Alex Rühle im Interview „Die Stadt gehört uns nicht mehr“

„Die gute Stadt ist eine Stadt für alle“: Alex Rühle in seinem Münchner Hinterhof
„Die gute Stadt ist eine Stadt für alle“: Alex Rühle in seinem Münchner Hinterhof | Foto: Lisa Demetz

Manchmal fühlt sich Alex Rühle in der eigenen Stadt fremd. Im Interview verrät der Journalist, der selbst mit seiner Goldgrund Immobilien Organisation Missstände in der Wohnungpolitik aufzeigt, warum man dafür auch mal den Affen machen muss.

Herr Rühle, Sie sind Mitbegründer der Goldgrund Immobilien Organisation. Sagen Sie mal, ist das nicht unüblich, als Feuilleton-Redakteur ins große Immobiliengeschäft einzusteigen?

Warum? Ein zweites Standbein kann in dieser teuren Stadt nie schaden. Nein, im Ernst: Goldgrund ist natürlich nur ein fiktives Unternehmen. Mit ihm wollten wir auf die fehlerhafte Wohnbaupolitik in München aufmerksam machen. Aber eben nicht auf dem herkömmlichen Weg, sondern mit Guerilla-Aktionen – wie Piraten. Du kaperst etwas und bist schon wieder weg, bevor die Polizei kommt. Du überrumpelst die anderen mit einer Aktion, die schön und konstruktiv ist. So haben wir in Affenmasken eine Wohnung renoviert, die die Stadt abreißen wollte.


Aktuell gründet Goldgrund gemeinsam mit anderen Initiativen das Flüchtlingsprojekt „Bellevue di Monaco“. Worum geht es dabei?

Wir wollen Flüchtlinge, die in München ankommen, als Gäste empfangen. In Zukunft werden immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Und jetzt stehen wir vor der Frage, wie wir mit diesen Menschen umgehen. Erst neulich hat die Sozialreferentin im Münchner Stadtrat ein Chart an die Wand geworfen mit den für 2015 erwarteten Flüchtlingszahlen und der Zahl der geplanten Unterbringungsmöglichkeiten. Ab März gehen die beiden Kurven dramatisch auseinander. Die Stadt weiß nicht, was sie machen soll. Das Bellevue die Monaco soll nun die Botschaft vermitteln: Für uns sind diese Flüchtlinge Gäste, um die wir uns kümmern. Das Bellevue soll mitten im Herzen der Stadt entstehen – in der Müllerstraße, dort wo wir auch unsere Guerilla-Aktion gemacht haben. Es soll aber nicht nur eine würdige Flüchtlingsunterkunft sein, sondern auch ein Ort für die Münchner, an dem man sich über so drängende Themen wie Flucht, Migration und Einwanderungsgesellschaft verständigen kann. Es wird dort Räume für kulturelle Aktivitäten geben, eine Kindertagesstätte und eine Schreinerwerkstatt. Schön wäre natürlich auch ein Café, in dem man jeden Tag eine andere Länderküche probieren kann: somalisch, afghanisch ... Und die Leute, die dort arbeiten, bekommen eine Ausbildung.

Sie haben ein halbes Jahr ohne Internet und Smartphone gelebt und gearbeitet. Geht bürgerschaftliches Engagement heute überhaupt noch im Offline-Modus?

Was wir aber mit Goldgrund und dem Bellevue machen, ist zunächst einmal offline. Aber Breitenwirkung haben wir bei Goldgrund beispielsweise durch das Affenmaskenvideo bekommen, das sich natürlich über das Internet verbreitet hat. Das hat geknallt in der Stadt, weil es lustig war und eine Woche Schufterei elegant in drei Minuten gepackt hat. Man muss die Möglichkeiten des Internets geschickt nutzen und mit den Offline-Aktionen kombinieren. Eine Freundin von mir kümmert sich in Ebenhausen um drei syrische Familien. Anfangs hat sie versucht, mit ihnen via Google-Wörterbuch zu kommunizieren. Das Ergebnis: Ihr Gegenüber brach in Tränen aus, als sie auf Syrisch sagte: „Jetzt gehen wir ins Gefängnis.“ Was sie sagen wollte, war: „Jetzt gehen wir zum Gemeindeamt.“ Diese Freundin hat mich dann gefragt, ob ich einen Dolmetscher kenne. Ich habe ihre Frage getwittert, etliche Leute haben das weitergeleitet, und so konnte schnell geholfen werden.

Haben Sie schon Ideen für neue Goldgrund-Aktionen?

Ideen für neue Aktionen hätten wir schon, aber die kann ich natürlich nicht verraten, denn dann sind es ja keine Überraschungen mehr.

Mit Goldgrund haben Sie auf einer Stadtrundfahrt für Spekulanten auf den Immobilienwahn in München aufmerksam gemacht. Wem gehört eine Stadt wie München heutzutage?

