Klaus-Dieter Lehmann zum 75. „Leicht vorpreschend“

Goethe-Präsident Lehmann in seinem Büro: Das Ehrenamt hat er längst zum Hauptamt gemacht
Goethe-Präsident Lehmann in seinem Büro: Das Ehrenamt hat er längst zum Hauptamt gemacht | Foto: Bettina Siegwart

Er hat das Bibliothekswesen umgekrempelt, die Museumsinsel saniert und das Humboldt-Forum erfunden. Seit sieben Jahren lenkt er als Präsident die Geschicke des Goethe-Instituts. Jetzt wird Klaus-Dieter Lehmann 75. Grund genug, auf eine ungewöhnliche und beeindruckende Karriere zurückzublicken.

Beginnen wir, um des schönen Kontrastes willen, mit einer Enthüllung: Klaus-Dieter Lehmann war – Statist. In den späten Fünfzigern war das und an der Oper am Rhein in Düsseldorf. Gewiss, bei der Episode in Lehmanns Biografie, die scheinbar so gar nicht zu ihm passen will, handelte es sich lediglich um einen Schülerjob, aber doch um einen, der angesichts der späteren Karriere schmunzeln lässt, auch Lehmann selbst. Als was wurde der Goethe-Präsident und frühere Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von den Feuilletons nicht schon alles tituliert: „Der Manager“, „der Strippenzieher“, „der Kulturgrande“, „der Moderator“, „der Netzwerker“, „der vernünftige Mensch im deutschen Kulturbetrieb“, ja sogar „der Sonnenkönig“. Der Statist, der war nie dabei. „Ich hab’s sogar zum Edelstatisten gebracht“, erzählt Lehmann mit gespieltem Stolz. „Das ist eine Solorolle, zwar ohne Text, aber immerhin.“

Wenn Lehmann in seinem Büro im dritten Stock der Zentrale des Goethe-Instituts in München sitzt und aus seinem nun schon 75 Jahre dauernden Leben erzählt, hat er so gar nichts von einem Ruheständler, der sich hat breitschlagen lassen, ein repräsentatives Ehrenamt zu übernehmen, und ansonsten auf seine Erfolge zurückblickt. Eher wirkt „P“, wie der Präsident im Goethe-Institut gleichermaßen ehrfürchtig wie liebevoll genannt wird, wie einer, der sich mit seiner Biografie für weitere Aufgaben empfehlen möchte. Von welcher Station seiner Karriere er auch spricht, immer ist die Leidenschaft zu spüren, mit der er die jeweilige Aufgabe angepackt hat.

Lisa und Klaus-Dieter Lehmann während einer Dienstreise in Kuba: „Ich habe immer sehr viel Glück gehabt“ Lisa und Klaus-Dieter Lehmann während einer Dienstreise in Kuba: „Ich habe immer sehr viel Glück gehabt“ | Foto: Reinhard Maiworm Und es ist eine reine Erfolgsgeschichte. Fast denkt man, da geht etwas nicht ganz mit rechten Dingen zu. Alles, was dieser Mann in Angriff nimmt, bringt er auch zu einem guten Ende. Lehmann selbst ist etwas ratlos, wenn er nach seiner größten Niederlage gefragt wird. „Ich habe immer viel Glück gehabt“, sagt er. Erst nach längerem Nachdenken fällt ihm doch noch ein Rückschlag aus seiner Zeit als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein. Oder vielleicht eher ein Schönheitsfehler: „Ich hätte gern die Gemäldegalerie im unmittelbaren Umkreis der Museumsinsel untergebracht. Das wäre wirklich der Wurf gewesen. Aber das ist leider nicht gelungen.“

Aber jetzt mal eines nach dem anderen: Klaus-Dieter Lehmann wurde am 29. Februar 1940 in Breslau als Sohn einer Schneiderin und eines Beamten geboren. Die allerersten Kindheitserinnerungen sind friedlich, da war dieser geschützte Hinterhof, in dem die Kinder spielen konnten, als die Bomberstaffeln noch weit weg von Breslau waren. Aber gegen Ende des Krieges mischen sich auch andere Erinnerungen darunter, die sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben: Fliegeralarm, Flucht in den Luftschutzkeller, brennende Straßen, einstürzende Häuser, um ihr Leben laufende Menschen. Und auch die bellenden Stimmen von Hitler und Goebbels aus dem Volksempfänger. Im Januar 1945 dann die Flucht – gemeinsam mit Mutter und Großmutter auf dem letzten Flüchtlingszug, den sein Großvater fuhr.

