops vor und kam ins Gespräch mit der Gruppe über das Image von Deutsch in Polen und über Deutschland. Anschließend gab es Sprachspiele, in denen die Kreativität gefragt wurde. Schnell wurden Sprachhemmungen überwunden und es wurde viel gelacht.

Ewa Dorota Ostaszewska

Was mich am Weltenschreiber-Projekt interessiert

Maria Michalak (lehrerin)

„Ich bin sehr zufrieden, dass unsere Schüler an diesem Projekt teilnehmen und ihre Interessen entwickeln können. Kreatives Schreiben bereitet sowohl Schülern als auch Lehrern Schwierigkeiten. Es freut mich immer, etwas Neues zu lernen, meine Kompetenzen zu erweitern. Dieses Projekt wird mir ermöglichen, den Schreibunterricht aus einer anderen Perspektive zu betrachten.“

Agnieszka Świca (LEHRERIN)

„Eine neue Herausforderung, die mir auch ermöglicht, mich in einem neuen Bereich zu entwickeln.“ 

Teilnehmer*innen

„Ich möchte deutsche Kultur besser kennenlernen.“
Angelika Kołodziej, 18 Jahre

„Ich möchte meine Deutschkentnisse vertiefen, kreativer schreiben, Spaß mit den anderen haben.”
Jan Sarzała, 17 Jahre

„Ich stehe auf dem Standpunkt, dass dieses Projekt mir die Möglichkeit geben wird, sowohl  meine literarischen Fähigkeiten als auch meine Sprache zu entwickeln und zu bereichern.“
Liliana Klim, 17 Jahre

„Ich nehme am Weltenschreiberprojekt teil, weil ich mein Deutsch trainieren möchte. Ich mag schreiben, also dieses Projekt ist eine Chance, um Hobby mit Lernen zu verbinden.“
Maja Gołębiowska, 15 Jahre 

„Ich entfalte meine Kreativität  gern und ich möchte Kontakt zu Deutschen haben.“
Martyna Kaźmierczak, 16 Jahre

„Ich suche immer nach neuen Herausforderungen, um ständig neue Erfahrungen zu gewinnen. Außerdem gibt mir Weltenschreiberprojekt auch die Möglichkeit, meine Deutschkenntnisse zu verbessern und die Sprache in einem anderen Kontekst zu nutzen.“
Martyna Wojniłłowicz, 17 Jahre

„Ich möchte besser in Deutsch werden und deutsche Kultur kennenlernen.“
Mikołaj Sowa, 15 Jahre

„Ich möchte meine Ansichten erweitern, Kreativität entwickeln und viel Spaß beim Schreiben haben. Ich mag Herausforderungen.”
Olga Chlebna, 17 Jahre

„Ich nehme am Weltenschreiberprojekt teil, weil ich meine Deutschkenntnisse und Kreativität verbessern möchte.“
Weronika Szukalska, 17 Jahre 

 

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