Kiruna Packt die Stadt ein – wir ziehen um!

Kiruna in einer Collage: Der Erinnerung auf der Spur
Kiruna in einer Collage: Der Erinnerung auf der Spur | Copyright: Liselotte Wajstedt

In Nordschweden muss eine ganze Stadt umziehen. Kiruna, für den Bergbau gegründet, muss diesem nun weichen. Liselotte Wajstedt nimmt an Kirunatopia, einem Projekt des Goethe-Instituts, teil. Was der Umzug bedeutet, hat sie als Einheimische beobachtet – und als Künstlerin verarbeitet. Von Anne Kilgus

Die nördlichste Stadt Schwedens hat eine recht kurze Geschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Kiruna gegründet, um die Arbeiter der nahegelegenen Eisenerzmine zu beheimaten. Bis heute ist fast jeder der etwa 20.000 Einwohner direkt oder indirekt mit der Bergbaufirma LKAB verbunden. Ohne den Eisenerzabbau könnte die Stadt nicht bestehen, gleichzeitig wäre der Bergbau ohne die Menschen in Kiruna unmöglich. Kaum erstaunlich also, dass die Arbeit in der Mine die Identität der Einwohner von Kiruna bestimmt. Der Bergbau gehört zum Alltag. Eine Explosion in der Nacht beunruhigt hier niemanden, erschüttert tagsüber ein Erdstoß die Stadt, bangt man um Familienmitglieder, die unter Tage in der Mine arbeiten.

So wie es die Identität formt, einer bestimmten Berufsgruppe anzugehören, bestimmt auch der Ort an dem wir uns sicher und zu Hause fühlen, wer wir sind. Die Straßen, auf denen wir als Kinder gespielt haben, das Elternhaus, die erste eigene Wohnung – mit all diesen Orten sind wertvolle Lebenserinnerungen fest verbunden. Was, wenn sie verschwinden? In Kiruna steht dieses Szenario kurz bevor. Da der Eisenerzabbau immer weiter fortschreitet, muss die Stadt nun umziehen. Das neue Stadtzentrum, wenige Kilometer entfernt, ist bereits geplant, die ersten Wohngebiete sind geräumt und warten auf ihren Abbruch. In wenigen Jahren soll das neue Kiruna zum Leben erwachen.

Liselotte Wajstedt bekommt das alles hautnah mit. Die Künstlerin und Filmemacherin wurde Anfang der Siebzigerjahre in Kiruna geboren. Mit 17 Jahren zog sie in den Süden des Landes, ihrer Heimatstadt blieb sie jedoch immer eng verbunden. Umso betroffener machte sie die Nachricht vom bevorstehenden Umzug. Sie sah ihren Zufluchtsort in Gefahr, das sichere Zuhause, zu dem sie immer zurückkehren konnte. Um zu verhindern, dass mit der Stadt auch ein großer Teil ihrer Identität verloren geht, kehrte sie zurück und machte sich auf die Suche nach den Orten ihrer Erinnerung, sprach mit Familie und Freunden und versuchte so festzuhalten, was andernfalls im großen Loch zu verschwinden drohte. Dabei entstand ihr Film Kiruna – Rymdvägen/Kiruna - Space Road.



Im Film erzählt Wajstedt die Geschichte der Stadt von ihrer Gründung über den großen Streik 1969/70 bis heute. Sie spricht mit ihrer Familie über das Leben in Kiruna und die Arbeit unter Tage, trifft alte Klassenkameraden, um über alte Zeiten zu sprechen und öffnet dem Zuschauer ihr Gedächtnis und ihr Tagebuch, um auch ihre persönliche Geschichte mit der der Stadt zu verweben. „Eine Stadt ist keine Stadt ohne die Dinge und Geschehnisse mitten darin“, liest der Zuschauer zu Beginn des Films.

Künstlerin Wajstedt in Kiruna Künstlerin Wajstedt in Kiruna | Foto: Lisa Kejonen Sicher lässt die gefühlte Entwurzelung den Umzug der Stadt besonders bedrohlich wirken. Auch darüber hinaus ist er aber nicht ganz problemlos. So werden die Mieten in den Neubauten höher sein als in den alten Wohnungen, die ohnehin schon mangelhafte medizinische Notfallversorgung wird noch weiter eingeschränkt. Und auch die Bewohner der Sami-Dörfer im Umland von Kiruna fürchten um ihre Existenz. Den Menschen, die vom Umzug betroffen sind, bleibt nichts anderes übrig, als die Pläne hinzunehmen – Möglichkeiten zur Mitgestaltung gibt es kaum. Um den Prozess mit einem künstlerischen Blick zu untersuchen und zu begleiten, hat das Goethe-Institut Schweden bereits im Jahr 2011 im Rahmen des Projekts Kirunatopia Künstler aus verschiedenen Ländern nach Kiruna eingeladen. Die Künstler sahen sich das Leben in der Stadt selbst an und verarbeiteten ihre Eindrücke in Beiträgen zu einer Ausstellung, die 2012 in Umeå stattfand. Auch Liselotte Wajstedts Film war Teil der Ausstellung. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, den Menschen etwas von dem abzugeben, was sie bei ihrer Suche nach Erinnerungen gefunden hat. Noch hat sie mit dem Thema Kiruna aber lange nicht abgeschlossen. Ein zweiter Film ist bereits in Arbeit. Dafür spricht Wajstedt mit anderen Menschen, die wie sie vom Umzug betroffen sind – und auch mit denen, die den Prozess aktiv gestalten. Wie wird das neue Kiruna aussehen?



Eine Stadt abzureißen und in einigen Kilometern Entfernung nahezu identisch wieder aufzubauen, das mag in der Theorie ganz einfach sein. Liselotte Wajstedt hält es für unmöglich. „Kiruna ist nach den beiden Bergen benannt, zu deren Füßen die Stadt liegt und die ein wenig wie zwei Schneehühner aussehen, die sich miteinander unterhalten. In der samischen Sprache heißen diese Vögel Giron, und davon leitet sich der Name Kiruna ab. Die neue Stadt wird in einem Tal liegen. Für mich kann das nicht mehr Kiruna sein.“ Trotzdem steht sie dem Umzug nicht ausschließlich skeptisch gegenüber. „Es ist auch aufregend“, sagt sie. Sie wird in der neuen Stadt eine Wohnung kaufen.