Das Fenster zur Welt

Zuflucht fand die kleine Familie in der oberfränkischen Kleinstadt Rehau, wo Klaus-Dieter Lehmann nach Kriegsende eine unbeschwerte Kindheit verlebte. Hier entdeckte er auch die Liebe zu den Büchern, die sein ganzes Leben prägen sollte. Während andere Buben seines Alters noch von einer Karriere als Lokomotivführer träumten, wollte er, der Enkel eines leibhaftigen Lokomotivführers, schon Bibliothekar werden. Die Familie in Rehau, bei der die Lehmanns untergekommen waren, hatten einen schweren Eichenschrank voller Bücher. Hier kam es im Alter von fünf Jahren zum ersten Kontakt mit Wilhelm Busch. Und dann gab es da noch einen anderen Ort in Rehau, der für den Heranwachsenden zur beinahe täglichen Anlaufstelle wurde – die Leihbibliothek. Meterweise verschlang er die Bücher, die er dort fand, von Karl May bis Goethe. „Meine Welt war mir zu klein“, erzählt Lehmann heute. „Aber die Literatur hat mir das Fenster zur Welt da draußen geöffnet.“

Im Gespräch mit der Autorin und Dramaturgin Nike Wagner: „Nur repräsentieren, das könnte ich nicht“ Im Gespräch mit der Autorin und Dramaturgin Nike Wagner: „Nur repräsentieren, das könnte ich nicht“ | Foto: Maik Schuck Der Weg in die Welt da draußen führte dann zunächst nach Düsseldorf. Auch hier waren es zwei – nun deutlich größere – Bibliotheken, in denen Lehmann einen großen Teil seiner Zeit verbrachte. Aber auch die Jazzclubs und eben das Theater, wo er sich als Statist verdingte. „Ich habe die Atmosphäre am Theater geliebt, aber ich hatte nie den Eindruck, dass ich das Talent hätte für eine Karriere als Regisseur, Dramaturg oder gar Schauspieler.“

Dennoch überrascht die Karriere, die der Liebhaber der schönen Künste zunächst einmal einschlug. Ausgerechnet Mathematik und Physik studierte Lehmann – zum einen, weil die Freunde in seiner Clique das auch taten und man so zusammenbleiben konnte, zum anderen, weil ihm Skrupel gekommen waren, ob die Literatur wirklich als Brotberuf taugte. Die Naturwissenschaften jedenfalls taten es. Und wie so oft in seinem Leben hat Lehmann seine Sache mit großem Erfolg gemacht. Studium in Köln und Mainz, dann Max-Planck-Institut, und schließlich klopften die Amerikaner an die Tür. Lehmann hatte ein massenspektrometrisches Verfahren entwickelt, um kleine Spurenelemente zu messen. Da US-Wissenschaftler damals über keine solche Methode verfügten, brachte man kurzerhand das Gestein, das Armstrong und Co. 1969 vom Mond mitbrachten, nach Mainz zur Untersuchung.

Vermitteln, Kommunizieren, Allianzen schmieden

Dann der scheinbare Bruch: Mit 27, Lehmann war als Wissenschaftler bereits etabliert und blickte einer vielversprechenden Karriere entgegen, entschied er sich für einen Neuanfang. Er begann ein zweites Studium und wurde Bibliothekar. Inzwischen wurden Literaturproduktion und -vertrieb über Computer und Netze organisiert, ein Anwendungsbereich, den Lehmann aufgrund seiner akademischen Ausbildung beherrschte. Eine Anekdote, die Lehmann noch heute gern erzählt, trug sich in der Landes- und Hochschulbibliothek in Darmstadt zu, seiner ersten Station. Dort gab es eine Patentschriftenstelle. Meterhohe Regale mit überbordenden Papierstapeln enthielten die Fortschritte technischer Innovation. Ein mühsames Suchen für Patentanwälte und Erfinder. Wie umständlich und zeitraubend dachte sich Lehmann und ging – als die Kollegen im Urlaub waren – auf Sponsorensuche bei Darmstädter Unternehmen, schaffte ein paar Maschinen an und stellte die Patentschriftenstelle auf Lochkarten um. Sie enthielten in einem kleinen Mikrofilmfenster die Patentschrift. Durch die Codierung der relevanten Schlagwörter auf der Lochkarte sortierte die Maschine im Nu die richtige Patentschrift aus. Trotzdem: kein ungefährliches Unterfangen. „Im Grunde hatte ich ja eine Unbotmäßigkeit begangen.“ Aber der Bibliotheksdirektor sah den großen Nutzen der eigenmächtigen Aktion seines Referendars und verzichtete auf disziplinarische Maßnahmen. „In mein Zeugnis hat er dann nur geschrieben: ,Leicht vorpreschend.‘ Das fand ich so schön.“ Und so erscheint der Umweg über die Mathematik und Physik im Nachhinein als unausweichlicher Schritt auf dem Weg zum Ziel. „Die Rechnung ist aufgegangen“, so Lehmann selbst. „Passion und akademische Ausbildung sind zusammengelaufen.“

