Johanna Wand über Neapel „Die Neapolitaner sind nicht so schnell beleidigt“

Sieht friedlich aus, kann aber auch anders: Neapel vor dem Vesuv
Sieht friedlich aus, kann aber auch anders: Neapel vor dem Vesuv | Foto: Johanna Wand

Die Neapolitaner legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage, sagt Johanna Wand. Im Interview erzählt die Goethe-Mitarbeiterin, warum es wichtig ist, dass sich einmal im Jahr das Blut des Stadtheiligen verflüssigt und warum sie mit Johann Wolfgang von Goethe den Weg zur Arbeit teilt.

 

Stimmt es eigentlich, dass man als Fußgänger in Neapel aufpassen muss, dass einem die Rollerfahrer nicht auf den Hinterkopf klapsen?

Wand: In Neapel gibt es manchmal gar keine Bürgersteige, sodass sich Fußgänger, Roller und Autos oft nicht ausweichen können. Manche Kindergangs, wie ich sie nennen würde, machen sich daher einen Spaß daraus, Passanten einen Klaps auf den Hinterkopf zu versetzen, aber die Regel ist das zum Glück nicht.

Was hat Sie in Neapel am meisten überrascht?

Das Meer. Die Stadt ist so dicht bebaut, dass man das Meer nirgends richtig wahrnimmt. Wenn man aber von einem erhöhten Punkt wie dem Castel Sant’Elmo auf die Stadt hinabsieht, ist es eine echte Offenbarung, auf den Golf von Neapel zu schauen. Das ist wie ein Blick ins Paradies.

Geschichte zum Anfassen: Neapel erstreckt sich unterirdisch kilometerweit Geschichte zum Anfassen: Neapel erstreckt sich unterirdisch kilometerweit | Foto: Johanna Wand Wofür ist Neapel zu Unrecht nicht berühmt?

Alles ist zum Anfassen da. Das antike Amphitheater zum Beispiel nimmt man im Stadtbild kaum wahr. Nur in den Hinterhöfen einiger Paläste kann man seine Überreste entdecken. Sie wurden einfach in die Häuserstrukturen einbezogen. Mir gefällt, wie sich hier Vergangenes mit Neuem verbindet und wie man dem Vergangenen neue Funktionen gibt.

Apropos Architektur. Wo residiert denn das Goethe-Institut in Neapel?

Das Goethe-Institut Neapel ist seit zweieinhalb Jahren in einem ganz besonderen Stadthaus untergebracht, dem Palazzo Sessa. Hier lebte Ende des 18. Jahrhunderts der englische Botschafter William Hamilton mit seiner Frau Emma. Als Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Italienreise in Neapel Station machte, lud das illustre Paar den Dichter mehrfach zu sich ein. Wenn ich morgens über unsere große Treppe ins Institut komme, dann stelle ich mir immer vor, wie schon Goethe diese Treppe erklommen hat.

Welches Vorurteil über die Neapolitaner sollte man ganz schnell wieder vergessen?

Die Neapolitaner sind längst nicht so chaotisch wie ihr Ruf.

Kam für ein Praktikum nach Neapel und blieb: Goethe-Mitarbeiterin Johanna Wand Kam für ein Praktikum nach Neapel und blieb: Goethe-Mitarbeiterin Johanna Wand | Foto: Privat Was bewegt die Neapolitaner derzeit am meisten?

Dauerthema ist die wirtschaftliche Situation, ein gesamtitalienisches Problem. Neapel ist der größte städtische Ballungsraum in Süditalien mit großen Infrastruktur-Problemen. Es gibt hier praktisch keine Industrie und einen zunehmenden Mangel an Gewerbe. Die Arbeitslosenquote liegt bei 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist sogar fast doppelt so hoch. Auf der anderen Seite lebt ein Drittel der Neapolitaner sehr gut vom Immobilienbesitz oder anderen Kapitalanlagen. Das Wegbrechen der Mittelschicht führt zu einem großen sozialen Ungleichgewicht, das man in der Gesellschaft spürt.

Welches kulturelle Highlight sollten Neapel-Besucher auf keinen Fall verpassen?

Wenn man es zeitlich einrichten kann, sollte man das internationale Theaterfestival Napoli Teatro Festival Italia gesehen haben, das jedes Jahr im Juni stattfindet. Außerdem den internationalen Comicsalon, mit dem das Goethe-Institut seit neun Jahren zusammenarbeitet und der jährlich Ende April veranstaltet wird. Seit 1995 ist die Altstadt Neapels UNESCO-Weltkulturerbe. Aber auch die Umgebung der Stadt, der Golf von Neapel, die antiken Stätten, sind sehr sehenswert.

Seit 1995 UNESCO-Weltkulturerbe: die barocken Palazzi der Altstadt Neapels Seit 1995 UNESCO-Weltkulturerbe: die barocken Palazzi der Altstadt Neapels | Foto: Johanna Wand Eine Frage des Anstandes: Was sollte man in Neapel auf gar keinen Fall tun?

Der Stadt mit Vorurteilen begegnen, etwa zur neapolitanischen Mafia, der Camorra. Ich sage es mit den Worten von Papst Franziskus: „Man sollte auf gar keinen Fall Mütter oder Schwestern beleidigen, denn dann könnte man Ärger bekommen.“ Aber die Neapolitaner sind zum Glück nicht so schnell beleidigt. Sie legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Nicht zu Unrecht sind sie berühmt für ihre Sorglosigkeit, ihre Spontaneität und ihren Hang zum Sich-Arrangieren.

Talisman zum Verschenken: „Cornos“ sollen vor Unglück schützen Talisman zum Verschenken: „Cornos“ sollen vor Unglück schützen | Foto: Johanna Wand Was unterscheidet die süditalienische von der deutschen Kultur?

Aberglaube und Heiligenkult spielen hier eine große Rolle. Man misst den Heiligen eine ganz besondere Bedeutung zu. Oberster Heiliger und Patron von Neapel ist San Gennaro. Jedes Jahr am 19. September wird sein Patronatsfest mit einer großen Messe gefeiert, in der sich das Blut des Heiligen verflüssigt. Tut es das nicht, wird das als schlimmes Omen für die Stadt gedeutet. Viele glauben, mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen, einem Vulkanausbruch oder einem Erdbeben. Das habe ich in den letzten acht Jahren hier zum Glück aber noch nicht erlebt.

Die Fragen stellte Christina Steenken
 

Johanna Wand, geboren 1976 in Thüringen, studierte in Göttingen Italianistik, Musikwissenschaften und Philologie, ehe sie 2006 nach Neapel ging, um ein Praktikum am Goethe-Institut zu machen. Weil ihr die Stadt sehr gefiel und sie in Deutschland „keine weiteren Pferde anzubinden hatte“, kehrte sie später nach Italien zurück, um am Goethe-Institut Neapel als Sachbearbeiterin des Kulturprogramms zu arbeiten. In ihrer Freizeit besucht Johanna Wand sehr gerne Konzerte. Zuletzt hat sie die Oper „Salome“ von Richard Strauss in Neapels Teatro di San Carlo gesehen.