Barbara Wattendorf über Tbilissi „Radfahren ist etwas für Selbstmörder“

Das Leben in Tbilissi: genauso bunt wie die Häuser der Altstadt
Das Leben in Tbilissi: genauso bunt wie die Häuser der Altstadt | Foto: Georgia Insight

In Tbilissi sind alle gelassen – bis auf die Autofahrer, sagt Barbara Wattendorf. Im Interview erzählt die Goethe-Mitarbeiterin vom neuen Trend Guerilla-Gardening, einem Marionettentheater für Erwachsene und dem Hermann-Hesse-Faible der Tbilisser.
 

Stimmt es eigentlich, dass Taxifahrer in Tbilissi beschleunigen, wenn man als Fußgänger beim Überqueren der Straße in ihr Blickfeld gerät?

Wattendorf: Das hört sich eher wie eine böse Unterstellung an. Ganz so schlimm ist es auch nicht, da muss ich die Taxifahrer von Tbilissi in Schutz nehmen. Aber ein wahrer Kern verbirgt sich schon dahinter: Der Straßenverkehr in Tbilissi ist ziemlich rüde. Autofahrer nehmen wenig Rücksicht auf Fußgänger. Noch schlechter dran sind aber alle, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Denn die Straßen sind häufig schmal, und es gibt keine Fahrradwege. Radfahren ist in Tbilissi etwas für Selbstmörder.

So gesittet geht es im Tbilisser Straßenverkehr nicht immer zu: die renovierte Aghmashenebeli Straße So gesittet geht es im Tbilisser Straßenverkehr nicht immer zu: die renovierte Aghmashenebeli Straße | Foto: Georgia Insight Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Tbilissi?

Tbilissi ist eine sehr lebendige, manchmal auch laute Stadt. Mein Lieblingsort ist darum der wunderschön angelegte Botanische Garten: einer der wenigen Orte in der Stadt, wo man viel Ruhe hat, wo es keine Autos gibt und man noch atmen kann. Häufig gehe ich dort mit meinen beiden Töchtern spazieren. Wir genießen dann die Natur und die gute Luft. Eine echte Erholungsinsel mitten in Tbilissi.

Was bewegt die Menschen in Tbilissi derzeit am meisten?

Die Menschen in Tbilissi haben damit begonnen, für eine grünere Stadt zu kämpfen: Guerilla Gardening ist hier ein großes Thema. Die Menschen setzen sich dafür ein, dass Grünflächen nicht mehr für Bauvorhaben geopfert werden. Eine ganz tolle Initiative, die zeigt, dass es in Tbilissi inzwischen eine sehr aktive Zivilgesellschaft gibt. Ein weiteres Thema, das gerade viele beschäftigt, ist Gewalt gegen Frauen. Dazu muss man wissen, dass es in Georgien häufig noch sehr traditionelle familiäre Strukturen gibt, gerade auf dem Land. Fälle von häuslicher Gewalt gegen Frauen wurden lange Zeit schlicht nicht thematisiert. Das ändert sich jetzt: Vor allem junge Frauen haben angefangen, solche Fälle öffentlich zu machen, sich zusammenzuschließen und dagegen zu protestieren – auf der Straße genauso wie in den Sozialen Medien.

Berühmt für die heißen Quellen: orientalische Schwefelbäder in Tbilissi Berühmt für die heißen Quellen: orientalische Schwefelbäder in Tbilissi | Foto: Georgia Insight Welches kulturelle Highlight sollten Tbilissi-Besucher auf keinen Fall verpassen?

Das Marionettentheater von Rezo Gabriadze. Rezo Gabriadze ist ein wundervoller georgischer Theatermacher, der fantastisches Puppentheater für Erwachsene auf die Bühne bringt. Seine Stücke sind tiefsinnig und philosophisch – und gleichzeitig voller Kreativität und Witz. Ein Highlight, wie ich es auf diese Art und Weise bisher nur in Tbilissi gesehen habe.

Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut?

