Die Stadt und ich Amman – Schwerer Einstieg, schwerer Abschied

Die Dämmerung wirft ihr gnädiges Licht auf die Betonwüste Amman
Die Dämmerung wirft ihr gnädiges Licht auf die Betonwüste Amman | Foto: Sascha Lübbe

Venedig, Paris, New York – es gibt Städte, in die kann man sich sofort verlieben. Doch das geht nicht überall. Als Sascha Lübbe, Teilnehmer des Journalistenaustauschs Nahaufnahme, in die jordanische Hauptstadt Amman kam, wollte er vor allem eines: wieder weg. Ein Plädoyer für die Liebe auf den zweiten Blick.

Ganz ehrlich? Mein erster Gedanke, als ich nach Amman kam, war: Wo geht’s hier wieder raus? Vom Taxifahrer in die Innenstadt gebracht, stand ich plötzlich mittendrin: in einem gigantischen Häusermeer. Die zahlreichen Hügel der Stadt sind komplett zugepflastert mit beige-grauen, auf den ersten Blick vollkommen identischen Häusern. Monoton sieht das aus. Beengt fühlt es sich an. Ein bisschen wie Plattenbau.

Aber das geht vorbei. Amman ist eine dieser Städte, die Zeit brauchen. Drei Tage hat es gedauert, dann hat es bei mir „klick“ gemacht. Da hatte ich die verspielte Fassade des Salon Verte, eines alten Restaurants im Stadtzentrum, entdeckt. Oder die vielen kleinen Gassen, die es in der Stadt gibt. Den improvisierten Suq mit seinen laut feilschenden Gemüsehändlern. Vor allem aber: die auffallend freundlichen Menschen, die aus verschiedenen Teilen der Welt kommen und die wie nichts anderes das Wesen dieser Stadt ausmachen.

Syrer, Ägypter, Somalier – sie alle drängen sich dicht an dicht durch die Straßen, stehen gemeinsam hinter den Theken der Restaurants und Bäckereien. Und natürlich ist das nur auf den ersten Blick ein friedliches Nebeneinander, natürlich gibt es auch Rassismus in Amman. Nicht wenige Jordanier sehen Ägypter nur als billige Arbeitskräfte, Philippinerinnen als Putzhilfen und Kindermädchen. Dennoch ist diese Mischung beeindruckend. Und einzigartig.

Und: Sie machte auch vor meiner Gastredaktion, der Jordan Times, nicht halt. Die Chefin vom Dienst kommt aus Indien, ihre Stellvertreterin aus Rumänien. Es gibt serbische Reporter und amerikanische Schlussredakteure. Die „Vereinten Nationen“ nennt sich die Redaktion im Spaß. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist diese unglaubliche Ruhe, mit der sie ihre Arbeit tun. Keine Hektik, kein lautes Wort, keine schlechten Stimmungen. Familiär geht es zu. Und wenn es doch mal später wird, gibt es immer noch die Telefondurchwahl 25. Wenn man die wählt, kommt jemand und bringt frisch gebrühten Kaffee.

Ein Hauch von Natur im Asphaltdschungel: Urbane Ziegen auf ihrem Weg durch Jordanien Ein Hauch von Natur im Asphaltdschungel: Urbane Ziegen auf ihrem Weg durch Jordanien | Foto: Sascha Lübbe Überhaupt ist Amman eine äußerst dankbare Stadt für ausländische Journalisten. Man ist mittendrin im Nahen Osten und lebt doch in relativer Sicherheit. Das hat der Stadt einerseits eine erstaunliche NGO-Dichte beschert. (Man hat das Gefühl, fast jeder Europäer oder Amerikaner, den man in Amman trifft, arbeitet für eine Hilfsorganisation.) Andererseits führte es auch zu immer wiederkehrenden Flüchtlingsströmen. Ein Thema, das mich besonders interessiert hat.

Jordanien war schon immer ein Einwanderungsland. Lange bevor die Syrer und Iraker kamen, flüchteten Tausende von Palästinensern ins Land. Ihr Anteil an der jordanischen Bevölkerung wird auf weit über 50 Prozent geschätzt. Die meisten kamen nach der Gründung Israels im Jahre 1948 und nach dem Sechstagekrieg. Sie waren es letztlich auch, die aus dem beschaulichen Amman eine wirkliche Hauptstadt machten.

Entsprechend „neumodisch“ sieht die Stadt auch aus. Amman ist kein Traum aus Tausendundeiner Nacht mit malerischer Medina und historischen Stadttoren. Amman ist eine Stadt der Taxis, Staus und Kreisverkehre. Eine moderne Stadt. Oder besser: eine Stadt, die in den sechziger Jahren modern war. Keine Schönheit im klassischen Sinn. Aber doch charmant, auf ihre Art.

„Touristen lieben Beirut. Aber leben will dort keiner“, erklärte mir ein libanesischer Cafébesitzer in Jabal al-Weibdeh, dem „Szeneviertel“ Ammans. „Amman hingegen stößt erst einmal ab. Wer es dennoch aushält, der bleibt.“ Ich fand das treffend. Mein Aufenthalt dauerte vier Wochen. Und es fiel mir schwer zu gehen.