Ibsen in Indien Mit Dr. Stockmann auf Reisen

Christoph Gawenda alias Dr. Thomas Stockmann: Die Schauspieler werden  beschimpft, belacht und angegangen
Christoph Gawenda alias Dr. Thomas Stockmann: Die Schauspieler werden beschimpft, belacht und angegangen | Foto: Susanne Burkhardt

Schauspieler spielen, Zuschauer schauen zu. Diese Arbeitsteilung gilt bei Thomas Ostermeiers Volksfeind nicht. Hier wird auch das Publikum zum Akteur. Jetzt hat sich der Regisseur mit seiner Inszenierung auf den Weg nach Indien gemacht – und Begeisterungsstürme geerntet. Von Susanne Burkhardt

Kalkutta. Samstagabend. Eine lange Warteschlange zieht sich um mehrere Häuserblocks. Sie beginnt am Kala Mandir, einer Spielstätte im Zentrum der Stadt. In einer Stunde beginnt hier das Gastspiel der Berliner Schaubühne. Thomas Ostermeiers Inszenierung des Ibsen-Stücks Der Volksfeind steht auf dem Spielplan. Nach Stationen in Argentinien, Griechenland, Russland und Frankreich reist das Stück auf Einladung des Goethe-Instituts jetzt durch Indien. Vor drei Tagen begeisterte das Spiel um Korruption und Meinungsfreiheit bereits die Zuschauer eines Theaterfestivals in Delhi. Jetzt warten in der einstigen indischen Hauptstadt vor allem Studenten, Künstler, Theaterleute, Filmemacher und Musiker geduldig, um einen der 1.100 Plätze zu ergattern. Der Eintritt ist frei.

Einige von ihnen haben schon mal eine deutsche Inszenierung gesehen, zum Beispiel Henry V. – im Max-Müller-Bhavan, wie das Goethe-Institut in Indien heißt. Drinnen, im Saal probt nun Thomas Ostermeier. Die Stimmung könnte besser sein: Ein Schauspieler ist krank und muss die Probe schwänzen, der Vorhang ist zerknittert, die Leiter lässt sich nicht zusammenklappen und das Puppenbaby schreit zu früh. Übliche Gastspiel-Probleme.

Dann öffnen sich die Türen, schnell sind alle Plätze besetzt. Eineinhalb Stunden lang verfolgen die Zuschauer über die englischen Übertitel Dr. Stockmanns Abrechnung mit einem korrupten System. Den Kampf des Badearztes, der entdeckt, dass das Wasser seines Heilbades vergiftet ist, gegen die örtliche Politik, die den Umweltskandal vertuschen wollen und dafür die Presse unter Druck setzt.

Ostermeier lässt das Stück im westlichen Hipster-Milieu spielen. Passend dazu stellt der Regisseur dem Ibsen-Text ein Manifest zur Seite: Der kommende Aufstand. Eine flammende Revoluzzer-Rede, in der mit Themen wie Familie, Konsum und Selbstfindung abgerechnet wird – und mit all dem „was es nicht alles an Prothesen braucht um ein Ich zusammenzuhalten“. Die Schauspieler, überwältigt von den ersten Eindrücken ihres Indien-Aufenthaltes, sind unsicher, ob diese „europäischen Luxusprobleme“ hier wirklich die Leute erreichen.

Ostermeier (mit Sonnenbrille) und Mitglieder des Schaubühnen-Teams auf Spaziergang in Old Delhi: Themen einer globalisierten Welt Ostermeier (mit Sonnenbrille) und Mitglieder des Schaubühnen-Teams auf Spaziergang in Old Delhi: Themen einer globalisierten Welt | Foto: Susanne Burkhardt Nach eineinhalb Stunden öffnet sich die Inszenierung: Jeder im Publikum, der so denke wie Stockmann, solle sich melden. Viele Hände gehen hoch. Eine wilde Diskussion beginnt, in deren Argumenten die einstige kommunistische Vergangenheit Kalkuttas durchaus zu spüren ist. Nach einem Votum für die Familie als Kern der Gesellschaft, kommen vor allem die Konsumkritiker zu Wort: Man werde falsch informiert, produziere und konsumiere zu viel, heißt es – das alles auf Kosten der Umwelt. Die Schauspieler aus dem Westen schlüpfen in die Rolle der Konsumverteidiger: Es sei doch gut, konsumieren zu können – argumentiert David Ruland als Verleger Aslaksen und wird dafür ordentlich attackiert.

Eine Zuschauerin vergleicht die Zustände in Stockmanns Heilbad mit der Vertuschung von Fakten im Fall Tschernobyl. Es geht heiß her. Das indische Publikum diskutiert leidenschaftlich, selbstbewusst und meinungsstark. Die Schauspieler werden ernst genommen in ihren Rollen, beschimpft, belacht und immer wieder angegangen. So wie auch schon in Delhi, wo Stockmanns Situation mit der des Whistleblower Edward Snowden verglichen wurde und die Frage auftauchte, warum er seinen Bericht über das verdreckte Wasser nicht einfach twittere.

Nach dem Schlussapplaus trifft man auf begeisterte Zuschauer, die besonders von den tollen Schauspielern und vom Mitmach-Faktor der Inszenierung beeindruckt sind. Ein Mittelschichtspublikum, dessen Lebenswirklichkeit von den Themen des Abends durchaus berührt wird. Weil diese Themen längst Themen einer globalisierten Welt geworden sind.

Am nächsten Morgen dann zieht die 30-köpfige Schaubühnentruppe weiter – zur letzten Station der Tournee im südlichen Chennai.