Fotografierende Sopranistin Im Zeichen der Tomate

Obst und Gemüse posieren für die Fotografin Christine Schäfer
Obst und Gemüse posieren für die Fotografin Christine Schäfer | Foto: Christine Schäfer

In der Kunstgeschichte taucht die Tomate prominent bei Andy Warhol auf: in Gestalt von Campbell’s Dosensuppe. Doch dass Gemüse mehr sein kann als industrielle Essware, zeigt uns Christine Schäfer. Denn die ist nicht nur eine weltbekannte Sopranistin.

Schäfer, von der wenig bekannt ist, dass sie ursprünglich Malerin werden wollte, fotografiert auf sehr eigene Art Rüben, Schoten, Trauben, Knollen und ihr Lieblingssujet: die Tomate. Ihre Ausstellung Nachtschatten ist nun im Goethe-Institut Freiburg erstmals zu sehen. Es ist die stille Revanche eines Nachtschattengewächses gegen die Pop-art, es ist die Wiederentdeckung einer Ästhetik des Nutzbeets und zugleich eine Rebellion gegen das Einheitsgemüse.

Stillleben – Gemalt mit der Kamera Stillleben – Gemalt mit der Kamera | Foto: Christine Schäfer Die Tomate hat eine wechselhafte Geschichte. In Deutschland galt sie lange Zeit als giftig und wurde erst spät zu einem wichtigen Bestandteil unseres Speiseplans. Von der einst großen Sortenvielfalt von über 1000 Tomatensorten sind in der industrialisierten Landwirtschaft nur wenige übrig geblieben. Christine Schäfer setzt jedoch auf die alten, oftmals vergessenen Sorten. Vor vier Jahren begann sie die Früchte, die sie in ihrem Brandenburger Garten anpflanzt, mit einer Plattenkamera zu fotografieren. Im Keller ihres Landhauses experimentierte sie mit Belichtungszeiten von bis zu 15 Minuten.

Schäfers Bilder brauchen Zeit für ihr Entstehen, und sie brauchen Zeit für das Betrachten. „Für ein Foto brauche ich einen ganzen Tag“, sagt Christine Schäfer. „Und zum Abschluss gibt es, wie in der Oper, ein Gruppenbild. Alle dürfen zusammen auf die Bühne.“ Die große Stilsicherheit, mit der Christine Schäfer in ihrem Gesang, den Kern einer Musikperiode trifft, reflektiert sich auch in ihrer Fotografie.

Christine Schäfer in Freiburg: Fachfrau für Operngesang und Gemüse Christine Schäfer in Freiburg: Fachfrau für Operngesang und Gemüse | Foto: Anne Stoll Die auskomponierten Fotografien von starker Farbigkeit sind Stillleben im Stil der alten flämischen und florentinischen Meister. Man erkennt Pieter Claesz wieder und die Caravaggisten des 17. Jahrhunderts wie Vincenzo Campi, Bartolomeo Bimbi, Jan Davids de Heem oder Osias Beert.

Auf den ersten Blick gibt Christine Schäfer ihren Bildern keine symbolische Bedeutungen. Doch meint man, beim genauen Hinsehen, den Trotz zu sehen, sich als Frucht gegen die Widrigkeiten des Brandenburgischen Klimas behauptet zu haben. Und so erzählen Schäfers Bilder doch die Geschichte einer Passion und lassen ahnen, warum die Tomate bis ins späte 19. Jahrhundert „Liebesapfel“, amoris poma, und bis heute in Österreich „Paradeiser“ und „Paradiesapfel“ genannt wird.
 

Christine Schäfer ist Opernsängerin mit regelmäßigen Engagements an der Metropolitan Opera, den Salzburger Festspielen und der Berliner Philharmonie. Sie hat Aufnahmen mit führenden Orchesterleitern eingespielt, Nikolaus Harnoncourt, Claudio Abbado, Simon Rattle und Christian Thielemann. Ihre Ausstellung „Nachtschatten“ ist noch bis zum 10. April im Goethe-Institut Freiburg zu sehen.

Rebellion gegen das Einheitsgemüse: Christine Schäfer hat alte Sorten im Blick Rebellion gegen das Einheitsgemüse: Christine Schäfer hat alte Sorten im Blick | Foto: Christine Schäfer