Sie sollte uns gehören, den sogenannten Bürgerinnen und Bürgern. Die Stadt sollte ein öffentlicher Raum sein, in dem wir uns begegnen und den wir miteinander gestalten. Aber in Wahrheit gehört sie nicht mehr uns, sondern immer mehr den Investoren. Ich wohne hier in München in der Nähe des Roecklplatzes, da hatte früher die Firma Rodenstock ihren Sitz. Aus dem Firmengelände hätte man viel Tolles machen können. Jetzt wird dort eine Art Appartement-Bunker gebaut, hässlich und monoton. Die Architektur ist so abweisend und in sich geschlossen, dass sie den Effekt einer Gated Community hat. Solche Immobilien werben mit dem besonderen Surrounding und dem Flair, und greifen selbst den Stadtraum ab, ohne etwas zurückzugeben. In der bayerischen Verfassung steht, dass der Gewinn aus der Wertsteigerung von Grund und Boden der Allgemeinheit zukommen muss. Das tut er aber nicht.

Bei „Urban Places – Public Spaces“, einem Projekt des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele, diskutieren Vertreter aus Istanbul, São Paulo, Madrid, New York City, Rotterdam, Johannesburg und München per Live-Schaltung zum Thema Stadt. Sie sitzen in München auf dem Podium. Was erhoffen Sie sich von der Konferenz?

Ziel wäre es natürlich, die Städte so miteinander ins Gespräch zu bringen, dass Überschneidungen sichtbar werden. Es geht ja letzten Endes bei diesen Veranstaltungen um Engagement: Was kann der einzelne tun, damit sich etwas verändert? Alle sind auf ähnliche Art frustriert. Wenn sich in der Bevölkerung Apathie entwickelt nach dem Motto „Ich habe einen Job, und ansonsten gehe ich ab und zu Fußball spielen oder ins Yoga“, ist das fatal. Ich finde es sehr motivierend, wenn man andere sieht, die eigentlich noch viel weniger Entfaltungsmöglichkeiten haben und in einem viel repressiveren System leben und es trotzdem schaffen, sich zu vernetzen.

Sie haben gemeinsam mit zwölf Schriftstellern in der SZ eine Artikelreihe zum Thema „Megacitys – Die Zukunft der Städte“ veröffentlicht. Wenn man die Geschichten aus São Paulo oder Kairo liest, wird einem schon ein bisschen mulmig. Glauben Sie überhaupt an die Zukunft der Städte?

Die Städte werden nicht verschwinden, sie werden immer noch größer werden. Die negativen Entwicklungen sind auf dem Land ja noch krasser: Die Menschen gehen nach Mumbai, weil sie auf dem Land verhungern würden. Die Landwirtschaft wird von Monsanto mit seinem Monopol auf Dünger und Saatgut beherrscht, die einfachen Bauern haben keine Chance mehr. In den Entwicklungsländern gehen die Menschen ja nicht freiwillig in die Städte, weil das chic wäre, sondern weil sie dort noch eine Hoffnung sehen, ihre Familien durchzubringen.

Was wäre also eine gute Stadt?

Die gute Stadt ist eine Stadt für alle, in der sich keine Gruppe ausgeschlossen fühlt. Die Attentate in Paris zum Beispiel sind im Grunde Geschichten des Scheiterns. Für mich ist Terrorismus eine Form der Suche nach Anerkennung. Natürlich kann man diese Vorfälle auch psychologisch erklären, aber wenn man es von der Stadt her erklären möchte, dann sind die Attentäter Ausgeschlossene. Eine Stadt muss versuchen, alle Gruppen mitzunehmen.

Wann wird eine Stadt für Sie selbst zur Heimat?

Ich bin in München geboren und habe in Berlin und Paris gelebt. Das Wichtigste, damit ich mich heimisch fühlen kann, sind Freunde. München ist auf jeden Fall meine Heimat, ich bin hier verwurzelt. Ich bin diese Straße schon mit zwölf Jahren entlang geradelt. Aber es gibt schon Momente, in denen man sich fremd fühlt durch die Gentrifizierung. Immer mehr Geschäfte öffnen, mit denen du nichts anfangen kannst. Eine Stadt ist natürlich immer eine Art Umwälzpumpe, sie muss an Amnesie leiden, sich erneuern. Im Berlin der Neunzigerjahre habe ich mich sehr wohlgefühlt, in einer Stadt, die sich komplett neu erfunden hat. Das hat damals zu meiner Lebenssituation als Student gepasst, wo man sich selbst ja auch neu erfinden muss. Ich könnte mir nie vorstellen, in einer kleineren Stadt zu wohnen, wo es wenig kulturellen Input gibt. Diesen Zufluss an anderem, den finde ich für eine Heimat wichtig.

Die Fragen stellte Lisa Demetz
 
Alex Rühle, geboren 1969 in München, ist seit 2001 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Gemeinsam mit Till Hofmann vom Münchner Lustpielhaus und Christian Ganzer von der Lach- und Schießgesellschaft rief er im Sommer 2012 die Goldgrund Immobilien Organisation ins Leben. Mit einem provokativen Gag, dem Luxus-Bauprojekt L’Arche de Munich auf der Münchner Freiheit, machte der fiktive internationale Premium-Bauträger Schlagzeilen. Aktuell engagiert sich Alex Rühle für das Flüchtlingsprojekt Bellevue di Monaco.