Auf dem Podium mit Kanzlerin Angela Merkel: In Berlin ist Lehmann gut vernetzt Auf dem Podium mit Kanzlerin Angela Merkel: In Berlin ist Lehmann gut vernetzt | Foto: Goethe-Institut Der kleine Ausflug in die Naturwissenschaft hat sich allerdings auch privat gelohnt: Beim Studium lernte Lehmann nämlich Lisa Schiep kennen. Mit der Geophysikerin ist er in diesem Jahr genau 50 Jahre verheiratet. Die beiden gemeinsamen Kinder sind mittlerweile Anfang vierzig und stecken mitten in ihren Karrieren als Jurist und Psychotherapeutin.

Die nächsten 25 Jahre schließlich galten den Bibliotheken, eine Zeit, in der es viel Überzeugungsarbeit zu leisten gab, aber auch den einen oder anderen harten Kampf auszufechten. Denn Lehmann ist keiner, der sich zufrieden damit gibt, einen Zustand, den er vorfindet, zu verwalten. Wo Lehmann hinkommt, landet alles auf dem Prüfstand, vieles wird erneuert, da werden neue Dienstleistungen für Kunden entwickelt, interne Abläufe optimiert. Das war so an der Universitätsbibliothek Frankfurt, wo er schon mit 33 Jahren Direktor wurde, und das war so bei der Deutschen Bibliothek, deren Chef er 1988 wurde und die er nach dem Fall der Mauer mit der Leipziger Deutschen Bücherei zusammenführte. Damals waren Lehmanns Kernkompetenzen gefragt wie vielleicht noch nie zuvor: Vermitteln, Ermöglichen, Kommunizieren, Allianzen schmieden. „Das ist das, was ich ganz gut kann.“

„Ich bin ein großer Anreger“

1998 war es dann wieder Zeit für etwas Neues. „Es war ja alles gemacht.“ Lehmann wurde Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. „Das war schon eine Krönung. Ich war Herr über eine Staatsbibliothek, ein geheimes Staatsarchiv und 18 Museen. Und ich hatte die Aufgabe, das alles neu zu ordnen.“ Keine leichte Aufgabe, denn die 18 Museen hatten natürlich auch 18 selbstbewusste Direktoren. Aber wen interessiert schon eine leichte Aufgabe? „Zieht Euch warm an!“, stand auf der Einladungskarte zu Lehmanns Amtseinführung. Man kann das ganz wörtlich verstehen, die Veranstaltung fand schließlich im Winter in der Ruine des Neuen Museums statt. Man kann es aber auch anders verstehen.

Kulturdialog beginnt beim Gewand: Auf Reisen kleidet sich Lehmann auch gern mal der Landessitte entsprechend Kulturdialog beginnt beim Gewand: Auf Reisen kleidet sich Lehmann auch gern mal der Landessitte entsprechend | Foto: Sabine Hartert Das Neue Museum, das ist auch heute noch Lehmanns größter Stolz. „Da habe ich viel durchgemacht. Aber für mich war klar: Wenn ich gehe, muss dieses Haus fertig sein.“ Und so stark der Gegenwind für ihn und seinen Mitstreiter, den Architekten David Chipperfield, anfangs auch war – bei der Wiedereröffnung gab es nur noch Beifall. Wie auch für Lehmanns „Erfindung“ des Humboldt-Forums, die beinahe en passant geschah. Die aufgeregte Diskussion um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses war gerade in vollem Gange, als Lehmann den Vorschlag machte, doch endlich mal nicht nur über die Fassade, sondern auch über den Inhalt zu reden. Und natürlich gleich eine Idee mitlieferte: Man könne hier doch die außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem ansiedeln. Eine Idee, die er trotz aller Bescheidenheit heute selbst noch als genial bezeichnet. „Es ist doch fantastisch, dass der vornehmste Platz in Berlin genau gegenüber der Museumsinsel das Werden dieser Welt in den Weltkulturen zeigt.“

