Kuratorin Schafroth im Interview „Eine Hommage an den Maghreb“

Schienenstrang am Golf von Tunis, Louis Moilliet, Ölfarbe auf Leinwand
Schienenstrang am Golf von Tunis, Louis Moilliet, Ölfarbe auf Leinwand |

1914 machten sich Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet auf den Weg nach Tunis. Die Reise zählt zu den großen Mythen der europäischen Kunstgeschichte. 100 Jahre später sind nun einige der Werke am Ort der Inspiration zu sehen. Kuratorin Anna M. Schafroth erzählt im Interview, wie es dazu kam.

Seit Ende November sind im Bardo-Museum in Tunis erstmals Originale der Tunis-Reise von Louis Moilliet, Paul Klee und August Macke vor 100 Jahren zu sehen. Was genau erwartet die Besucher der Ausstellung?

Schafroth: Die Ausstellung befindet sich im alten Teil des Bardo-Museums im ehemaligen, heute mit römischen Mosaiken ausgestatteten Festsaal des Beys, also des osmanischen Statthalters. Beim Eintreten in den Saal sieht man zuerst eine zeitgenössische Fotografie einer Straße in der Altstadt von Tunis. Ich würde empfehlen, dann zuerst den Außenbereich der Ausstellung zu begehen, wo die Zusammenhänge der Reise dargestellt werden – etwa durch Landkarten oder durch die Biografien der drei Künstler. Auch zehn Fotos aus dem Album von August Macke sind hier ausgestellt. Die eigentliche Ausstellung zeigt dann Zeichnungen von Macke, Klee und Moilliet, Aquarelle, überwiegend von Louis Moilliet, und ein tolles Ölgemälde von Macke, den Türkischen Schmuckhändler. Außerdem zeigen wir Ölgemälde und Aquarelle von vorhergehenden und späteren Aufenthalten und Reisen Louis Moilliets, die ihn 1921 auch bis Marokko führten. Der Besucher, die Besucherin bekommen so auch eine Hommage an den Maghreb zu sehen. Die Ausstellung behandelt nicht lehrbuchmäßig die Tunis-Reise, sondern geht weit darüber hinaus.

Wie kam es denn überhaupt dazu, dass sich die drei Künstler 1914 gemeinsam auf die Reise nach Tunesien machten?

Türkischer Schmuckhändler, August Macke Türkischer Schmuckhändler, August Macke | Foto: Leopold-Hoesch-Museum Düren (Peter Hinschläger) Im weitesten Sinn ist die Reise noch in die Künstlerreisen des 19. Jahrhunderts zum Thema Orientalismus einzuordnen. Louis Moilliet war vorher schon öfter in Tunis gewesen, weil sich ein befreundetes Arztehepaar dort niedergelassen hatte. Er, der unbekannteste der drei Künstler, stand im Zentrum dieser Künstlerreise. Über ihn lernten sich Klee, ein alter Schulfreund aus Berner Zeiten, und Macke, mit dem Moilliet seit ein paar Jahren eng befreundet war, erst kennen. Klee hatte schon längere Zeit mit Moilliet nach Tunis reisen wollen. Macke und Moilliet waren 1913/14 zudem Nachbarn am Thunersee und arbeiteten teilweise zusammen. So konnte Macke in die Reisepläne involviert werden. Eine wichtige Rolle spielte die große Ausstellung in München zur „muhammedanischen Kunst“ im Jahr 1910, die vor allem Macke beeindruckt hatte.

Was haben die drei auf der Reise erlebt?

Am Anfang war alles recht europäisch. Nach der Überfahrt von Marseille nach Tunis wurden die Künstler dort durch die Schweizer Arztfamilie Jäggi empfangen – in der französischen Neustadt. Von dort haben sie sich dann erst Schritt für Schritt in den Orient begeben, schon mal einen Blick in die Medina gewagt, die arabische Altstadt. Sie haben Spaziergänge unternommen, sind mit dem Auto in die Umgebung von Tunis gefahren, haben gezeichnet, aquarelliert, geschnuppert und das Leben auf der Straße untersucht. Wesentlich sollte der viertägige Aufenthalt über Ostern 1914 in der von Jäggis gemieteten Strandvilla in St. Germain, einem von den Franzosen am Golf von Tunis angelegten Ort, werden. Von dort aus ging es weiter nach Sidi Bou Saïd und schlussendlich mit dem Zug Richtung Hammamet und Kairouan, einer Stadt, die bis 1881 für nicht-muslimische Menschen verschlossen war. Dort beeindruckte sie besonders die mittelalterliche arabische Stadtanlage, was sich in wunderbaren Aquarellen bei den drei Künstlern bemerkbar machte.

Sind viele Bilder auf der Reise entstanden?

Ja, das ist ganz erstaunlich, die gemeinsame Reise dauerte ja nur knapp zwei Wochen. Von Macke gibt es aus dieser Zeit über 70 Zeichnungen und Aquarelle. Bei Klee sind es um die 35 wirklich bedeutende Werke und Skizzen. Für Moilliet dagegen stand die Arbeit während der gemeinsamen Reise nicht so sehr im Vordergrund, er hat bereits vorher und später noch viel in Tunesien gearbeitet. Macke bearbeitete das Thema noch intensiv weiter, fiel aber am 26. September als Soldat im Ersten Weltkrieg. Insbesondere Klee hat dann bis 1924 einige Werke nachbearbeitet. Seine Tagebuchtexte, die er 1920/21 gründlich im Sinn einer Autobiografie überarbeitete, geben zur Tunisreise detailliert Auskunft.

Wie kam es denn überhaupt zu dieser Ausstellung?

