Rumjana Zacharievas „Bärenfell“ Vergangenheits-
bewältigung in eigener Sache

Die Bären lassen Rumjana Zacharieva nicht mehr los Bernd Zabel
Die Bären lassen Rumjana Zacharieva nicht mehr los | Foto: Stefan Rutzmoser
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Wer kann schon davon erzählen, wie ihr oder ihm ein Bärenfell gewachsen ist? Rumjana Zacharieva! Die Deutsch schreibende Autorin bulgarischer Herkunft kennt sich mit Bären aus. Von Bernd Zabel

Schon als Kind war Zacharieva den Bären in den Gebirgen des Balkans auf der Spur. Und kommt bis heute nicht von ihnen los. Zacharievas Werdegang ist eine komplizierte Geschichte, aus heutiger Sicht nicht leicht zu verstehen, und eigentlich eine bulgarische Version vom Drama des begabten Kindes (Alice Miller). Die Gedichte des Teenagers fallen auf. Während die Mehrheit der Literaten das Hohelied der Partei singt, verblüfft die Schülerin mit frischen Bildern und neuen Tönen. Impressionen aus der Natur wechseln mit einfühlsamer Liebeslyrik. In der Schule – der einzigen englischsprachigen in Bulgarien – wird sie freigestellt, um der Einladung in die Akademie folgen zu können.

Die Ansprüche und Erwartungen der Außenwelt steigen unaufhörlich und drohen sie zu überwältigen. Sie legt sich ein Bärenfell zu, das immer dichter wächst. Sie begibt sich in Gefahren, wird missbraucht, erkrankt und droht auf ganzer Linie zu scheitern. Da ergibt sich die Gelegenheit zu einer Auslandsreise.

Sie gelangt nach Deutschland. Hier heiratet sie, wird Mutter und wagt sich viele Jahre später an die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte. Sie kann sich das Geschehene auf Deutsch von der Seele schreiben. Nicht als einfache Biografie, sondern in einem eklektischen Stil aus Traumsequenzen, lyrischen Elementen und idiomatischen Wendungen, der die deutsche Sprache um eine neue Nuance bereichert.

Ganz nebenbei und sehr persönlich erlebt der Leser dabei auch die jüngste bulgarische Geschichte nach. Erlebt sie nach auf einer Reise, die noch einmal nach Bulgarien führt, an die Schauplätze der frühen Jahre, die Stadt Russe an der Donau und in die Berge der Stara Planina. Erst jetzt löst sich das Bärenfell langsam ab. Und wer erscheint? Lesen Sie selbst: Rumjana Zacharieva, Bärenfell. Verlag Horlemann, Berlin 1999.
 

Bernd Zabel wurde 1950 geboren und wuchs in der Rattenfänger-Stadt Hameln auf. Der Weg vom Schiller-Gymnasium zum Goethe-Institut führte über die Unis in Tübingen, Heidelberg und Berlin. 1978 promovierte der Literaturwissenschaftler mit einer Arbeit über die Kriegsdarstellung in den ersten Romanen nach 1945. Für das Goethe-Institut arbeitet er bereits seit 1981, unter anderem in Brasilien, Japan, Serbien, Schweden – und seit vier Jahren in der Zentrale im Fachbereich Literatur und Übersetzungsförderung. Dass sich die Zentrale des Goethe-Instituts in München befindet, trifft sich gut, denn in der Freizeit zieht es Zabel vor allem in die Bergwelt, bevorzugt die Tirols und Bayerns, und sehr gern auf, an und in die oberbayerischen Seen.