Präsident des Goethe-Instituts ist Klaus-Dieter Lehmann seit 2008. Begleitet hat er die Geschicke des Kulturinstituts jedoch schon viel länger. Schon ab 2002 war Lehmann Vizepräsident, und mit seiner Vorgängerin Jutta Limbach agierte er als eingespieltes Team. Sie war es denn auch, die den Vorschlag, er solle ihr Nachfolger werden, so geschickt präsentiert hat, dass Widerspruch von vornherein zwecklos erschien. Den Job, der eigentlich ein Ehrenamt ist, hat Lehmann längst zum Hauptamt gemacht. „Nur repräsentieren, das könnte ich auch gar nicht.“ Er sieht sich vielmehr als „großen Anreger“. Im Zusammenspiel mit Generalsekretär Johannes Ebert und dem kaufmännischen Direktor Bruno Gross kümmert sich Lehmann dabei vor allem um die strategischen Leitlinien des Goethe-Instituts. In seine Amtszeit fallen tiefgreifende Strukturreformen, die Stichworte lauten Dezentralisierung, Regionalisierung und Budgetierung. Was nüchtern und bürokratisch klingt, schlug sich in Wirklichkeit in einer neuen Beweglichkeit des Goethe-Instituts nieder. Nach harten Jahren, in denen das Institut aus dem Fokus der Politik geraten war, ging es nun wieder bergauf. Bestes Zeichen: Weltweit wurden Goethe-Institute neu gegründet oder wiedereröffnet – von Nowosibirsk über Myanmar bis Kinshasa. Und aktive kulturelle Netzwerke entstanden mit den Partnern in der Welt. Unterstützung fanden Lehmann und das Goethe-Institut sowohl bei den Reformen als auch bei der Ausstattung besonders durch Außenminister Steinmeier, für den der kulturelle Dialog von großer Bedeutung für die Gestaltung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ist.

„Herr Lehmann“? Natürlich hat er den gelesen

Neben seinem Goethe-Job hat Klaus-Dieter Lehmann noch zahlreiche andere Aufgaben, so sitzt er in fast allen wichtigen Buchpreisgremien, ist Schirmherr der Komischen Oper, gehört dem Verwaltungsrat des Deutschen Museums an, ist Honorarprofessor an zwei Universitäten et cetera. Und das Erstaunliche: Trotz allem findet er immer noch die Zeit für das, mit dem alles ja mal angefangen hat und was ihm noch heute das Wichtigste ist: die Bücher. „Ich hab’ eigentlich immer ein Buch dabei.“



Ob Gabriel Marcía Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit, Günter Grass’ Blechtrommel oder Nino Haratischwilis Das achte Leben – am liebsten sind ihm realistische Romane. „Es muss für mich die große Erzählung sein. Ich lass’ mich gern reinziehen.“ Aber auch die neuere deutsche Literatur liest Lehmann natürlich. Herr Lehmann von Sven Regener etwa. „Ja, natürlich habe ich den gelesen. Und zwar mit Genuss. Ist ja eine wunderbare Geschichte.“

Eigentlich hatte Klaus-Dieter Lehmann, der wie viele geborenen Breslauer inzwischen Berlin zu seiner Heimat erkoren hat, aber das Wechselspiel zwischen Berlin und München belebend findet, für seinen Lebensabend einen besonderen Plan: Er wollte ein paar alte Bleisätze und Druckmaschinen vor dem Verfall retten. „Und wenn ich mal pensioniert bin, habe ich mir gedacht, richte ich mir meine eigene Druckerwerkstatt ein und mache meine eigenen Bücher.“ Eine sehr schöne Vorstellung, wie Klaus-Dieter Lehmann da im Druckerkittel an den alten Maschinen steht und den Druck überwacht. Es wird wohl eine Vorstellung bleiben. Denn Ruhestand, das ist nichts für einen wie Lehmann.

-db-