Kuratorin Schafroth: „Für mich ist die Arbeit für dieses Projekt eine große Bereicherung“ Kuratorin Schafroth: „Für mich ist die Arbeit für dieses Projekt eine große Bereicherung“ | Foto: Berit Brandt Ich selbst bin schon seit 20 Jahren immer wieder in Tunesien auf den Spuren der drei Künstler unterwegs gewesen und habe mich schon lange mit dem Gedanken beschäftigt, was man zum 100. Jubiläum der Reise machen könnte. Für die große Ausstellung zur Tunisreise im Zentrum Paul Klee in Bern bearbeitete ich den Bereich zu Louis Moilliet. Als im März 2014 dann die Anfrage vom Goethe-Institut in Tunesien kam, konnte ich trotz der extrem kurzen Vorbereitungszeit sofort zusagen. Das Schwierigste war, genügend Leihgaben zu organisieren. Viele Werke waren von März bis Juni bereits in Bern ausgestellt und einige schon für andere Ausstellungen zugesagt. Gerade Aquarelle sollten zudem aus konservatorischen Gründen nach einer Ausstellung erstmal für einige Zeit ins Dunkle. Ich musste zum Teil große Anstrengungen unternehmen, um die Besitzer der Werke zu überzeugen, diese Premiere mit ihren Leihgaben zu unterstützen: Es gab noch nie eine solche Ausstellung in Tunesien.

Wo sind denn die Bilder normalerweise?

In verschiedenen Museen in Deutschland und der Schweiz; viele Bilder sind aber auch in Privatbesitz. Mit sehr viel Hartnäckigkeit, Unterstützung aus dem Kollegenkreis und etwas Glück ist es uns gelungen, die Leihgeber zu überzeugen, diese Kostbarkeiten auszuleihen. Am Ende hatte ich 85 Werke angefragt und konnte schließlich 32 ausstellen. In der von mir entworfenen Konstruktion gab es Platz für etwa 38 Werke. Zahlenmäßig ist Moilliet, der sich während 21 Jahren immer wieder in Tunesien aufhielt, am stärksten vertreten.

In Deutschland gehören die meisten Werke zum Kanon – wie verhält sich das in Tunesien? Sind die Künstler auch sonst dort präsent?

Es gibt zwei kunsthistorische Publikationen, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Tunesien erschienen sind. Aber sonst kennt man die Werke dort eigentlich kaum. Den Tunesiern ist erst jetzt mit dem Jubiläum bewusst geworden, dass ihr Land vor 100 Jahren eine kunsthistorisch bedeutende Rolle gespielt hat.

Wie kommt die Ausstellung in Tunesien an?

Rote und gelbe Häuser in Tunis, Paul Klee Rote und gelbe Häuser in Tunis, Paul Klee | Foto: Zentrum Paul Klee, Bildarchiv Die Ausstellung ist gut besucht, die Menschen sind sehr berührt. Wie ich hörte, fahren sie von weit her, auch aus dem Süden, nach Tunis. In der Presse wird die Ausstellung gewürdigt, teilweise sogar direkt dazu aufgerufen, ins Bardo-Museum zu gehen. Besonders interessant finde ich, wie die Leute auf Originale reagieren. Ihnen fällt auf, wie still, ruhig und zurückhaltend diese Bilder sind – ein Kontrapunkt zur digitalen Bildergegenwart. Tunesien hat eine lebendige Kunstszene mit moderner Kunst, aber eine kunsthistorische Ausstellung mit Werken der europäischen Klassischen Moderne ist eine Besonderheit und im berühmten archäologischen Bardo-Museum sowieso eine Premiere. Das erregt große Aufmerksamkeit, in dem Sinne hat das Goethe-Institut wirklich etwas kulturpolitisch Wichtiges erreicht.

Was nehmen Sie selbst von der Arbeit an der Ausstellung mit?

Für mich ist die Arbeit für dieses Projekt eine große Bereicherung, und ich empfinde eine große Genugtuung, dass es gelungen ist – was auch der guten Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, dem Direktor des Bardo-Museums, Moncef Ben Moussa, der deutschen und der Schweizer Botschaft und dem tunesischen Kulturministerium zu verdanken ist. Außerdem ist aber auch eine Idee weitergereift, die ich schon seit vielen Jahren mit mir herumtrage: Ich möchte das Haus in St. Germain, in dem die Künstler Ostern 1914 verbracht haben, zu einer Art Stiftung umwandeln, wo sich Künstler aufhalten und Veranstaltungen stattfinden können. Ich bin schon lange mit den Besitzern dieses Hauses in Kontakt. Möglicherweise hat die Ausstellung nun den entscheidenden Anstoß gegeben, um dieses längerfristige Projekt umzusetzen.

Die Fragen stellte Anne Kilgus
 

Anna M. Schafroth ist Kunsthistorikerin und Ausstellungskuratorin. Eine rege Vortragstätigkeit im In- und Ausland und Forschungsarbeiten begleiten ihre Haupttätigkeit als freischaffende Ausstellungskuratorin mit dem Schwerpunkt Klassische Moderne. Von 2004 bis 2006 war sie in dessen Aufbauphase am Zentrum Paul Klee in Bern tätig. Seit 1994 hielt sie sich für Recherchen zur Tunisreise 1914 der drei Künstler Klee, Macke und Moilliet öfter in Tunesien auf. Die Ausstellung Klee Macke Moilliet – Tunis 2014 ist noch bis zum 14. Februar im Bardo-Museum in Tunis zu sehen. Weitere Informationen finden sich auf der Website des Goethe-Instituts Tunis.