Ruth Hartmann über Beirut „Selbst nach einem Anschlag blicken die Menschen nach vorne”

Nicht immer schön und trocken: Im Winter kann es an der Corniche auch mal nass werden
Nicht immer schön und trocken: Im Winter kann es an der Corniche auch mal nass werden | Foto: Goethe-Institut Libanon / Ruth Hartmann

Die Beiruter genießen jeden Tag, wie er ist, sagt Ruth Hartmann. Im Interview erzählt die Goethe-Mitarbeiterin, warum das Wort „Zukunftsangst” hier nahezu unbekannt ist.

Stimmt es eigentlich, dass man bei Ihnen zurzeit morgens die Skipiste unsicher machen und sich nachmittags in die Fluten des Mittelmeers stürzen kann?

Hartmann: Derzeit geht das nicht, denn wir haben an der Küste zehn bis 15 Grad und bis zu sieben Meter hohe Wellen – da möchte niemand schwimmen gehen. Aber wenn es viel geschneit hat und die Temperaturen angenehm sind, ist es im April oder Mai tatsächlich möglich: morgens zum Skifahren in die Berge und später wieder runter ans Meer in die Sonne.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Beirut?

Definitiv die Corniche, die Strandpromenade in Beirut. Ich habe fest vor, irgendwann eine Fotoserie dort zu machen, denn an der Strandpromenade trifft man wirklich alle Leute: egal ob reich oder arm, mit Kopftuch oder in Hotpants, Liebespaare, Großfamilien, Geschäftspartner, BMX-Fahrer, Inline-Skater, Hundebesitzer – und irgendwie sind alle glücklich.

Was vom früheren Beirut City Center übrig blieb: das „Beiruter Ei” des libanesischen Architekten Joseph Phillipe Karam Was vom früheren Beirut City Center übrig blieb: das „Beiruter Ei” des libanesischen Architekten Joseph Phillipe Karam | Foto: Goethe-Institut Libanon / Ruth Hartmann Wofür ist die Stadt zu Unrecht nicht berühmt?

Für ihre Kreativität. Ich habe noch nie so viele neue Geschäftsideen erlebt wie hier, es machen permanent neue Läden auf. Gerade die jungen Libanesen haben richtig gute Einfälle. Im künstlerischen Bereich gibt es in Beirut unheimlich viele Graffiti-Künstler. Darunter finden sich auch häufig Graffitis mit politischen Aussagen.

Wie hat Beirut Ihr Leben verändert?

Im Bürgerkrieg von Kugeln durchsiebt, wandelte sich die Statue am Märtyrerplatz zu einem Symbol der Zerstörung Im Bürgerkrieg von Kugeln durchsiebt, wandelte sich die Statue am Märtyrerplatz zu einem Symbol der Zerstörung | Foto: Goethe-Institut Libanon / Ruth Hartmann Ich glaube, ich bin entspannter geworden. Wenn man aus Deutschland kommt, sehr an die Zukunft denkt und ein durchgeplantes Leben gewohnt ist, stellt man in Beirut plötzlich fest: Besser von heute auf morgen leben, denn man weiß nie, was morgen passiert. Anders kann man das Leben hier auch nicht genießen. Wenn man immer nur Angst hat, was morgen passieren könnte, dann würde man seines Lebens nicht mehr froh werden.

Worin unterscheiden sich die Libanesen am meisten von den Deutschen?

Wir haben momentan ein Projekt zu Deutschen, die im Libanon leben oder sich hier längere Zeit aufgehalten haben. Uns interessieren dabei die Stereotype, die sie haben und ob sich diese bewahrheiten oder nicht. Typisch ist die Aussage einer Deutschen, die schon seit 40 Jahren im Libanon lebt. Sie sagte im Interview, dass sie sich immer noch nicht an dieses In-den-Tag-hinein-Leben gewöhnt hat. Sie ist im Inneren immer noch deutsch, mit diesem Planen und der Zukunftsangst. Ich bin mir nicht sicher, ob es das Wort Zukunftsangst in anderen Sprachen überhaupt gibt. Hier jedenfalls nicht.

Was machen Ihre Arabischkenntnisse?

Die Straßen Beiruts zieren viele Graffitis – hier das Werk der libanesischen Zwillingsbrüder Ashekman Die Straßen Beiruts zieren viele Graffitis – hier das Werk der libanesischen Zwillingsbrüder Ashekman | Foto: Goethe-Institut Libanon / Ruth Hartmann Naja, ich bin schon seit zehn Jahren in der Region und hatte vorher schon an der Uni Arabisch gelernt. Auch wenn sich meine Kollegen immer wieder über meinen Akzent amüsieren, den ich mir in den fünf Jahren in Kairo angewöhnt habe, spreche ich fast fließend Arabisch. Die Sprache wirklich richtig zu können, schaffen nur sehr wenige. Es ist auch bei mir noch so, dass ich gewisse Lautunterschiede nicht höre.

Warum lernen Libanesen Deutsch?

Es gibt zwei Gruppen von Studenten: Zum einen sind es Schüler, die grundlegende Sprachkenntnisse für ein Visum zur Familienzusammenführung nachweisen müssen. Den Großteil machen aber Studenten aus, die in Deutschland weiterstudieren wollen und die daher Prüfungen auf höherem Sprachniveau ablegen müssen. Sie sind extrem motiviert, ihr Ziel zu erreichen, und interessieren sich auch sehr für unsere zusätzlichen Angebote wie Filmabende oder Diskussionsrunden zur deutschen Geschichte.

Was hat Sie in Beirut am meisten überrascht?

Lässt die arabische Welt nicht mehr los: Goethe-Mitarbeiterin Hartmann Lässt die arabische Welt nicht mehr los: Goethe-Mitarbeiterin Hartmann | Foto: Private Überrascht? Die Lebensfreude! Selbst wenn es wieder einen Bombenanschlag gab oder in der aktuellen politischen Krise ohne Präsidenten – die Menschen blicken immer nach vorne und sagen: Es wird schon wieder. Das ist eine Einstellung, von der sich die Deutschen wirklich etwas abschneiden können.

Was möchten Sie in Beirut unbedingt noch erleben?

Oh, da gibt es ganz viele Sachen. Das bezieht sich zwar nicht auf Beirut allein, sondern auf den ganzen Libanon, aber: Ich plane schon seit langer Zeit nach Tripoli zu fahren, um das von dem brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer gestaltete Messegelände zu besichtigen. Das wurde zwar nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 niemals eingeweiht, ist aber traumhaft schön, wenn man den Bildern glaubt. Momentan lässt die politische Situation eine solche Reise aber leider nicht zu.

Die Fragen stellte Viola Heth
 

Ruth Hartmann, geboren 1974, studierte Politikwissenschaften in Bonn, bevor die arabische Welt sie in ihren Bann zog: Nachdem sie bereits von 2003 bis 2007 in Beirut gelebt und gearbeitet hatte, tauchte sie anschließend für fünf Jahre in das Kairoer Leben ein und arbeitete am dortigen Goethe-Institut. Anfang 2014 waren es dann das Meer und die gute Luft, die sie zurück in die libanesische Hauptstadt lockten. Dort kümmert sie sich seither um den Bereich Information und Bibliothek des Goethe-Instituts. Streift sie in ihrer Freizeit nicht gerade mit Kamera oder Buch durch die Beiruter Straßen, genießt sie die Nähe zum Meer, um ausgiebig Sport zu treiben.