Schwarzwald Jenseits der Kuckucksuhr

Die Werkstatt von Dietmar Mechsner in Bernau Hella Klauser
Die Werkstatt von Dietmar Mechsner in Bernau | Foto: Dietmar Mechsner
Foto: Michael Heinst

Was wäre der Schwarzwald ohne seine Klischees? Richtig: Allerhand! Holzhandwerk, das selbst japanische Künstler staunen lässt, Jazzgitarren und radelnde Philosophen zum Beispiel. Ein Reisetipp. Von Hella Klauser

Wer sich nach wie vor von Bollenhüten, Kirschtorte, viel Natur und vielleicht noch Hans Thoma und Martin Heidegger leiten lässt, wenn er an den Schwarzwald denkt, ist zu bedauern. Drechsler Ortlieb beispielsweise hat es immerhin ins MoMa nach New York geschafft, die innovativen Produkte von designimdorf finden sich in ausgewählten Geschäften in den Metropolen der Welt.

Ich gebe es zu: Ich bin für gutes Handwerk empfänglich. Womöglich ist es ein Überbleibsel aus den Besuchen bei Handwerkern in Japan, dort, wo die Dinge mit Händen gemacht werden, wo es die Sensei, die Lehrer gibt. Große Freude kommt auf, wenn Vergleichbares in einer alten Werkstatt im Schwarzwald entsteht. Japanische Holzkünstler, die ich mitgenommen hatte in den Schwarzwald, waren begeistert, dort einen Meister zu treffen.

Auf und auf bergab: Ein lenkbarer Hörnerschlitten Schwarzwälder Art Auf und auf bergab: Ein lenkbarer Hörnerschlitten Schwarzwälder Art | Foto: Dietmar Mechsner Die Maschinen sind von 1950, aus der Werkstatt des Vaters. Heute aber wird mit einer anderen Technik gearbeitet: Die großen Schalen werden aus dem Holz als ein Rohling gedreht, dickwandig. Erst dann setzt der Trocknungsprozess ein, in dem sich das Holz leicht verzieht. Nach einem Jahr wird die Arbeit fortgesetzt und die Schalen bis zu einer Wandstärke von drei oder vier Millimetern hinunter gedreht, Einschlüsse werden sichtbar. Mir gefällt das, gerade jetzt, wo sich so vieles im Netz aufzulösen scheint – Information muss sich auch anfassen lassen, muss auch konkret sein.

Wie die Lederjacke, die mit einem großen Stein oben an der hohen Fichte hängt auf dem Leder Tschobenstein. Jetzt versteht natürlich auch die Norddeutsche, was ein „Tschoben“ ist: Angewandter Deutschunterricht im Schwarzwald. Der rennradelnde Philosoph Peter Sloterdijk hat sich nicht den „Ledertschobenstein“ als Ziel seiner Rennstrecke auserkoren, sondern den Belchen nebenan, das sind immerhin 1.700 Höhenmeter.

Zurück ins Dorf. Unter den schweren Dächern der Höfe entstehen Jazzgitarren. Etwas weiter die Straße hinunter liegt die kleine Werkstatt von Dietmar Mechsner. Er baut lenkbare Hörnerschlitten. Konstruktionen interessieren ihn, Verbindungen und minimaler Materialeinsatz. In der Ecke steht ein riesiger Bollerofen und Material für einen Workshop: Etwas mit den Händen machen. Die Lehrlinge eines großen Heizungs- und Lüftungsunternehmens waren da. Er war mit ihnen Drachenfliegen: Wenn sie mit Luft arbeiten, dann müssen sie verstehen, wie Luft funktioniert! Das letzte Mal sind dann Windräder entstanden.

„Seit ich begonnen habe zu schreiben, schwebt mir ein Buch vor das zeigen soll, Wahrheit ist nicht eine Eigenschaft von Sätzen, sondern von Sommertagen“, schreibt Sloterdijk. Richtig. Wahrheit ist eine Stimmung. So ungefähr verstehe ich eine Bibliothek: eine Stimmung, in der Neues entstehen kann, in der eine Begegnung möglich ist, in der ich lerne. Ich empfehle Bernau im Schwarzwald.
 

Hella Klauser, 55, ist seit Oktober 2013 Leiterin des Bereichs Bibliotheken in der Zentrale des Goethe-Instituts in München. Egal, ob aus Tokyo, Paris, Berlin oder München, wo sie der bibliothekarische Arbeitsalltag hinführte, leiten sie die Wege immer wieder nach Bernau im Schwarzwald.