Zu unseren Kulturveranstaltungen kommen viele junge, kreative Leute aus der Tbilisser Kunst- und Kulturszene. Für sie ist das Goethe-Institut mit den Jahren ein wichtiger Bezugspunkt geworden. Bei den Sprachkursteilnehmern gibt es eine interessante Entwicklung: Unsere Kinder- und Jugendkurse werden immer besser besucht. Mit diesem Angebot haben wir offensichtlich einen Nerv getroffen, der mit der Bildungsbeflissenheit der Georgier zu tun hat: Eltern haben ein ganz großes Interesse daran, ihren Kindern möglichst viele Bildungschancen zu eröffnen. Dazu gehört auf jeden Fall, dass man mehrere Fremdsprachen beherrscht.

Welche Frage zu Deutschland hören Sie besonders oft?

Vielsprachige Bibliothekarin: Goethe-Mitarbeiterin Barbara Wattendorf Vielsprachige Bibliothekarin: Goethe-Mitarbeiterin Barbara Wattendorf | Foto: Gocha Nemsadze Am häufigsten werden wir nach Studien- und Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland gefragt: Aufgrund der wirtschaftlichen Situation in Georgien gibt es viele Leute, die im Ausland nach Arbeit suchen. Deutschland ist da sehr beliebt. Zu uns kommen beispielsweise Krankenschwestern und Ärzte, die bereits eine Stelle in Deutschland gefunden haben und jetzt am Goethe-Institut die notwendigen Deutschkenntnisse erwerben wollen.

Welches deutsche Buch kennt man in Georgien?

Bekannt sind vor allem die Klassiker: Goethe oder Thomas Mann sind den Lesern in Georgien natürlich ein Begriff. Überrascht hat mich, dass die Georgier Hermann-Hesse-Fans sind – seine Bücher werden hier viel gelesen und sehr geliebt. Außerdem gibt es ein großes Interesse an hochwertiger Kinder- und Jugendliteratur – da wird hoffentlich in Zukunft noch mehr übersetzt.

Welches georgische Buch sollten wir unbedingt kennen?

Ich würde gern den auf Deutsch geschriebenen Roman einer jungen georgischen Autorin empfehlen: Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili. Eine Familiengeschichte auf tausend Seiten, in der sich die georgische und sowjetische Geschichte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart spiegelt. Für alle, die mehr über Georgien erfahren möchten, ist das ein wirklich lesenswertes Buch.

Auf ein Glas georgischen Wein: Gastfreundschaft wird in Tbilissi groß geschrieben Auf ein Glas georgischen Wein: Gastfreundschaft wird in Tbilissi groß geschrieben | Foto: Georgia Insight Was können wir von den Menschen in Tbilissi lernen?

Gastfreundschaft und Gelassenheit sind zwei Eigenschaften, die man sich bei den Menschen in Tbilissi abschauen kann: Man pflegt hier in der Stadt einen entspannten Umgang mit der Zeit. Gästen – und Fremden generell – begegnet man hier mit einer großen Freundlichkeit und Offenheit. Das zeigt auch eine bemerkenswerte georgische Redewendung: „Deine Sorgen sollen meine sein.“ Diesen Satz hört man in vielen Alltagssituationen – selbst von Taxifahrern!

Die Fragen stellte Michael Heinst
 

Barbara Wattendorf, gebürtige Hessin, wollte eigentlich Tierärztin werden, studierte dann aber Osteuropäische Geschichte, Russisch und Russische Literatur in Gießen. Am Goethe-Institut Georgien unterrichtete die heute 44-jährige Mutter zunächst Deutsch und übernahm 2008 die Leitung des Bereichs Information und Bibliothek. Zusammen mit ihrem Mann und den beiden Töchtern wohnt sie im Zentrum von Tbilissi – ein wahrlich vielsprachiges Zuhause: Mit ihren Kindern spricht sie Deutsch, mit ihrem Mann Englisch und Georgisch und mit der Kinderfrau Russisch.